Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1920 (Berlin)


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22. Dezember 1920.
Mein Geliebtes!
Heut um 2 Uhr hat der Dienst geschlossen. Ich benutze die erste Stunde zu einem Augenblick stillen Zusammenseins mit Dir unter dem Weihnachtsbaum, wäre es auch nur im Lichterglanz unsrer Herzen, und hoffe, daß diese Zeilen Dich noch rechtzeitig erreichen. Die Adventszeit ist schlecht zur Sammlung geeignet. Für uns gibt es ja eigentlich auch nicht Hoch-Zeiten und stille Zeiten; sondern unser Leben fließt im Miteinander dahin, auch wenn nicht, wie der alte Volksglaube sagt, die 12 heiligen Nächte den Blick in die Ewigkeit eröffnen. Aber von dieser Weihe fühlen doch auch wir uns ergriffen, und der Heilige Abend stiftet ein besonders nahes Beisammensein, weit über unsre räumliche Trennung hinweg. Mögest Du diese meine Nähe so fühlen wie sonst und mit mir Weihnachten feiern wie ich mit Dir. Es ist mir nicht gegeben, die Festlichkeit des Tages mit eignen Zeichen zu schmücken. Du weißt
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| ja, wie es mit meiner Zeitausfüllung steht. Wenn ich mit den bescheidenen Gedenkzeichen nur pünktlich käme! Am Montag ist ein ganz realistisches halbes Pfund Kaffee aus "unsrer" Wirtschaftsgenossenschaft abgegangen und gestern der " Wundt", der anfangs nicht da war. Dieses Buch wird Dir lieb sein. Es soll Dich an unsre Blicke über den Zaun erinnern und an den Mann, dem im Leben begegnet zu sein, von dem "Freund" genannt zu werden zu den Reichtümern gehört, die mir das Schicksal unverdient gegeben hat. In diesem Buch wirst Du ihn so nahe und greifbar finden, daß er auch Dir gehören wird, und damit wird diese äußerlich geringe Gabe doch zu etwas Großem, das gerade Du in seinem Werk schätzen wirst und worin wir uns wieder vereint fühlen werden.
Von Dir ist bereits ein großes Packet eingetroffen, das aber meiner Neugierde bisher standgehalten hat.
Ich bin ganz im Unklaren darüber, ob etwa Johanna Wezel zu Weihnachten bei Euch ist. Sollte es der Fall sein, dann bitte ich Dich, falls dieser Brief am 24.XII. früh kommt, ihr eine Kleinigkeit von mir
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| aufzubauen. In jedem Fall gilt diese Bitte für unsren Vorstand, dem ich meine Liebe und Dankbarkeit gern direkt bezeugt hätte. Aber zu allen Hindernissen sonst kam ein Aussetzen meiner Kräfte für einen Tag - und das ist immer schwer einzubringen.
Ich war am Sonnabend bei einem Frl. Friedberg, einer treuen alten Schülerin von mir, die noch 3 andere, mir nicht ganz so liebe Seminarmitglieder eingeladen hatte. Schon vorher hatte ich Schmerzen im Arme, die sich aber nach der Rückkehr von diesem unerhörten Unternehmen so steigerten, daß ich ganz hilflos war u. mich nicht ausziehen konnte. Auch die Nacht war sehr schlecht. Trotzdem fuhr ich am Sonntag zu Clara Rauhut, um ihr meine Geschenke zu bringen, und besuchte zugleich den Geheimrat Süvern (!) und den Gehr. Beckmann, früher Leipzig.
Von dieser Reise mit dem vielen An- und Ausziehen kam ich halb tot zurück. Aber am Montag Abend war alles Gottlob schon wieder gut
Ich habe ungewöhnlich lange gelesen, heut noch mit gutem Erfolg. [über den Zeilen] Kritik des Marxismus. Pädagogik will doch nicht florieren. Übrigens, für 6 Privatkollegstunden bei 20160 und 300 Hörern kommen
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| nach dem neuen Abzugsverfahren 2500 M heraus, die sich um höchstens 500 erhöhen!
Vermutlich werde ich am heiligen Abend doch bei Riehls sein. Sonst liegt nur eine Einladung zu Harnack für den 1.I. vor. Es ist mir recht so, weil ich doch die letzten Kapitel schreiben will [über der Zeile] ¹) [li. Rand] ¹) Es schließt sich da durch die Vorlesungen einiges noch zu großen Konzeptionen zusammen, die ich andren <Kopf> andeuten kann., damit dann schneller gedruckt werden kann. Dieser Winkelverlag! Dann wird auch meine Seele freier, und meine Hand freier sein für den Kampf gegen Becker. Mit Troeltsch hatte ich kurze, aber angenehme Begegnungen. Nur von Gegenbesuch oder Einladung ist keine Rede. Mit Stumpf habe ich einen Zusammenstoß gehabt, der eine Art Wiedervergeltung für 1905 war; denn alle anwesenden Fakultätsmitglieder gewannen den Eindruck, daß dies keine Wissenschaft sei, was da Psychologie genannt wird. Das sagte z. B. Diels ganz klar, dessen 50. Doktorjubiläum ich heut in Dahlem stehend mitgefeiert habe. Im übrigen werde ich in der Fakultät nicht wärmer, u. an nennenswerten Studenten fehlt es leider noch ganz. - Am 28. ist Straußberg geplant. - Ich hätte wohl noch viel zu berichten. Aber ich muß noch Besorgungen in der Stadt machen, und so komme ich zum Anfang zurück und grüße Dich innig und liebevoll zum Fest. Dem Vorstand, dem Quack und ev. Joh. Wezel (mit Erklärung) viel gute Wünsche. Ich bin in stetem Gedenken u. in Dankbarkeit <Wort unleserlich> Dein Eduard.
[re. Rand S. 3] Das Kalenderchen kommt nach.