Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. April 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. April 1920.
Mein geliebter Freund.
Nun werden dies wohl die letzten Zeilen sein, die ich Dir nach Leipzig schreibe. Und Du wirst garnicht Zeit haben, sie zu lesen! Aber dennoch möchten meine Gedanken, die Dich beständig mit liebender Sorge umgeben, auch sichtbar bei Dir sein in diesen Abschiedstagen. - Du haderst mit der Ungunst der Verhältnisse, die Dich nicht den Ertrag des reichen Einsatzes sehen ließen, den Du in diese Leipziger Jahre legtest. Ich aber empfinde vor allem, was Du dort geschaffen hast, was aus dem vernachlässigten Lehramt in deiner Hand geworden ist. Das alles ist Dir selbstverständlich geworden u. doch ist es ein Ungewöhnliches. Es sind ja auch nicht eigentlich die Enttäuschungen, die Leipzig selbst verschuldete, was Dich jetzt so verstimmt, es sind die geistigen Umwälzungen, die unser ganzes Leben erschüttern u. die uns heimatlos machen, wo wir auch sind. Denn auch die Aussicht auf die Wirksamkeit in Berlin weckt in Dir zunächst keine freudige Erwartung. Es liegt nicht an den Einzeldingen, es ist das große Zeitenschicksal, das jede freie, glückliche Entfaltung hemmt. Sorge nur, daß Du, ein verantwortlicher Hüter deutschen Geistes u. deutscher Kultur, nicht Deine Kraft in fruchtlosem Tagesstreit ausgeben mußt. Du weißt, auf welche Stunde Du Dein Bestes
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| zu bewahren hast. Es kommt noch ein Sturm von links, aber dann wird Deutschland sich wiederfinden, das glaube ich sicher. Habe Geduld, vielleicht noch ein Jahr, vielleicht nur ein halbes, bis all die fieberhafte Neuerungssucht verrauscht ist u. man sich wieder auf das Echte, das Bewährte besinnt. Ich weiß, daß Du nicht Altes erneuern wirst, aber geschichtlich anknüpfen, das Lebensfähige erkennend, das Ganze überschauend, wirst Du nicht Tagesströmungen sondern eine deutsche Entwicklungsepoche leiten.
Wenn doch nur erst die äußeren Sorgen beseitigt wären! Ob der bewußte Brief von Frl. Guttmann war, u. ob er eine Zusage enthielt? Heute quäle mich den ganzen Tag mit dem Gedanken, daß doch eventuell bei Hanna Virchow ein geeigneteres Unterkommen für Dich gewesen wäre. Ich hatte s. Z. die Schwester, die energische Adele gefragt, ob Hanna noch weitere Zimmer vermieten würde? Aber es hieß, die Kunstgewerbeschülerin sei noch auf länger bei ihr u. mehr brauche sie nicht herzugeben. Nun erzählt mir Adele gestern, daß die früher sehr beliebte Mieterin jetzt allerlei Untugenden zeigt u. daß Hanna außerdem noch ein Zimmer hergeben wolle. Wenn Du nun beide ge
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|nommen hättest, dann wären die doppelte Vermietung u. die Untugenden fortgefallen. Ich sehe auf dem Plan, daß die Wohnung in der Fasanenstr. 60 nach Westen liegt, also doch immerhin besser als am Kurfürstendamm. Warum konnte ich das nicht erfahren, solange Du noch hier warst?!
Adele hatte mich gestern schon wieder zu einem Concert eingeladen: leider war es recht mäßig. Lieder von Bruns u. von Brahms für Chor u. Quartettgesang. Ein schwächlicher Baß, ein blecherner Tenor, ein tremolierender Alt u. nur der Sopran war rein u. voll.
Gestern war Aenne mein Logirgast, da in ihrem Schlafzimmer eine Cousine nebst Tochter für eine Nacht wohnte. Das Mädchen ist Tänzerin, gibt in der Schweiz Stunden in Eurytmie. Sie ist begeistert für ihren Beruf u. mißt ihm hohe, ethische Qualitäten bei. - Ist man berechtigt, weil die alten Griechen den Tanz in der Kulthandlung verwendeten, ihn an sich als ethisch zu bezeichnen? Man kann alles - nach Luther - zur Ehre Gottes tun, aber ich habe darum doch nun einmal von einem gewissen Eduard Spranger gelernt, die Lebensgebiete reinlich zu sondern, u. Tanzen scheint mir in hohem Grade ästhetisch zu sein.
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Hörtest Du eigentlich noch, daß die Conflikte im Hause Winter so auffallend nachgelassen haben? Es scheint sich einmal wieder für eine Zeit entladen u. geebnet zu haben. - Am Sonnabend fährt Aenne nach Hedelfingen, ob nun die Wiener Kinder fort sind oder nicht. Sollte der Eisenbahnerstreik die Sache nochmals aufhalten, so werde ich an Aennes Stelle die kleine Bande verabschieden. –
Wenn Du - erschöpft u. Sachsens müde - in der Eisenbahn sitzt, dann denke, daß ich mit Dir in die alte Heimat gehe. Es wird vermutlich ein stiller Abschied sein, nicht der Bedeutung Deines Fortgehens entsprechend. Es ist keine Zeit der Sammlung u. feierlicher Gefühle. Mir aber ist, als gingest Du in diese centrale Wirksamkeit als ein Berufener des Weltgeistes, der Dir edelste Kräfte der Erneuerung für unser armes, gebrochenes Volk in die Seele gab. "Warum sucht’ ich den Weg so sehnsuchtsvoll, wenn ich ihn nicht den andern zeigen soll" schriebst Du mir schon vor vielen Jahren. Nichts ist verloren, was Du tust, denn echtes Gold ist unzerstörbar. - Und wenn Du im Kampfe eine Stätte der Ruhe suchst, dann laß wie sonst in meinem Herzen Deine Heimat sein, wo Du Deine Klagen ausschüttest u. wo Du, geborgen in verstehender Liebe, Linderung findest. - Im Glauben an den Gott, der in Dir lebt u. über allem waltet
Deine Käthe.

[re. Rand] Bitte, grüße Frau Direktor besonders von mir.