Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1920 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 18. August 1920.
Liebste Freundin!
Deine gestern erhaltenen lieben und mir sehr erfreulichen Zeilen beantworte ich auf dem sonnigen Balkon, freilich mit der schlecht leserlichen Nachmittagshandschrift. Mein Herz ist voll von Dank, für alles, was Du inzwischen wieder für mich getan hast. Jedesmal, wenn ich den Regenschirm aufspanne, was leider nicht allzu selten geschieht, freue ich mich von neuem Deiner heilenden Kunst. Du ahnst nicht, daß ich einen Tag in schrecklicher Sorge um Dich war. Hier verbreitete sich am Sonntag das Gerücht, daß in Berlin der Bolschewismus ausgebrochen sei und daß in München ähnliches bevorstehe. Daher sei die Partenkirchner Einwohnerwehr alarmiert. Den ganzen Sonntag stand ich unter dem Druck dieser Nachricht, die ich auch zu Dora Thümmel trug, bis sich am Montag herausstellte, daß alles ein Bluff war. Seitdem aber ist es mir doch beunruhigend, Dich in Berlin zu wissen. Wie lange willst Du denn bleiben?
Vor einigen Tagen erhielt ich das Programm der Kieler Herbstwoche und sah daraus, daß ich dort eigentlich
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| schon am 16.IX. reden sollte. Daraufhin habe ich kurzerhand abgeschrieben. Mein Aufenthalt hier ist also von dieser Seite nicht beschränkt, freilich von der Geldseite so sehr, daß ich ohne fertiges Werk hier nicht länger als Mitte September bleiben dürfte.
Der Leipziger Dekan, dessen 2. Karte ich Dir beilege, erbat meine Hilfe, da Litt schwanke, ob er annehmen solle. Er hat aber inzwischen doch angenommen und mir einen sehr schönen, inhaltreichen Brief geschrieben. Darin steht u.a., daß er sofort bei seiner Rückkehr nach Bonn einen Artikel der Leipziger Lehrerzeitung nachgesandt erhielt, worin unter der Überschrift: "Wer soll Sprangers Nachfolger werden?" die schwersten Tadelssprüche gegen ihn geäußert und gesagt wurde, daß die sächs. Lehrerschaft sich mit dieser Wahl niemals abfinden werde. Du siehst, die Kerle beanspruchen jetzt schon das Besetzungsrecht an den Universitäten.
Nieschling wohnt Potsdam, Karlstr. 8. Tel. Potsdam 381. Vormittags Tel. Potsdam 70, Bücherei! N. heranrufen lassen. Susanne Conrad habe ich noch nicht geschrieben. (Landhausstr. 49. [über der Zeile] Gh) wenn es Dir recht ist, werde ich ihr schreiben, daß Du bereit wärest, ihren Besuch zu empfangen, da sie diesen Wunsch geäußert
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| hätte. Dora Thümmel wohnt jetzt im Pflegeheim Schweizerhaus. Sie kann immer noch nicht gehen, obwohl es besser geht, und langweilt sich furchtbar. Du würdest ihr eine große Freude bereiten, wenn Du aus m. mittleren Bücherregal oberste Fachreihe links Ziegler, Gesch. d. Pädagogik (aber 2., nicht die auch vorhandene 3. Aufl.) als Päckchen (1 M?) schicken wolltest. Nur müßtest Du dann die Güte haben, es möglichst bald zu tun, da sie ja hoffentlich (von ihr aus gesagt) nicht mehr lange bleibt.
Auch für mich ist es dies Jahr etwas eintönig hier. Die Gegend interessiert mich garnicht. Nicht einmal zum Kaffee kann man in ein andres Haus gehen, weil es zu teuer ist. Die Mitgäste sind uninteressant. Und der Gesprächsstoff reicht auch nicht immer. Aber ich bin schon nicht mehr so müde wie anfangs, obwohl immer noch recht herunter. Meiner Arbeit sind alle diese Umstände recht günstig. Ich denke viel u. konzentriert, immer um dieselben Punkte herum, wie es sein muß. Geschrieben habe ich schon 76 Quartseiten; in dieser Woche wird der 1. Teil fertig. Der 2. sind die eigentlichen Lebensformen. Der 3. die Ethik. Der 4 die Mischformen u. Zusätze. Der 1. Teil ist der schwerste. Wie es dasteht, kann es für den Druck noch nicht bleiben. Es ist aber ein guter Leitfaden,
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| der nur umgearbeitet zu werden braucht. Manche Punkte freilich sind mir noch nicht klar genug. (Jetzt ist es plötzlich der Ökonomische.) Aber täglich entdecke ich doch neue Gesichtspunkte, die sich durch Übereinstimmung mit dem Gesamterfolg als richtig erweisen. Die Sache ist eigentlich in den Grundzügen ganz einfach, und doch so absolut neu, auch gegenüber 1914, daß ich immer noch nicht daran glauben kann, daß gerade ich dieses Rätsel lösen durfte. Hoffentlich hält jetzt die ruhige Zeit u. die Arbeitslaune an. Ich halte alle Störung möglichst fern. Sollte ich nicht genau zum 31. schreiben, so halte es meiner Arbeitskontinuität zugute. Eigentlich kann ich nämlich nichts lesen u. nichts schreiben, während ich produktiv arbeite.
Die polit. Entwicklung ist sehr eigentümlich, aber mir nicht ganz angenehm. Arbeiterherrschaft ist ebenso Untergang wie die Erfüllung von Versailles.
Meine herzlichen Wünsche für Deine liebe Schwester.
Und den Deinigen meinen Dank für die Aufnahme m. Utensilien.
Johanna Wezel schrieb wieder allerhand von Unfrieden mit Frau Dr. Sachs u. ½ Jahr Fortbildungsurlaub. Ich habe ihr die Leviten gelesen. Jetzt heißt es: gerade Linie. Hoffentlich habe ich nichts vergessen. Ich bin in treuer Liebe stets Dein Eduard.
[li. Rand] Riehls schreiben sehr befriedigt von Graal, sind aber schon von dort fort!?!