Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. August 1920 (Partenkirchen)


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Die erste dieses Jahres,
gefunden schon
vor 14 Tagen.<eingeklebt: Herbstzeitlose>
Partenkirchen, den 29.8.20.
Mein geliebtes und einziges Herz!
Unsre zeitlose Gemeinsamkeit hat zeitlich den 17. Jahrestag erreicht, und ich grüße Dich dazu viel tausendmal mit tiefem Dank gegen das Geschick, das Dich mir sandte. Ohne Dich wäre ich nicht geworden, was ich bin. Wir sind so eins, daß wir eigentlich immer gemeinsam zeichnen müßten! Vor 7 Jahren feierten wir den Tag durch ein Festessen in Alpirsbach. Diesmal geht es nur durch ein stilles Gedenken. Vielleicht ist es gerade für Deine Familie ein festlicher Tag. Ihr mögt dann das Kleine
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| Käthe oder mit einem überzähligen Vornamen Eduard nennen.
Hier verlaufen die Tage gleichförmig. Von Dienstag bis Freitag hat es geregnet. Jetzt ist es noch ganz bezogen, kühl und unbeständig. Ich kann m. Balkon nicht benutzen und habe das Quantum Sonne noch nicht, das ich brauche. Aber m. Arbeit schreitet um so ungehinderter fort. Ich habe (s. die unverbindliche Übersicht!) gestern den ökonomischen Menschen vollendet, beginne morgen den ästhetischen u. habe bisher ca 175 Quartseiten. Die Mitte des Ganzen wird wohl mit dem politischen Menschen erreicht sein.
Das Haus leert sich schon; es ist für mich angenehm still. Am Dienstag reist D. Th., deren Gesamteindruck mir nicht recht gefällt. Dabei soll sie jetzt Frau Direktorin werden. Heut vor 8 Tagen habe ich sie in den letzten Sonnenstrahlen, die wir hatten, 2 Stunden spazieren gefahren. Das Buch ist angekommen. Ich danke Dir vielmals für die freundliche Bemühung. Einen Dank von Ihr habe ich wohl überhört. Sie äußerte aber den Wunsch, Dich zu sehen. Ich sagte, Du könntest
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| Dich nicht gut freimachen. Frl. Guttmann ist auch zu allgemeinem Staunen der beiden Orte hier eingetroffen. Ich erzählte ihr, daß Du das Mädchen immer angetroffen hättest. Dienstag Nachm. (leider!) werde ich sie in ihrer Pension Baltia in Garmisch abholen u. mit ihr nach Ruine Werdenfels u. Farchant gehen, falls das Wetter besser ist. Überhaupt will ich nun ein paar anregende Ausflüge machen. Wegen Maul- und Klauenseuche sind freilich ein paar der schönsten Wege gesperrt.
Mir geht etwas im Kopf herum, das ich Dir doch mit allen Hypothesen u. Vorbehalten mitteilen möchte. Es geschähe viel hoffnungsvoller, wenn ich das Zimmer in der Pestalozzistr. schon vermietet hätte. Aber eigentlich muß ich mich nun wohl darum kümmern. Wäre dies nicht, so hätte ich eigentlich keinen Anlaß in das unruhige u. teure Berlin zurückzukehren, ehe die unmittelbaren Semester- u. Seminararbeiten beginnen. Und wenn Du nun wolltest und könntest, dann - hypothetisch - käme ich Ende September (so um den 21.) noch 14 Tage nach Heidelberg. Bedingung wäre natürlich 1) daß Du da bist 2) daß der Vorstand mich - gegen eine Pension von 16-18 M
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| aufzunehmen geneigt wäre 3) daß ich Eure Wintervorräte nicht vorzeitig verbrauche. 4) Daß Du in Deiner Tätigkeit nicht gestört wirst. Solltest Du diese noch nicht aufnehmen - aus andern Gründen - so würde ich Dich bitten, mir bei meiner Arbeit zu helfen. Ich hoffe nämlich, hier bis zum Schluß von Teil III zu kommen (was freilich das Maximum wäre) und würde dann in Heidelberg den 1. u. wichtigsten Teil noch einmal ganz umarbeiten, so daß er druckfertig u. eine ganz genau passende Einleitung wird. Ich würde also jeden Tag von 9-1 arbeiten. Nachmittags könnten wie an den Neckar oder in den Wald; abends würde ich Dir die fertigen Teile zur Begutachtung vorlegen; für das Petroleum würde ich aufkommen. Das sind so meine Träume. Denn ich weiß nicht, der bevorstehende Winter ist mir unheimlich, u. wer kann sagen, wann man sich wiedersieht. Durch Eure Güte würde ich in H. nicht teurer leben als in Berlin. Hier habe ich bereits eine Rechnung von 800 M. 1 Buch Bogen kostet 5 M!
Es wäre schön, wenn Du, ohne Deine Besuche bei Frau Labes einzuschränken, Frau Paulsen noch besuchen könntest. Frage aber tel., ob sie nicht verreist ist. Für den Schieberorden habe ich Dir noch nicht gedankt. Mit den beiden Schirmen hast Du Dir unsterbliche Verdienste erworben. Ich grüße Dich viel tausendmal u. lasse mir die Jahre noch einmal vorüberziehen. Welcher Reichtum, u. wie jung sind wir für <li. Rand> einander geblieben, wenn ich auch heut nicht auf den weißen Stein käme. Auch den Deinen viel Liebes.
<Kopf>
Ewig in Liebe Dein Eduard

[re. Rand] Post hier Gottlob sehr mäßig.
[re. Rand S. 1] Zu jedem Typus lese ich etwas zur Einstimmung: so Kants Leben, Soll u. Haben, Kaufm. v. Venedig, <Name unleserlich> u.s.w.