Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Juli 1920 (Berlin/Phil. Seminar)


[1]
|
<gedruckt: Philosophisches Seminar
der Universität Berlin.
NW.7, Dorotheenstraße 10.>
13. Juli 20.
Liebste Freundin! Die Hoffnung, Dich so bald hier zu haben, ist mir die größte Freude. Ich bedarf sehr einer gründlichen Aussprache nach den verschiedensten Richtungen hin. Und dann hoffe ich auch auf Deine praktische Hilfe in der Vermietungsangelegenheit Pestalozzistr. 9a, die nicht vom Fleck rücken will. Über m. Wohnungsfrage will ich Dir nur mitteilen, daß ich auf ein Inserat für 25,50 M nur 1 unbrauchbare Offerte mit Preis 50-55 M pro Tag bekommen habe. Da ich nur 4 Tage in der Woche zu Hause essen kann, werde ich wohl wohnen bleiben.
[2]
| Je eher Du kommen kannst, desto lieber ist es mir. Ich habe am Freitag 6-8 Seminar. Da ist natürlich vorher Vorbereitung. Aber Du könntest teilnehmen. Den Sonnabend werde ich mir wenigstens Nachm. für Dich freihalten. Ich bitte um Angabe Deiner Ankunftzeit. Wenn irgend möglich, komme ich an die Bahnsperre.
Gestern war ich auf dem Kirchhof, nach wie, langen Zeiten. Nachher bei Ludwig zum Geburtstage seiner Mutter. Ich fand sie im Sterben. Die Arme hat einen sehr schweren Todeskampf. Das Semester geht zur Neige, mit allerhand neuen Kampfzeichen. Mit Habilitationen und Gutachten habe ich unnötig zu tun. Doch bin ich auch relativ oft in der Umgegend
[3]
| gewesen.
Zu meinem Vater kann ich garkein erträgliches Verhältnis mehr finden. Es ist schrecklich.
Deine Absicht, mir den Spiegeltisch mitzubringen, ist sehr lieb. Aber es wäre doch sehr schön, wenn Du mit einem recht mäßigen Gepäck reisen könntest. Und außerdem ist es wirklich ein Toilettentisch für Damen, der Dir sehr wertvolle Dienste leisten wird. Ich bitte Dich, es nicht falsch zu verstehen, wenn ich meine Du solltest ihn behalten. Willst Du mir durchaus etwas mitbringen, dann leihe mir den Band von Hillebrandt in dem von Napoleons Université impériale die Rede ist. 1804 ff.
Es freut mich herzlich, daß Du Dir angenehme
[4]
| neue Beziehungen gefunden hast, und es gehört zur Zeit daß etwas Herbigkeit dabei ist. Deine Schilderungen von Eurem Leben haben immer etwas von Heidelberger Romantik, die mich sehnsüchtig macht.
Am 6. August plane ich zu reisen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es hier vorher noch kritisch wird. Viele nennen den 15.VII. als Termin.
Es ist kein Genuß, aus dieser Seminarfeder zu schreiben. Deshalb nimm vorlieb. Wir sehen uns ja in 8 Tagen, und ich freue mich unsres Nahewohnens. Grüße bitte Frl. Knaps noch einmal herzlich u. reise mir gut, nicht zu anstrengend u. nicht zu billig.
Innig stets Dein Eduard.

[5]
|
<beigefügter Zettel/auf der Rückseite Vordruck: Abstimmung Nr. Spranger>
Mein Geliebtes! Beifolgend das lange Schriftstück. Heut kamen 2 Packete von Dir. Das große ließ ich geschlossen. Gestern das 1. Examen, vorher Besuch von Nieschling. Erwarte morgen Frl. Kiehm. Frl. Knaps u. Dir innige Grüße
stets Dein Eduard.