Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. April 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. April 1920.
Mein geliebter Freund.
Nun sitze ich einmal wieder selbst an meinem Schreibtisch u. der Sonntag wird hoffentlich auch die ungestörte Möglichkeit zum Schreiben geben. Wie sehne ich mich danach, denn all meine Gedanken geleiten Dich u. ich entbehre den so lieben, beständigen Austausch. Dein Briefchen von Würzburg kam gestern. Es liegt darüber solch eine gedämpfte Stimmung, daß es mich traurig macht. Ist es wirklich so in Dir, mein Einziger, oder war es nur das augenblickliche Rückerinnern, das Abschiednehmen? Ich hatte gedacht, das Zusammensein mit Frau Witting sollte Dir das Ende der wunderbar schönen Zeit, die uns das Schicksal hier schenkte, weniger fühlbar machen. Aber ich spüre von dieser Wirkung nichts durch u. das betrübt mich. - Wir wollen das Licht bewahren, das über unsern Frühlingstagen strahlte, es soll eine Kraft in uns bleiben - ist es doch Leben aus einer höheren, ewigen Welt. Weißt Du es nicht, wie ich Dein tiefstes Wesen liebend erfasse u. umfange, wie mein ganzes Sein einströmt in diesen Deinen Lebenssinn? Wenn wir Sehnsucht haben nach unsrer Reichenau,
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| der Insel des Friedens - waren wir nicht auch hier in einer Welt für uns, dem Kampfe entrückt in stiller Seligkeit? Mit erneuter Wucht hat sich seit Deinem Fortgehen das Drohende der nächsten Zukunft auf mich gelegt. Solange Du da warst, hatten die Schatten keine Macht über mich. Und auch Dich haben sie in Würzburg schon wieder erreicht in Gestalt der Schulkonferenzen. Aber wir wollen überwinden mit dem, was uns diese letzten Wochen von neuem schenkten; es soll eine Schutzwehr um Dich sein, so daß Widerwärtigkeit u. Gemeinheit an Deinem äußeren Menschen abgleiten, u. der innere frei u. stolz im Kampfe besteht für seine gute Sache. "Und wenn die Welt voll Teufel wär - es muß uns doch gelingen!" Was kann der Mensch mehr erlangen, als sich einzusetzen für eine echte Überzeugung? Nicht die Aussichtslosigkeit des Kampfes, nur der Zweifel am Wert der eignen Sache könnte da verhängnisvoll werden.
Hättest Du nur mehr körperliche Frische von hier mitgenommen! Dafür war die anregende Luft in Cassel besser. Und nun gar die Treibhaustemperatur der Tage, die Du schon in Würzburg warst - mit Kummer habe ich den wachsenden
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| Wassergehalt der Luft empfunden. Nun sorge ich mich, Du wärest eingeregnet u. kämst womöglich durchnäßt in den Zug. Wenn Du doch den Plan mit der Nachtfahrt aufgegeben hättest u. lieber erst am Montag gefahren wärst. Es ist mir zu arg, zu denken, daß Du die Nacht über wieder stehen solltest. Das Abspannende der Witterung empfinde ich auch sehr, ich habe viel geschlafen an diesen letzten 3 Tagen. Außerdem war ich einen Nachmittag bei Albrecht Ruge, u. gestern bin ich für Aenne in der Stadt umhergelaufen, um die Wiener Kinder für die Abreise mobil zu machen. Es ist hohe Zeit, daß sie fortkommen. - Daß ich Dir die Briefe vom Donnerstag bereits nachschickte, war nicht mangelnde Aufmerksamkeit, sondern der Respekt vor dem Schreiben vom Ministerium!! - Das Übrige wird hoffentlich nicht gerade eilig sein, ich habe es bis heute aufgesammelt. Drucksachen schicke ich wohl im Packet mit. Oder wünscht Du etwas davon noch nach Leipzig? Verzeichnis liegt bei. Das Tagebuch ist fort. - An Frl. Kolde hatte ich doch wohl auch das Päckchen von hier - schicken sollen? Aber ich habe keine Adresse. Nun denke ich so: Du schreibst einige Zeilen ohne Datum u. schickst sie mir mit Angabe der Adresse u. ich füge einen Gruß bei mit einer Entschuldigung wegen der Verzögerung.
