Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Oktober 1920 (Berlin)


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29.X.20.
Mein Liebstes!
Als ich heut Abend vom 1. Seminar nach Hause kam fand ich Deinen lieben Brief. Ich kann nicht leugnen, daß ich ihn schon mit Ungeduld erwartet hatte. Inzwischen habe ich ungeheuer viel erledigt u. erlebt. Es wird am einfachsten sein, dem chronologischen Faden zu folgen. Vorher will ich Dir nur sagen, daß ich morgen um ½ 1 in der Kurfürstenstr. 84. einen Korridorbesuch mit Deinem Patengeschenk und einem Blumenstrauß machen werde. Deine Schwester stand vor 8 Tagen vor m. neuen Seminar, als ich eben das "Schwarze Brett" höchsteigenhändig schleppte. Sie sah glänzend aus. (Im Hintergrunde stand "die Eppenstein".) Sein Brief war nur eine freundliche Danksagung.
Also: am Montag Abend fand ich Krügers Karte. Ich holte ihn Dienstag früh ab. Herrlicher Sonnenschein verlockte uns, statt nach dem Kronprinzenpalais nach Tegel zu fahren. Dort hatten wir viel Glück. Geheimrat v. Heinz führte uns selbst, und ich schloß mit H.s Urenkel eine mir sehr angenehme Bekanntschaft. Dann durch den Wald nach Hermsdorf. Dort traf ich auf dem Bhf. Herrn Lehmann mit seiner Klasse, der mir vor 32 Jahren das ABC beigebracht hat! Er sah unverändert aus.
Am Mittwoch öffnete ich das Ms. u. fand Deine liebe Hand auf allen lieben Bahnen. Meine Freude war groß.
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| "Reif sein ist alles" - das verpflichtet. Wie wurde mir aber, als ich das 1. Kapitel ganz unreif fand! Damit hatte ich böse Stunden. Gott sei Dank war es bei dem nächsten erst so schlimm. Und das 1. scheint nun besser, aber sehr schwer. Mittoch Nachm. Umzug, ging in 4 Stunden, mit Susannes erst ungern angenommener, aber dann doch sehr förderlicher Hilfe. Aber hinterher war noch endlos zu tun. Ich bin durch die Stadt gejagt, um Lampen, Briefkasten etc. zu kaufen, habe im Dreck gewühlt. Ich habe eine Assistentin, Lubowski, anscheinend sem. aber glänzend. Sie schachert überall Ausrüstungsgegenstände zusammen. So etwas können wir eben nicht. An Größe ist sie nicht ganz von Deiner erstaunlichen Länge. Zum Herrichten der frevelhaft verwahrlosten Bibliothek (3000 M liegen unverbraucht da - aber nichts ist gebunden!) habe ich einen Bibliothekar von der U.B. der zwar nicht Joseph heißt, aber mein Mitschüler war. Trotz alledem ist die Sache noch garnicht recht in Gang.
Am Donnerstag Mieteinigungsamt. Das war nur eine Dummheit von Frl. J. Nach 10 Minuten grob geführter Verhandlungen war die Nichtigkeit der Sache erwiesen, und ich konnte wieder an mein Ms.
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| Abends Vortrag von Heinrich Scholz über Hegel, der sehr schlecht war. Dabei sah ich auch Vater Scholz und Elisabeth Scholz. Am Freitag Dr. Studders, der Ausführliche, nachm. Wallner der Redselige, Kerschensteiners Neffe, Abends Heinrich, dem ich meine Ratschläge ganz offen aussprach und mit dem es lieb war. Dann habe ich noch bis Mitternacht gearbeitet. Sonnabend konnte ich für mich arbeiten. Sonntag - Einweihung der Hochschule für Politik mit Reden von Drews (minder), Simons (geistvolle Schreibtischerscheinung) Koch (gut) und Scholz (übel.) Gespräch mit der Mama Lili. Dann bei Rademacher m. Vater gesehen. Er klagt über Schwindelanfälle; das ist kein gutes Zeichen; fand aber ausnahmsweise mein Aussehen bedenklich und riet mir zum Arzt zu gehen!!*) [re. Rand] *) Dienstag besuchte er mich und das war seit langen Jahren wieder einmal eine herzliche Stunde. - Abends bei Riehls sehr nett. Montag Vorm. konnte ich noch arbeiten. Nachm. 4 Uhr erste Sprechstunde mit 40 Mann! Nachher Auergesellschaft Lampe u. Wienstruck Wurst. Dienstag fing ich endlich an, über Phil der Gesch nachzudenken. Mittwoch um 9 überfülltes Auditorium, Umzug, gegen 300 Menschen, die ich so fesselte, daß sie mäuschenstill nach 5 Minuten noch voll saßen. Nach den 2 Stunden recht müde. Um 4 Sprechstunde
