Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. April 1920 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 25. April 1920.
Mein geliebter Freund.
Wie habe ich Dich in Berlin willkommen geheißen, in unserm alten, lieben Berlin! Dein letzter Brief aus Leipzig klang so wundervoll zusammen mit der stillen Feierlichkeit, die in mir war bei diesem bedeutungsvollen Abschluß. Ja, so ruhig u. frei mußtest Du gehn, so fromm, möchte ich sagen, denn Du hattest Dein oft so hartes Tagewerk mit reinem Sinn u. selbstloser Treue restlos erfüllt.
Nun kommt ein Neues. Und doch überall die Anklänge von früher - doch heimatlich. Am Mittwoch, d. 5. Mai wolltest Du beginnen? Mir ist, als hättest Du von hier doch noch etwas mehr mitgenommen als die Müdigkeit; wenigstens möchte ich es unendlich gern glauben, was Du mir so lieb versicherst.
Und nun wartest Du gewiß auf Deine Packete! Noch ist nichts abgesandt, denn Du hast von dem Bücherverzeichnis nicht bestimmt, was etwa eilig wäre u. ebenso wäre es
[2]
| gut, wenn ich über das Bettzeug Bescheid bekäme, was davon erwünscht ist. Eventuelle Kissen womöglich mit Maßangabe. - An Frl. Wezel, Frl. Kolde, Frau Riehl habe ich geschrieben. Letztere wird kaum zufrieden sein, es war etwas steif u. gebunden in mir. - Frl. Kiehm kommt noch heute an die Reihe. Die gute Seele tut mir herzlich leid, denn natürlich ist das nun ein großer Verlust für ihr Leben. Es freut mich, daß es in Deinem Sinne ist, wenn ich ihr schreibe. Ich wollte es ohnehin. - Wie ists mit Frau Direktor? Und was hast Du ihr geschenkt: Eine Metall-dose - rose - chose - vase?
Also Bartram schrieb, ist also nicht in Haft. Ich hoffe nur, daß er Dich nicht irgendwie in politische Ungelegenheiten bringt! Es ist so seltsam mit den politischen Überzeugungen, die ja doch notwendig der ganzen Entwicklungsepoche des Menschen angepaßt sind u. sich mit ihm entwickeln. Man kann die Jugend doch nicht verurteilen, weil sie aus Idealismus irre geht. Es ist nur so furchtbar, daß jetzt jeder meint, entscheidend in die Verhältnisse eingreifen zu
[3]
| können. Wie not täte auch da das "Verstehen" des Ganzen! Welch eine Höhe des Urteils ist in Deinem Aufsatz u. welch Abgrund der Leidenschaften ist die Wirklichkeit. Ich kann mir nicht helfen, ich kann mir Dein Wirken nun einmal nur denken als eine Stimme aus dieser reinen Welt abgeklärten Wissens vom Leben, nicht herabgezogen in den Parteihader.
Rein wissenschaftlich liegt doch dies eindringende Verständnis für große Lebenszusammenhänge ganz gewiß in der Bahn der Entwicklung. Die experimentelle Psychologie wird ihre Sphäre behalten, wie die Physik in der Naturwissenschaft, aber sie soll ihre Tragweite nicht überschätzen. Es ist so verlockend für kleine Geister, nur das als Wissenschaft zu erkennen, was sich messen u. wägen läßt. Und doch sind in Deinen Lebensformen gleichfalls eindeutige, klare Elemente, gewissermaßen Urstoffe des Geistigen gegeben, die eine streng wissenschaftliche Zergliederung ermöglichen. Das ist keine Spekulation, aber geistige Methode für geistige Dinge. Ich fühle so froh den festen Boden, auf dem Du stehst.
[4]
|
Vor mir bei Deinem Bilde stehen immer noch goldne Himmelsschlüssel vom Dilsberg, u. Immergrün aus Schwetzingen. Aber auch wenn sie vergangen sein werden, bleibt in mir all das Schöne, wovon sie reden, lebendige Gegenwart. - - Seit gestern früh acht Uhr ist Aenne nach Hedelfingen abgereist. Am Tage vorher war noch großer Kaffee bei mir mit Schupp u. Heidels u. Adele Henning. Es war gemütlich, aber nicht weiter inhaltreich. Nur von einem neuen tragischen Ehekonflikt im Freundeskreis hörten wir dabei. -
Im Gegensatz dazu stand der Nachmittag gestern, mit Frau Ewald u. Frau Fürbringer, beide so glücklich verheiratet, u. die letztere nun so vereinsamt. - Heut abend gehe ich vielleicht zu Willes, denn ich muß nun am Dienstag um 8 Uhr [über der Zeile] früh mit der Habe die Wiener Kinder spedieren. Der Transport wurde - echt wienerisch - dreimal umbestellt. - Albrecht Ruge wird zunächst nicht zu uns kommen, da die Mutter zur Operation nach Karlsruhe geht, wo das Kind bei den Großeltern sein kann. Später vielleicht. - Wie gespannt bin ich auf Deine <Kopf> neuen Eindrücke! Ich grüße Dich innig.
Deine Käthe.