Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4./21. März 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. März 1920
Mein geliebter Freund.
Es ist eine wunderbare Vollmondnacht u. wir waren ein ganzes Stück am Neckar ins Tal hineingegangen, ganz bezaubert von der Schönheit der Natur. Wäre ich allein gewesen - es war so recht eine Stunde, um die Seele wieder zu erheben über die Not u. Sorge des Tages! Ob Du hier sein wirst, wenn in 4 Wochen wieder der Mond sich in den Neckarwellen spiegelt? Heut will ich wenigstens im Geiste mit Dir sein u. Dir von Dingen erzählen, traumhaft u. doch klar, lichtvoll u. doch wie in Nebelschleiern, Dinge, die mir gerade am 25. so sonderbar lebhaft vor der Seele standen.
Im Jahre 1882 war ich zum ersten Mal auf einer Sommerreise mit Großmutter u. Tante. Wir waren in Lauterberg am Harz. An die Eindrücke jener Landschaft, wenn auch verändert, knüpft der Traum an, den ich nicht lange danach hatte. Der Hausberg, steiler als in Wirklichkeit, stand vor mir u. an seinem Abhang direkt über mir war ein kanzelartiger Aussichtpunkt, den man von unten genau übersehen konnte: Dort stand, der Sonne entgegen ins Weite blickend ein Mann, dessen Züge mir garnicht erinnerlich
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| sind, dessen Wesen ich aber fühlte als einen menschenbezwingenden Enthusiasten. Ein Idealbild erschien er mir u. ich stieg den gewundenen Waldweg hinauf, um an den Aussichtspunkt zu kommen. Dort war er nicht mehr u. ich ging weiter, bis ich an ein Gasthaus kam, wo viele Menschen waren. Da war auch Tante bei mir u. sie fragte nach dem Manne, den wir gesehen hatten. Der Wirt wußte sofort Bescheid u. sagte uns, ja, er sei dagewesen, aber nun hätte er weiter wandern müssen, fort in ein entlegenes Tal, wo sein Vater Müller sei. Den müsse er nun unterstützen. - Dann verwirrten sich die Bilder u. ich war ohne Schuhe u. versuchte, aus einem Rechenbuch, das ich von meinem Lehrer für jene Ferien mitbekommen hatte, mir Schuhe zu machen. - Aber als ich aufwachte, hatte ich das erdrückende Gefühl eines unersetzlichen Verlustes u. ich weinte den ganzen Morgen, so daß das Mädchen, das mir beim Anziehen half, mich fragte, was mir denn wäre.
Bist Du es, der mir da im Traum erschien, u. dessen Schicksal schon in seinem Beginn mir
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| in die Seele gelegt wurde? Niemals vorher oder nachher habe ich etwas Ähnliches erlebt, u. niemals sind Träume mit so greifbarer Deutlichkeit mir in der Erinnerung geblieben. Dieser aber ist mit voller Realitätswirkung mir wie ein Erlebnis haften geblieben. Mit meinen Leben u. meinem Wesen damals hatte er nicht den geringsten Zusammenhang. Nie habe ich gegen jemand davon gesprochen, denn es ist für mich darin ein Zug des Wunderbaren, das die Worte scheut.

Am 21. März. Du wirst meinen, daß jetzt nicht die Zeit sei, von Träumen zu reden. Aber so tief u. brennend ich die Not der Gegenwart fühle - ich habe doch gleichzeitig um so mehr das Verlangen, mich in die unverlierbare Welt des Innern zurück zu ziehen. Es ist in mir eine geradezu fatalistische Gelassenheit. Je überzeugter ich bin, daß uns noch Furchtbares bevorsteht, desto tiefer empfinde ich den unzerstörbaren Wert des Lebens. Das gibt mir ein so sicheres Glücksgefühl, daß nichts, was auch komme, diesen Gehalt des Lebens aufwiegen kann. Und die Gestalt, in der dies Höchste in mein Leben trat, bist Du. Durch Dich ist mein Lebensglaube unbesieglich. Einmal werden diese Krämpfe u.
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| Kämpfe in unserm Volke überwunden sein, u. dann wird Deine Stimme gehört u. Dein Sinn wirken. Vielleicht werde ich es nicht erleben, aber ich weiß es.
Wo magst Du jetzt sein? Ich bin mit meiner Seele bei Dir u. bin ruhig in meiner Liebe, für die es keine Entfernung gibt. Am 12. u. am 19. war Deine liebe Mutter uns besonders nahe. Ihr Segen behütet Dich in aller Gefahr. Es muß ein Wunderbares sein das Neue, das aus dieser Katastrophe aufsteigt. Was ist dieser Bolschewist, der die Welt von Grund aus umgestalten will? Ist es nur der Sklave, der die Kette bricht, oder ist er wirklich ein neuer Mensch? Wenn die Menschennatur sich gleich bleibt in alle Ewigkeit, dann kann auch dies Toben nicht andauern, u. es kommt nach dem Hexensabbat die Besinnung; u. die Grundlagen des Lebens sind dann so verschoben, daß notwendig auch die Menschen sich ändern müssen, oder dies ganze Treiben ist sinnlos. Wenn nur dies Hasten nach Geld u. Genuß von vorn beginnen sollte, dann wäre es besser, Deutschland wäre ausgelöscht für immer. Wenn der Zeitpunkt kommt, daß all die ertrotzten Rechte u. sinnlosen Löhne nicht befriedigen, dann - so hoffe ich zuversichtlich - wird eine Erneuerung von innen her einsetzen. Denn Glücksucher sind
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| sie doch alle u. es muß doch ein furchtbares Mißverhältnis gewesen sein, daß eine so ungeheure Masse geistig Besitzloser heranwachsen konnte. - Da sind mir Deine Worte in der Spenglerkritik so bedeutungsvoll, die den Sinn nicht zurück, sondern vorwärts richten wollen. Die Welt ist gewandelt, aber nur die Machtrollen sind anders vergeben; soll daraus ein Neues kommen, so muß der Sinn des Lebens neu entdeckt werden.