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| wieder mit 40 Mann; erst um 7 Kaffee. Donnerstag um 9 2. Vorlesung mit etwa 130 Besuchern. um 12 in Halensee zum Geburtstag von Georg Bock. Um 4 3. Sprechstunde, maßvoller; um 7 2 Doktorprüfungen. Und 8 Fakultätssitzung. Troeltsch war sehr herzlich. Und es tat ihm sichtlich leid, daß ich mich durch die Fassung der <Wort unleserlich>, über die sich auch Riehls sehr geärgert haben, verletzt fühlte. So hatte ich richtig vermutet. Heut früh wurde ich durch die unerwartete Nachzahlung von 1600 M Kolleggeld angenehm überrascht. Die Vorlesung ging gut. Dann Besuch von Studienrat Dr. Schröder, der in der Ostpreuß. Zeitung einen langen Artikel unter dem Titel: Kulturpolitische Charakterköpfe: Eduard Spranger" geschrieben hat. Unerwarteter weisebitte im Original prüfen, was hier steht!! angenehmer Mann. Nach Vorbereitung für das Seminar ging ich zu Benary. Gelonida hat nichts genutzt, ja eher verschlimmert. Denn die subjektiven Symptome sind jetzt lästig. Er meinte (nachdem er Hinrichtung von hinten verordnete) Ursache der Abmagerung könne das nicht sein. Untersuchte mich ganz u. gar u. fand nichts Beunruhigendes. Sehr gescheit verordnete er Butter und Schinken mit Speck. - Dann Seminaranfang mit ca 40 Leuten unter äußerlich sehr ungemütlichen u. ungeordneten Ver
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|hältnissen, die mich in eine sehr humoristische Stimmung versetzten. Im Proseminar ist Maximiliane Harden ein Biest, und Eva Pretzel, der ich für die Novelle dankte.
Das sind die äußeren Ereignisse. Nun denke Du an Lesen oder gar an Kulturphilosophie. Ich habe aber im alten Wundt mit seltsamem Genuß gelesen. Da steckt ein echtes Leben. - Mittwoch um 12 hat Litt s. Antrittsvorlesung gehalten. Muthesius schreibt pflaumenweich.
Frl. Guttmann kam Sonntag und komplizierte die Ofenfrage. Aber ich blieb bei m. Wunsch. Es wird ca 270 M kosten. Vorläufig hause ich im Balkonzimmer, das zwar ganz gemütlich ist; aber ich muß um jeden Zettel suchen gehen. Das Schlafzimmer ist abscheulich.
Für die große Mühe mit dem Packet danke ich Dir wie für alle anderen Mühen, mit denen Du mir das Leben täglich erleichterst. Wann ich das Packet bekomme, ist unbestimmt. Hättest Du mir den Abgangstermin vorher„eher“ steht dort nicht. Bitte nochmals im Original prüfen angedeutet, hätte ich Dich gebeten, an Frl. Emma Bahr zu adressieren, die übrigens sehr m. Freundin ist.
Lore Reger ist nach einigen Übergangsschwierigkeiten
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| in R. gut zu hause. Frau P. schrieb sogar sehr glücklich.
Hyperion ist nun garnicht das Richtige für das Quack. Wer nicht tief gebildet ist, sieht darin nur ungesunde Sentimentalitäten.
Zu dem Lehrerverein denke ich zu gehen. Es scheint mir so richtig.
Der große Nistler ist wohl der über dem Berenbachtal? Ja, dort war es doch besser. Aber ich bin eigentlich mit Freude an der Arbeit. Ich bin physisch frischer und außerdem sehr im Denken drin. Troeltsch meinte, ich lebte in Heidelberg immer im Verborgenen; ich aber erzählte ihm, ich hätte sogar den kleinen Cohn gesehen.
Spare nichts an Grüßen für unsre Freundin, der ich wirklich schon selbst hätte schreiben sollen. Auch dem Quack ein gutes Gedenken.
In der Zeitung steht so viel Trübes. Aber meine Welt erhält ihre Wahrheit, und ich sehe, daß sie Wärme verbreitet, wenn man ihr nahe kommt.
Viel Inniges und Liebes und tausend Dank
Dein Eduard.

[re. Rand] Wir haben im Sommer garnicht mehr von den Fleischkonserven gesprochen. Sollte ich <Kopf> sie fortwerfen?
[li. Rand] Überzieher u. Beinkleid repariert - 65 M. - überhaupt ......