Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Dezember 1920 (Berlin)


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W 62, den 25. Dezember 1920.
Mein innig Geliebtes!
Ich will vorweg bemerken, daß ich diese Zeilen bei rotem Bordeaux von 1911 schreibe, daß ich die 3 Kerzen, die an dem Kränzchen mit dem silbernen Herzen nicht halten wollten, brennend vor mir aufgestellt habe, daß Frl. Guttmann dabei, und Frl. Emma ausgegangen ist, und daß ich jetzt mit Dir Weihnachten feiere, an dem Tage, an dem ich früher mit m. Mutter und m. Vater gefeiert habe. Was dabei durch meine Seele geht, das mußt Du nicht in Worten hören wollen: mein Herzschlag klingt zu Dir hinüber. Gestern um 12, als ich von Riehls kam, war ich auch mit Deinem lieben, lieben Brief allein. Es ist in mir ein heiliges Glück, und alle Gefühle des Dankes darüber gehen zu Dir. Denn über allem Reichtum, den Du mir aufgebaut hast, und der Ärmlichkeit meiner Gaben, die ich jedes Jahr wieder empfinde, steht das, was wir in dem gemeinsamen Weg unsres Lebens uns an gemeinsamen inneren Welten geschaffen haben: dafür ist mein Altar mit den 3 Kerzen bestimmt.
Aber danken muß ich doch auch für die unendliche Liebe und Mühe, die Du wieder daran gewandt hast, um mir Freude zu bereiten. Nur fürchte ich, daß ich garnicht alles zusammenfinde, was in den beiden unerschöpflichen Packeten
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| enthalten war. Die Mitte meines reichen Tisches ziert der Kranz, den ich kunstvoll auf der stehenden Rolle aufgehängt habe. Sie öffnete ich schon am 23. spät abends, und da fand ich das Ms, das Du mit Deiner lieben Hand abgeschrieben hast. Ich las es am selben Abend und war Dir nahe, wie damals, als ich es in glühenden Liebesgedanken für Dich auf "unsren" Thüringer Bergen schrieb. Ja, es ist schön, das darf ich heut wohl sagen, wo ich der Formung des einzelnen so fremd gegenüberstehe. Aber es ist erst schön geworden durch die äußere Gestalt, die Du ihm jetzt gegeben hast, und durch den Zusammenhang, in dem es heut wieder erscheint. Denn ich sehe mir selbst zu wie einer organischen Notwendigkeit, die sich entwickelt. Ich weiß es ja garnicht, wie das in mir wird und sich zum Ganzen rundet.
Der kulturpolitische Charakterkopf, der so hübsch aufgeklebt ist, sieht davon auch nur äußerste Linien.
Die Handschuhe, Dein eignes Werk auf technischem, nicht auf ästhetischem Gebiet, [über der Zeile] (damit Deine Vielseitigkeit u. Kunstfertigkeit offenbar werde!) sind mir sehr willkommen; denn die anderen fangen leise an, schadhaft zu werden. Das weiße Papier kommt meiner Stimmung entgegen: denn das Vorwort soll allerdings viel sagen.
Ich hoffe es am 25. Februar zu schreiben. Den Siegellack brauche ich für die beiden letzten Manuskriptsendungen. Der Kalender kommt an seinen Platz auf dem stachligen Hintergrund; allerdings habe ich bis jetzt die Klammer nicht gefunden. Das Messer ist mir doch lieb; ich wußte garnicht, wo es geblieben war. So ist schon manches aus Deiner lieben Hut [unter der Zeile] auch die Jacken zurückgekehrt. Umgekehrt: das Lesezeichen
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| kann ich mich nicht erinnern, schon gesehen zu haben. Die Süßigkeiten hebe ich vorläufig noch auf. Moser-Roth erinnert mich an unsre Königstuhlwege. Für all diesen beziehungsreichen Reichtum nimm innigsten Dank: er liegt vielleicht vor allem darin, daß alles alles mein Herz so berührt, wie es Dein liebes Herz gemeint hat!
