Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. August 1920 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 11. August 20.
Liebste Freundin!
Morgen ist es schon eine Woche, daß ich unter Deinem lieben Geleit von Berlin abdampfte. Es ist mir nicht leicht geworden, Dich zurückzulassen. Unsre gemeinsamen Tage in Berlin waren so mit geschäftlichen Dingen angefüllt, daß eine wirkliche Ferienzeit für uns beide wohl verdient gewesen wäre. Ich komme mir wie ein "Ausbeuter" vor, wenn ich sie nun allein genieße. Deine liebe Gegenwart hat mir so vieles erleichtert, wozu ich allein kaum noch Kraft gehabt hätte. Nun sitze ich im Geborgenen, und Du im lauten Berlin. Aber meine Seele ist bei Dir, und tiefer als je empfinde ich:
"Was wär' ich ohne Dich gewesen,
Was würd' ich öhne Dich wohl sein!"
Bis jetzt habe ich noch keine Nachricht von Dir. Doch hoffe ich, daß Du nicht nur im Dienst der anderen aufgehst. Warst Du schon in Schönhausen? Bei Johanna Virchow? bei Scholz u.s.w.?
Von hier ist nun eigentlich nicht viel mehr zu
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| erzählen, als ich schon in m. Karte mitgeteilt habe. Ich bin noch so erschöpft, daß ich kaum ½ Stunde gehen kann. Aber ich schlafe und esse viel, und so werde ich wohl vorwärts kommen. Im Anfang fehlt natürlich der Nervenreiz; es ist - zumal da das Haus leer ist - etwas monoton, wie meist in den ersten Ferientagen. Da hat nun Dora Thümmel geholfen. Nachdem sie bis zu ½ Stunde in der neuen Schiene spazierengegangen war, trat ein Schmerz am kranken Bein auf, der als Sehnenzerrung gedeutet wird, hoffentlich also keinen Rückfall bedeutet. Jedenfalls kann sie garnicht gehn. Ihr Zimmer aber mußte sie heut räumen. Da sind nun Frau Witting und ich (wie wir in Freudenstadt, anno 1912) durch den ganzen Ort gelaufen, an 13 Stellen, bis zur Erschöpfung. Endlich haben wir Geeignetes gefunden.
Felizitas ist sehr lieb und würde jetzt auch Dir gefallen. Sie entwickelt schon kleine Hausfrauentugenden und behandelt mich sehr rücksichtsvoll. Wir reden auch ganz „gebildet“ miteinander, ohne daß sich unser Stoffgebiet nennenswert erweitert
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| hätte.
An meiner Arbeit bin ich in Gedanken unablässig tätig. Ich wälze die große Stoffmasse in meinem Kopf hin und her, oft jubelnd, oft verzweifelnd. Aber die großen Linien sind im ganzen richtig. Lipps' Kniffeleien über Einfühlung helfen mir wenig, stören mich eher. Heut habe ich eine Kategorientafel gemacht und an Riehl zur Begutachtung geschickt. Das ist eben das Schlimme, daß ich die Analyse nicht bis in die feinsten Verzweigungen treiben kann, daß also - wie oft - jeder handwerksmäßige Spezialist mir über ist. Aber die Sache muß gewagt werden, und sie muß jetzt gewagt werden. In den nächsten Tagen beginne ich die Ausarbeitung. Dann werde ich mich als Korrespondent auf das geringste Maß beschränken müssen.
Frau Rohn habe ich kondoliert. Eine Aufforderung, am 1.X. in Stettin zu reden, abgelehnt.
Berge und Spaziergänge interessieren mich diesmal befremdend wenig. Ich bin, wie Hegel
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| sagen würde, ganz in die Rache des Gedankens zurückgezogen. Liebste, es ist die Zeit des Gebärens. Die gleichen Schmerzen und Freuden, die Deine liebe Schwester haben wird, muß auch ich auf mich nehmen. Eigentlich mehr qualvoll als ferienhaft ist es. Aber laß mich glauben, daß ich das, was mir gelingt, auch Dir als Geschenk darbringen darf, als eine schwache Rechtfertigung der aufopfernden Liebe und Treue, die Du mir widmest. Dein Bild ist in alles hineingewoben, und ich denke der tausend Gespräche über diesen Gegenstand, in Reichenau, in Heidelberg, in Cassel.
Gegenüber dem finanziellen Ruin - hier kostet Sa summarium doch wohl jeder Tag 55 M will ich auch gleichgiltig sein, wenn ich nur das Kind zur Welt bringe.
Grüße die lieben Deinen vielmals. Sage dem Herrn Dr. Karl, daß ich heut seine beste Zigarre vor meinen Gedankenwagen vorgespannt habe. Und bleibe mir nahe, wie ich Dich hersehne.
Viel herzliche Grüße
Dein Eduard