Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 27. November 1920 (Berlin)


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27.XI.20.
Mein Geliebtes!
Betrachte dies bitte nicht als Brief, sondern nur als geschäftliche Mitteilung und einige Fragen. Ich bin von den ununterbrochenen Anstrengungen der letzten 14 Tage so überarbeitet, daß ich kaum schreiben kann. Also ich danke Dir für die Mithilfe bei den Korrekturen. Du sollst aber immer nur die 2. Korrektur lesen, nicht die erste mit den sachlichen Fehlern. Auch diese nur dann, wenn Deine Augen nicht angestrengt sind und wenn Du Zeit hast. Vorläufig geht der Druck langsam. Ew. Gnaden haben in dem letzten übrigens nicht weniger als 13 eigentliche Druckfehler übersehen.
Bitte sieh mal in dem alten Humanitätsaufsatz nach, ob da das Zitat steht: Rousseau: Tel cosmopolite aime les Tartares, pour
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| être dispensé d'aimer ses voisins (compatriotes?) und teile es mir genau mit.
Wie soll ich es mit Benary halten? Er erhielt voriges Jahr 200 M. Dies Jahr bin ich zweimal in s. Sprechstunde gewesen. Soll ich auf 300 oder 350 oder noch mehr erhöhen?
Der kleinen Cäcilie wollen wir doch dies Jahr wieder etwas zu Weihnachten schenken? Sonst möglichste Begrenzung. Ich wäre Dir auch für einen Rat betr. Felizitas und Anderl sehr dankbar.
Mit den 1500 M soll ich kein Glück haben. Sie sind und bleiben für Dich gedacht als Dispositionsfonds, damit Du nicht über spärliche Heizung und dgl. zu klagen hast. Solltest Du das etwa ein "Geschenk" nennen, würde ich Deine nächste Gabe unweigerlich zurücksenden. - Willst Du in Kriegsanleihe bezahlen, so mußdies m. W. noch in diesem Jahre sein. Bitte erkundigen.
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Tabelle: Ich war am Dienstag 16. bei Frau Nußbaum. Am 17. in Lichterfelde bei Klara Rauhut u. dann an dem "Fleck", wo die Urne m. Onkels beigesetzt ist. Sie hat mir so unendlich wohlgetan durch die Zartheit, mit der sie das Andenken pflegt. Sie muß auch etwas zu Weihnachten haben, vielleicht Eßbares aus unsrem Konsum, den ich selbst oft benutze? Sonnabend habe ich den Kindergarten mit viel Mühe, aber glänzendem Geschick aus dem alten Verlag losgeeist. Am Nachm. von ½ 5 - ½ 10 Lehrervereinssitzung. Mit ausgezeichneter Hochachtung behandelt, aber doch viel ärgerliche Eindrücke, bes. durch eine Nachricht über Brandi. Sonntag ½ 10 bis ½ 2 Fortsetz. um 5 holte mich Nieschling ab ins Kloster, wo ich mich nicht sehr heimisch fühlte, aber viele alte Gesichter sah. Montag im Pestalozzi-Fröbel-Haus (als Tischnachbar von Frau Minister David) nebenher kleiner Konflikt mit Tante Guttmann wegen verspäteten Kommens zum Abendbrot.
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| Mittwoch die große Vorlesung, bei der ich mich zu sehr gequält habe; nachher mit Frau Nußbaum durch den Tiergarten. Donnerstag philos. Exerzieren mit Margarethe Thümmel. Viel Extra "Sprechstunden". Kommende Woche wieder restlos besetzt. Mit der Revision bin ich beim Machtmenschen. Gottlob drucken sie vorläufig nur 1 Bogen die Woche. Mittwoch - das vergaß ich - war Avenarius bei mir und ich bei ihm. Angenehmer Eindruck.
Jeden Sonnabend besucht mich jetzt mein Vater. Wir sind sehr herzlich u. nett miteinander. Vielleicht doch Deine Nachwirkung. Geldnot nicht mehr (täglich 25 M) Ob das ganz stimmt??
Heut will ich nun, um Luft zu schnappen, mit Susanne nach Treptow, muß aber um 7 zum Vortrag von Werner Jaegerin der Universität sein. Morgen Karlchen Pütter. Montag wahrscheinl. Nußbaumkonzert, Dienstag Zentralinstitut, Mittwoch Verein fürs Deutschtum, Do. eigne Rede: Erziehung zum Glück, Freitag: Tews. Bedaure mich ein wenig. Tausenderlei lehne ich täglich noch ab. - Die Stiefel lohnen nicht mehr. <Kopf> Was ist denn über den komischen Joseph herausgekommen? Viel innige Grüße (auch Gruß an Knaps u. Quack) <li. Rand> Dein Eduard
[Kopf S. 1] Zentner Kartoffeln 25 M! garnichts. Hier 40 u. mehr!
Nieschling sprach davon, daß er plane, Dir schreiben zu wollen.