Nun ein kurzer Bericht seit dem Brief vom 22. Ich kam mit meinen Besorgungen ohne alle Hast zu Ende. Am Donnerstag Vorm. war mein Vater bei mir. Ich muß Dir an diesem Weihnachtstage bekennen, daß zu dem Schönsten, was Du mir in meinem Leben bereitet hast, die Reinigung, ich darf wohl sagen: die Wiederherstellung unsres Verhältnisses gehört. Denn unter den eingerissenen Formen gegenseitigen Begegnens habe ich noch viel tiefer gelitten, als ich selbst Dir sagen konnte: es war meine unreine Stelle. Nun fühle ich auch, daß es nicht die Kosten waren, die mich verstimmten, sondern die gänzlich liebeleere Form, in der zuletzt gegeben und genommen wurde.
Heiligabend früh begann ich auszupacken und aufzubauen. Frl. Emma bekam ihre 100 M. Um ½ 6 war ich bei meinem Vater, dem ich Pfefferkuchen und ein paar Zigarren mitbrachte. Frl. Schelck bekam 2 Packet Pfefferkuchen und auch 100 M. Es tat mir doch weh, den alten Mann dann ganz allein zu lassen, als ich um ½ 7 zu Riehls ging. Dort glänzte wie alljährlich ein großer Baum. Lore war gekommen. Außer mir war nur die Tochter des heidelberger Botanikers Klebs da,
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| eine Art Haustochter, die ich aber nicht mag und mit der ich etwas in Streit geriet, weil ich jetzt sehr ungesellig bin: entweder schweige ich ganz, oder ich werde entschieden. Um 11 ging ich. Riehl habe ich mit einem einfachen Regenschirm[über der Zeile] (150 M) sehr erfreut. Lore u. Adelheid bekamen Briefpapier, Mutter Riehl den Roman: "Jesus als Jüngling" von Scharrelmann, der bei Dir hinter dem Wundt zurücktreten mußte. Ich bekam - erzählen so nicht die Kinder? - von Vater Riehl eine Flasche Wein, von Lore und Adelheid einen selbstgebackenen Kuchen, von Mutter Riehl Beethovens Briefe und ein Kalenderchen. (NB. ich komme nach Frankfurt ca am 11. März; habe in Stuttgart am 18. zu reden und plane bei geeigneter Finanzlage, Dich dort zu einer 3tägigen Reise IV. Klasse an den Bodensee zu bereden. Bedenke, daß wir älter werden u. Pläne nicht ewig vorschieben dürfen. Ob Köln vorher oder nachher, zweifelhaft. Am 15.IV. jedenfalls in Berlin.)
Heute Vorm. habe ich Briefe geschrieben, die mir am Herzen lagen: an Johanna Wezel (die ich wegen der Kritik an den Menschen vornahm), an den sterbenden Oberlandesgerichtsrat Schwarz in Augsburg, an Hanna Glinzer. NB. an Frau Rohn, die jetzt in Hanau bei ihrem Sohn ist (Grimmstr. 17.) habe ich geschrieben, daß Du sie gern als Gast aufnehmen würdest, wenn sie nach Zugenhausen führe. Indemnität? Um 12 ging ich zu Susanne, die mir gestern einen Brief schrieb, wie er auch zu den Weihnachtsfreuden gehört, obwohl nicht viele Menschen dies Verhältnis verstehen und billigen würden. Aber wenn man es in s. Reinheit nimmt, so hat es auch etwas von Göttlichem. Sie lebt sich übrigens ganz in den Gedanken ein, in den Osterferien auf 3 Tage
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| zu Dir zu kommen, wie sie überhaupt im Freuen ein Kind ist und auch sonst. Da sie auch auswärts essen mußte, gingen wir zusammen essen, fuhren dann nach Pankow (Linder) u. um 7 war ich zu Hause. Ich griff zaghaft zu dem 3. Teil, der jetzt revidiert werden muß, und den ich in Heidelberg schrieb. Ich will ihn nur schnell lesen, um hinten weiter schreiben zu können. Mein Eindruck: das ist in seltsam markigen Zügen geschrieben, einfach, fast geradlinig, scharf und klar. Es ist so anders als der Partenkirchner Teil, daß es fast seine Bedenken hat. Aber warum soll ich den Anfang nicht so lassen, wenn er vielleicht auch vieles zu einfach faßt - er faßt doch, wie ich bei den Seminarübungen sehe, alles neu.
Meine 3 Lichte sind am Ende, aber ich noch nicht.