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| Die Karten neulich habe ich gelesen. Von dem übrigen erzählst Du mir wohl mal - falls es wichtig ist. - Der Brief vom Wezelchen hat aber viel Umwege gemacht! - Dein Bedauern über das mangelhafte optische Gedächtnis verstehe ich gut. Es ist zum großen Teil Übungssache, aber sofern Anlage dabei mitspielt bin ich auch nicht viel besser daran. Es haften bei mir eigentlich nur einzelne wirklich tiefe Eindrücke, Besonderheiten [über der Zeile] des Erlebens, da ich der Kunst von je mehr von der Gefühlsseite als von der forschenden Vergleichung nahekam. Und die Theorien, mit denen ich bei meiner Ausbildung bekannt wurde, waren so einseitig naturalistisch, daß ich mich erst sehr spät zu einer vertieften Anschauung durcharbeitete. Aber ich bin glücklich, daß Dein Interesse jetzt diesem mir lieben u. vertrauten Gebiet mehr zugewendet ist, als sonst. Wir werden gewiß auch da noch Manches gemeinsam finden, u. überall wird Dein reines Gefühl für alles Echte u. Große sich erweisen. Diese unbestochene Empfänglichkeit scheint mir entschieden mehr wert als alles theoretische Wissen u. Aufspeichern.
- Ob Du nun wohl wirklich schon heute, am Sonntag in Leipzig bist? Und ob
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| Du dann noch gehörig nachgeschlafen hast? Wie rasend schnell ist doch die Zeit seit Deiner Ankunft hier vergangen! Wenn es da draußen zu bunt wird, dann komm wieder! Denn hier ist Dir immer eine Heimat bereitet. Und es wird auch jedesmal mehr nach Deinem Sinn sein, Deinem Arbeitswunsche angepaßter, - die Luft am Königstuhl u. der Tisch im Zimmer. - Obgleich das Fenster Tag u. Nacht offen steht, empfängt mich beim Nachhausekommen noch immer eine mir so heimelige Raucheratmosphäre. Und so ist alles um mich ein Erinnern.
Die Arbeit, die in den Wochen Deines Hierseins liegenblieb, drängt nun sehr. Da ich, wie Du weißt, alles selbst nähe u. herstelle, u. da ich seit fast einem Jahr damit im Rückstand bin, ist das viel. Dazu kommt nun jetzt noch die Aussicht, vielleicht den kleinen Albrecht Ruge für einige Zeit ins Haus zu bekommen. Die Mutter wird eine Drüsenoperation gemacht bekommen – (ich bin sehr in Sorge, daß es tuberkulos sein könnte) – u. wenn das hier in einer Klinik geschieht, habe ich angeboten, das Kind zu hüten. Sollte sie dazu nach Karlsruhe gehen, kommt er zu den Großeltern.
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| Auch Uli Gunzert-Wille hat eben den Zug zu uns, sodaß es an "Unterhaltung" nicht fehlt. - Nach dem Kaffee werde ich wie sonst [über der Zeile] auch sonntags, mit Aenne zusammen sein. Der Schleiermacher ist noch nicht wieder begonnen, aber heut nehme ich die Berichte von den Leipziger Unruhen mit u. einige Aussprüche von dem Otto Braun, die mir in der westdeutschen Wochenschrift auffielen. Das sind warme, starke Gedanken, vielleicht zu stimmungsmäßig, um in nüchternem Sinne "wahr" zu sein, aber doch echtes Erleben. - -
Wie werden Deine letzten Tage in Leipzig sich abrollen? Hoffentlich ohne Knoten. Es ist mir sehr schwer, daß ich Dir garnicht helfen kann, denn dazu bin ich doch einmal da. Wann wirst Du übersiedeln? Ich wüßte gern den Tag.
Grüße, wen Du von den Freunden siehst, vor allem Kiehmchen.
Dir alles Innige u. Treue
von
Deiner Käthe.

Der Vorstand dankt für die Grüße u. erwidert sie herzlich