Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Oktober 1920 ("Babel")


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Babel, den 14. Oktober 1920.
Mein Geliebtes!
Eine größere Menge an Widerwärtigkeiten hätte sich zu meinem Empfang nicht zusammenfinden können, als beim Abschluß dieser 10 schönen Wochen. Bis heut Abend hat sich aber das meiste so weit gelichtet, daß ich den Vorfall als eine Lektion betrachte, die Eindrücke nicht zu schwer zu nehmen. Schon gleich unter der Post war die Aufforderung von Pretzel, zu schreiben, wann ich im November Zeit hätte für die Sitzung der Päd Zentrale des Deutschen Lehrervereins. Es sollten dort nur die Maßregeln zur Durchführung der "Beschlüsse" der RSchK über Lehrerbildung erörtert werden. Ich weiß noch nicht, ob ich mich diesem neuen Ärgernis unterziehe und tausendmal Gesagtes wiederholen soll. - Sodann: der Ofen in m. Stube ich nicht heizbar, weil es kein Anthrazit gibt. Die Kleider sind noch nicht gebracht worden. Nichts vom Ministerium, nichts von Niemeyer. Stattdessen allerhand zeitraubender Kleinkram. Ich mußte mich auf Befehl noch ins Bett legen, schlief aber nicht, schon weil währenddessen die Klingel abgerissen wurde. Gleich nach dem Essen begann ich mit den Steuersachen. Aber Punkt 4 (wie erwartet, ohne jede Verabredung) war Susanne vorm Hause. Gleichzeitig telephonierten Riehls an. S. präsentierte sich wenig vorteilhaft. Sie begleitete mich bis vor das Riehlsche Haus. Dort freudiger Empfang. Er sehr blühend aussehend. Lore noch da, natürlich. Abends hatte ich dann
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| entsetzliche Mühe mit der Steuer. Ich muß (für die Besitzsteuer) den Stand vom 31.XII.16 feststellen. Die Unterlagen dafür waren absolut nicht zu finden. Ich räumte fast wie beim ersten Einzu umher u. ging mit nur halbem Erfolg sehr erschöpft u. mißmutig ins Bett.
Heut ging das Kramen noch stundenlang weiter. Aber zuletzt habe ich doch das meiste gefunden. Das sehr sympath. Mädchen aus der Kurfürstenstr. brachte die Sachen (dem Kleinsten soll es recht gut gehen.) Mit Meister Siedow verständigte ich mich über den Winterüberzieher. Dann ging ich vergeblich zum Töpfer u. zur Bank. Eine Stunde konnte ich danach noch in den Tiergarten gehen u. in der Sonne Haenischs Schrift lesen, die ich "Rechtfertigung und Versöhnung" nennen will. Nach Tisch wieder Bank. Etwas Comenius. Dann kam Brief von Niemeyer (bewilligt) u. von Quelle u. Meyer (nicht abgeneigt.) Ich ging nach der Pestalozzistr, traf dort Frl. Hilgenfeld u. hatte nur günstige Eindrücke. Aber - das habe ich eben vergessen - gleich früh morgens kam eine Vorladung aufs Mieteinigungsamt in Sachen Spranger – Jacoby. Das legte sich mir sehr auf die Stimmung. M. E. kann doch in einen am 1.X. frei geschlossenen Kontrakt am 15.X. nicht eingegriffen werden. Wie ich dann hörte, haben alle Mieter das gleiche erhalten; das beruhigte mich etwas. Ich aß in der Klause Abendbrot u. fuhr noch zum Töpfer, der den Umbau des Ofens für möglich erklärte und auf 150 M taxierte. Freitag streiken die Töpfer; natürlich. Endlich fand ich zu Haus auf mein gestriges Ultimatum Rohrpostbrief von Wende. Quintessenz: meine Forderungen seien am 16.IX. bewilligt und weitere Bewilligungen zu erwarten.
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Ich schrieb das alles nur so eingehend, um Dir zu schildern, wie auch ich aus unsrem Paradies herausgerissen bin. Es ist bei mir einmal so, daß sich die kleinen täglichen Realitäten so stark vordrängen. Sonst wäre ich auch ein zu glücklicher Mensch. Ich sollte immer daran denken, daß mir die Zuflucht zu Dir in m. Herzen offensteht und daß es dazu garnicht des Neckars und der roten Berge bedarf. Im Grunde bin ich ja hier gar nicht zu Hause, in diesen dunklen, unpersönlichen, kalten Räumen; sondern da bei Dir in den beiden lieben Zimmern, die mir schon früher lieb waren, aber jetzt wirklich mitgehören. Da lebt auch noch Cassel drin und alles, was uns beiden gemeinsam lieb ist. Meine besten Gedanken finden sich dort ein, und sie sind dein Eigentum zugleich. Es ist schade, daß ich Dir die eigentlichen Lebensformen nicht vorlesen konnte. Aber wir waren des Abends schon zu müde.
Wie damals auf der Reichenau der blaue und weiße Frühling, so begleitet mich diesmal der rote und goldene Herbst. Der Dilsberg ist für mich ein Neues geworden und zugleich das Alte geblieben: Berge der Verheißung muß man sehen, nicht auf ihnen sein. So aber ist er für uns ein Symbol und eine Wirklichkeit.
Herbst dürfte es sein; denn es ist für uns Reife, nicht Abschied. Ich bin so fest in meinen geistigen Umrissen wie
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| kaum zuvor. Nur leide ich tiefer an meiner ganzen Umgebung, als gesund ist. In dieser Hinsicht bin ich nicht kräftiger geworden, sondern reizbarer und müder. Du wirst mir helfen, daß Heidelberg auch in die Welt hinüberstrahlt, in der ich nun leben muß. Sie ist, wie ich immer deutlicher fühle, nicht die meine. In philosophischer Betrachtung und in persönlicher Wirkung, in langer, nachhaltiger, liegen meine Kräfte, nicht in Politik und Organisation. Schon der Umzug des Seminars regt mich auf. Dafür fehlen dann eben doch die "Getreuen."
Dir aber, mein liebes Kind, wird es jetzt nottun, all die Ruhe, die Du mir gabst, jetzt für Dich selbst ein wenig nachzuholen u. einmal aufzuatmen. Ich ließ Dein Heim als ein Chaos zurück. Aber Du findest in jedem Winkel noch ein Stück von mir, das Dir dankt und Dich grüßt.
Ich möchte, daß Du unsrer Freundin recht eindringlich sagst, wie herzlich wohl ich mich gerade diesmal bei ihr und durch sie gefühlt habe, und daß ich (ähnlich wie 1911) ihr diesmal so recht von Herzen nah gewesen bin. Auch danken sollst Du ihr noch einmal.
Das Quack aber sollst Du mit Hölderlin bekanntmachen, als ein Vermächtnis vom Onkel Professor, der mit Eicheln schmeißt u. dessen Kopf noch heute von ihren Würfen dröhnt.
Ich quäle mich, in Comenius, diesen Mann der Sehnsucht hineinzukommen. Aber sein "Labyrinth" ist mir zu einfach. Was haben wir für <re. Rand> Labyrinthe in uns. Bei Dir fühle ich nichts von des Lebens labyrinthisch irrem Lauf. Du Liebes, Einziges. - Morgen könntest Du mich in Riehls Talar sehen. Viel <Kopf> Inniges, als ob ich noch da wäre Dein Eduard.