Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Juli 1920 (Berlin)


[1]
|
1. Juli 1920.
Liebste Freundin!
Nachdem ich bis Sonntag Dein großes Packet aufgehoben und mich beherrscht hatte - das kleine war freilich schon längst aufgefressen - habe ich am Montag früh es als erstes geöffnet und mich an dem Inhalt erfreut, der mir viel weniger prosaisch als protzig erschien. In der Tat - ein so kostbares Geschenk habe ich nie zum 27. erhalten. Wenn der Wert durch die Nachfrage wächst, so war er mindestens ein 10facher des Friedens. Denn Nachthemden waren allmählich ein wahrer Notstand bei mir geworden. Nun gar die Mühe Deiner "kunstfertigen" Hand wird sie mir tausendfach lieb machen. Die Blaubeeren haben die Hemden verschont, dafür aber eine Würmer- u. Insektenkolonie begründet, so daß ich sie nur als einen Gruß von Eurem Waldspaziergang sah, nicht mehr. In dem Gebäck habe ich schon ungeheuer gewütet und dabei der schönen Tage in Heidelberg gedacht. Dein lieber Brief kam erst am Montag.
[2]
| Aber mit Dir war ich doch den ganzen Tag in meiner Seele zusammen, dankbar für Vergangenes, Gegenwart und Zukunft.
Nachdem ich Dir so gesagt habe, daß ich recht zufrieden war, will ich hinzufügen, womit ich unzufrieden war. Wenn man eben 12 Folioseiten geschrieben hat, um dem andern das Wichtigste zu sagen, was inzwischen geschehen ist (dieser andere übrigens es nur flüchtig gelesen hat), dann "paßt es nicht", einen persönlichen Brief zu verlangen. Derartige Bemerkungen sind deshalb absolut überflüssig, weil persönliche Briefe, die nicht aus Zeit und Stimmung frei hervorgehen, keinen Wert haben und weil solche Bemerkungen die Stimmung beeinträchtigen. Meine Meinung, Herr Oberst.
Das angebliche Gedicht ist ein Stück aus dem 2. Akt des Empedokles, das man anscheinend für moderne Wahlzwecke zurecht gemacht hat.
Zur Vorfeier des 27. hatte ich mich mit Ludwig verabredet, dem es miserabel zu gehen scheint. Ich will dabei einfügen, daß es bei mir ebenso ist und daß ich andernfalls schon geschrieben hätte. Du würdest (wie alle) über mein Aussehen erschrecken. Kummer,
[3]
| Arbeit und teilweise Hunger sind daran schuld. Wir fuhren nach Pankow und sprachen uns nach langer Zeit einmal gründlich aus. Auch Pütters besuchten wir. Die kleine Rose (Frida) blüht noch immer in ihrer bezaubernden Schönheit in dem Garten, obwohl sie auch schon 27 sein muß, und Karlchen ist ein langer stud. chem., der mich mit seinen treuen, schwärmerischen Augen so ansieht, daß ich in ihn noch mehr verliebt bin. Der Brosesche Park ist ganz unverändert. Du kannst ihn uns für 120 000 M kaufen.
Sonntag gegen 10 ging ich zu Riehls, die mir einen Kuchen und Blumen aufgebaut hatten (er seinen Nietzsche.) Vor dem Hause spielte eine Militärkapelle gerade meine Lieblingssachen, zuletzt einen hoffnungsvollen preuß. Armeemarsch. Abends kam Susanne. Wir waren sehr heiter, aber ich kam halb tot zu Hause an. Dort fand ich Blumen von m. Vetter Carl u. v. Birkemeier, Erdbeeren mit brennender Kerze von Frl. Guttmann, eine Novelle über die Lebensformen anonym (jedoch vermutlich von der Tochter m. Reichsschulkonferenzgegners Pretzel), einen Kuchen von 2 ungenannten Leipziger Schülerinnen und zahllose Briefe. Besonders aber hat mich gerührt, das Frl. Clara mir
[4]
| am Vortage einen Kuchen mit schönen Blumen brachte. Es war der 1. Geburtstag ohne meinen Onkel! Eine Steigerung von Frl. Jacoby um 200 M brachte einen unerquicklichen Briefwechsel. Ich verlange Reparatur des Daches. Außerdem muß ein Zimmer vermietet werden. Deine Reise mußt Du so einrichten, wie es Deine wichtigen Aufgaben dort und hier fordern. Ende September ist mit mir nicht viel zu wollen, weil ich erst am 15. etwa komme u. am 23. schon wieder in Kiel sein muß. Bei der Vermietung könntest Du mir wohl Ende Juli helfen. Im ganzen aber kann mir kein Mensch in dieser Sache helfen; ich nehme sie mehr u. mehr als ein fatum hin, finde aber nur selten die physische u. moralische Kraft, m. Vater zu besuchen, weil sich mir das immer wie ein Alb schon vorher auf die Seele legt.
Montag kam Nieschling; ich mußte zum Staatsexamen. Dienstag war ich in Lichterfelde bei Norden eingeladen u. kam erst um 12 nach Hause (Frl. Klara traf ich nicht.). Gestern war ich bei Elisabeth Lüpke u. kam dann ins Gewitter. Jetzt muß ich zur Sprechstunde u. dann will ich Dora Thümmel vor ihrer Abreise nach Partenkirchen besuchen. Die Vorlesungen gehen ihren Gang. Etwas anderes zu arbeiten, habe ich keine Kraft. Troeltsch erzählt immer von dem Saustall im Ministerium, aus dem er wohl bald gehen wird. | Dies ist für heute alles. Fühle meine Dankbarkeit <li. Rand> u. meine Liebe. Dem verehrten Vorstand danke bitte an meiner statt für sein liebes Gedenken. Ich <Kopf> bin u. bleibe Dein Eduard.
[Kopf] Die Eppenstein ist wieder aufgetaucht.
[re. Rand S. 1] Ich wäre Dir dankbar, wenn Du der Joh. Wezel schreiben könntest, sie möchte Geduld haben mit m. Dank. Ich sei nicht ganz auf der Höhe.
[5]
|<beigefügter Zettel> Für 30 Minuten Reden in Kiel sind mir 1000 M geboten u. alles frei. Ende September. Ich schwanke noch.