Denn ich muß jetzt noch sagen, daß ich eigentlich niemals in m. Leben so viel geschenkt bekommen habe, wie in diesem finanziell gedrückten Jahr. Nur ein Weihnachtsbäumchen habe ich nicht. Ich will nur aufzählen:
[zwischen den Zeilen] Pelargus - Zorn zeigt Riehls Geburt von Sohn an, mir nicht.
Kiehmchen: eine Kiste mit Gebackenem zu Advent, jetzt Buch: Grabstätten berühmter Männer in Berlin I: Dreifaltigkeitskirchhof (neben m. Mutter: Schleiermacher, Altenstein, Steffens, Beneke etc.)
Frau Steidl: Großer Kuchen, Pfefferkuchen, ein paar Thür. Würstchen -
Dora Thümmel: eine Meißener Porzellantasse.
Marg. " : (Studienreferendarin:) ein Berg Zimtgebäck.
Frl. Guttmann: Äpfel, Pfefferkuchen, Hieronymus im Gehäus (wegen bevorstehender Erhöh. d. Gasrechnung.
Frl. Kiehm jr.ein sehr hübscher kl. Holzschnitt, Handdruck, v. H. Mohs anscheinend Klein-Machnow.
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Eva Pretzel - eine hübsch geschriebene Selbstbetrachtung (Gegengabe: Tagore, Beethoven.)
Emma Bahr - ¼ selbstgebackener Kuchen u. Pfeferkuchen
Frau Witting - Haferkakao, Fleischpaste, Fleisch, Pfefferkuchen, Lafkadir Haarw.
Felicitas - Männchen als Lesezeichen habe ich schon 22.XII. erwähnt.
Felicitas Kolde - Butter u. 2 Äpfel.
Zangenberg zu Advent: Chokolade u. Lichtkranz.
Damit doch auch dies nicht fehle, habe ich ein Geschenk, das mich ärgert: Wallner erschien am 24. mit einem großen Packet. [über der Zeile] traf mich nicht: Inhalt 2 halbe Flaschen Bordeaux im Werte von mindestens je 20 M und ein Buch à 20 M. Darin gleich selbstgezeichnetes passendes Exlibris: Brunnen, in den das Wasser nach allen Seiten läuft. - Das ist doch unpassend und übertrifft noch den Birkenjoseph. Du siehst jetzt, wie ich zu dem Bordeaux komme. Seit Heidelberg habe ich allerdings keinen Wein mehr gesehen.
Versteh es nicht falsch, liebes Herz, daß ich nach diesem redseligen Bericht nun zum Schluß erst auf Deine Sache komme. Schön wäre es, wenn Du die 1500 M sparen könntest. Wegen des Majors erkundige Dich bitte, ob er nur gestattete Lotterien betreibt und ob er ein gebildeter Mann ist. Dann wäre es für einige Tage in der Woche ja garnicht übel. Denn das Zeichnen strengt doch zu sehr an. Übrigens: in Frkft. würden wir nach Lage der Dinge bei 3teilung nicht viel haben. Ich sähe Dich lieber mit in Stuttgart (s. oben.) Was für merkwürdige Dinge passieren in der Familie Knaps! Aber ich danke für diese Romanzen!
Meine innigen Wünsche zum 1.I. muß Du auch schon heut bekommen. Denn ich will nun am 28. Ferien machen (Tagestour Straußberg mit Heyse und den Reyern.) Sonst muß ich die Zeit zum Schreiben ausnutzen, damit das Kind endlich zur Welt kommt, wie es nun auch sei. 1.I. Harnack. 30.XII. Paulsen. Aber am Silvesterabend, da treffen wir uns doch in stillen, festen Gedanken. Und das Diesseits ist uns nicht stumm. Sei mit Deinen <re. Rand> Freundinnen tausendmal gegrüßt von Deinem durch Dich sehr beglückten Eduard.
[Kopf] Ruge ist wohl wirklich toll. - Die Notizen über Heinr. Maier verstehe ich nicht ganz
[re. Rand S. 5] Lotte (nicht Elis.) Lüpke verlobt. Morgen kommt Frl. Lubowski mit Bräutigam. Abends Riehls. [über der Zeile] Susanne läßt grüßen.
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| <beigefügter Zettel mit Aufdruck: Abstimmung Nr. / Spranger>
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| Max Wundt bestätigt mir, daß ich an der Entstehung der Lebenserinnerungen wirklich wesentlichen Anteil habe.