Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. November 1920 (Berlin)


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4. November 1920.
Mein Geliebtes!
Soeben habe ich das 2. Packet, das man nicht hierlassen wollte, aus der Königstr. abgeholt, und nun liegt der ganze Reichtum ausgepackt vor mir, mit dem Du mich beglückt hast und der vor allem deshalb so beglückend wirkt, weil aus allem Deine Liebe spricht. Ich betrachte aber alles auch mit dem praktischen Auge, und da leuchten mir die Krawatten sehr willkommen entgegen, die schönen Äpfel (seit dem 12.X. unbekannt), die Zigarren, das Kalenderchen, die Wolle, die Wäsche [über der Zeile] Rasierklingen, Streichhölzer u.s.w. ohne Ende. Vor allem aber fand ich Deine lieben Zeilen. In ihnen verstehe ich das noch nicht ganz (und Du weißt es wohl selbst nicht), ob Dir der Betrag mit Recht zugerechnet worden ist. Aber wie es auch sei, fürs erste mußt Du ihn bezahlen, und da bitte ich Dich, mir anzugeben, an welche Kasse u. wie hoch der genaue Betrag (das jetzt Fällige) ist. Ich lasse es dann überweisen. Auf der Bank bekomme ich so wenig Zinsen, daß es nicht zu verantworten ist. Ich bin froh, wenn ich auf diese Weise den Umstand des Anlegens
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| erspare. Zu diesem Thema habe ich nur noch zu sagen, daß Dir Schadenfreude recht gut steht und das Bild aus dem Packet recht vorteilhaft abrundet.
Gestern war ich bei den Deinen, um das Päckchen für Hermann, das ich schon vorgestern bekam, abzugeben. Es gefällt mir nicht, daß das Mädchen, wenn sie beim Klingeln aufmacht, immer die Kinder mitnimmt. Es ist unter Umständen gefährlich. Ich sah also außer den "Mükern" alle drei: Lili sehr munter, rotbäckig, still aufmerksam und verständig, gefiel mir am besten. Inge auffallend blaß, ja etwas leidend, entschieden und nicht ganz zart. Sehr niedlich ist das Kleinste, wenn man davon sprechen darf bei diesem unerhört großen Köpfchen. Es ist auf Gesichtseindrücke schon aufmerksam und folgt mit den Augen, manchmal nervös erschreckend; überhaupt ist die Stirn im Schlaf gerunzelt. Greifen können die Händchen noch nicht. Ob Sopran oder Alt herauskommt, habe ich erfreulicher Weise noch nicht feststellen können. Man war sehr freundlich. Leider vergaß ich nach Günther u. Elise zu fragen, doch wird es gut gehen. - Die Kaffeemischung kann ich nun (nachdem ich in 1 Woche 2mal da war) erst
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| später abgeben. Ich habe noch mehr Blechschachteln, wenn sie Dich interessieren. Dafür schreibst Du vielleicht einmal, daß mir für ev. Umzugszwecke die beiden Kartons erhalten bleiben, und mir sagst Du, was ich mit den Fleischkonserven machen soll. (die Kleider lagen gut.)
Den Kaffee habe ich gestern probiert. Er ist gut, aber nicht aufregend. Bei "Schallehn", meinem Stammlokal, ist es wirklicher Herzstärker. Ich kaufe alle 6 Tage für 11-14 M Wurst und für 10-20 M Butter. Aprés nous etc. (das Mieteinigungsamt war nichts, nur eine Dummheit von Frl. J.)
Von hier ist sonst nicht viel mitzuteilen. Das Seminar schreitet langsam fort. Frl. Lubowski ist ganz ausgezeichnet. Gestern in der Philos. der Geschichte waren wohl über 300 da, und es heißt, daß man mich als einen aufgehenden neuen Stern bezeichne. Meinen Volksschullehrerärger hatte ich auch wieder. Bei Matth. Meyer, Vorstandsmitglied des "Deutschen Ausschusses" steht in einem neuen Buch: "Päd. Neuland" nach den üblichen Angriffen gegen den "hoffnungslosen Kämpfer" auch ein Satz, es sei taktlos, das Buch 2 Volksschulleuten zu
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| widmen u. könne diesen selbst nicht gefallen haben. Ich habe darauf an Götze u. Muthesius geschrieben, es täte mir leid, wenn sie unangenehme Gefühle gehabt hätten, nachdem sie erst so freundlich angenommen hätten. Es ist und bleibt besser, daß ich mich aus diesen Bestrebungen zurückziehe, die ja schon finanziell zusammenbrechen müssen.
Beide Seminare sind eröffnet mit ca 40, bzw. 70 Leuten. Die Nebenarbeit ist maßvoll bis jetzt. Erst am 15.XI. habe ich im "Jugendheim" einen Vortrag: "Die Frau und die Kraft des Verstehens." Das Ms ist in Halle und sofort in Druck gegeben. Ich muß nun sehen, den 2. Teil noch zu verbessern, lese dazu eben Kierkegaard.
Frl. G. erweist sich bei der Abrechnung als geschickte Rechnerin. - Am Sonnabend plane ich zur Erkundung der Verhältnisse nach Baumschulenweg zu fahren. Geschrieben habe ich schon nach Karlshorst, daß ich einen solchen Kriegszustand unter allen Umständen bedauern müsse.
Das ist, glaube ich, alles von Belang. Ich danke Dir tausendmal für die viele Mühe, die Du wieder mit mir hattest, und für alles, was Du für mich getan und gegeben hast.
Grüße die Damen u. sei selbst innig gegrüßt von
Deinem Eduard.

[re. Rand] Eine Zuschrift des Leipziger Bürgerausschusses läßt vermuten, daß es dort wieder kritisch steht.
[Kopf] Brief v. Strümpell. Er bestätigt eine andre Nachricht, daß Litt mir in Gestalt u. Redeweise sehr ähnlich sei.

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| <beigefügter Zettel>
Gestern kam ein Brief von dem Mann von Klara Runge. Sie ist bis jetzt krank gewesen, wiederholt operiert, immer eitrige Sachen. Außerdem ist sie mit den Baumschulenwegern zerfallen. Das Ganze macht einen mir unerfreulichen und konträren Eindruck. Ich werde ja mal hingehen, bin aber apriori der Meinung, daß alle 3 Kinder dem Onkel und der Tante nicht dankbar genug sein können.

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<Postanweisung aus Berlin vom 1.XI.20. über 200 Mark>
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Zur Begleichung meiner Schulden. Falls noch ein Rest bleibt, bitte in Heizung und Nachrung anzulegen. - Gestern scharfer Wind; nachm. bei Thümmels, traf nur Margarete. Eben bringe ich Teil I des Ms fort. Viel herzliche Grüße Dein Eduard.