Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. April 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27. April 1920.
Mein liebster Freund.
Das dachte ich nicht, während ich an Dich schrieb, daß Du wieder in solchen Nöten wärest. Alle möglichen Bedenken u. Schwierigkeiten schwebten mir vor, aber solche schmerzlichen Conflikte in dem Augenblick der Rückkehr hatte ich nicht vermutet. Wie möchte ich Dich gerade vor solchen Eindrücken bewahren können, weiß ich doch wie tief sie Deine Seele verwunden. Immer wieder machst Du Dir ein Bildnis dessen, was Du liebst, u. immer wieder mußt du enttäuscht sehen, daß es eine Illusion war. Nimm ihn wie er ist, der alte Mann, er ist nicht zu ändern! Nur laß Dich nicht von seinen Ansprüchen aussaugen. Es ist meines Erachtens sentimental, wenn Du immer meinst, es müsse gerade für ihn alles unverändert bleiben, wo doch ganz andre Leute ihre Ansprüche selbstverständlich einschränken. Du läßt Dich von seinen bestimmten Forderungen immer wieder einschüchtern u. pendelst zwischen treuer Opferbereitschaft u. innerer Auflehnung gegen unmögliches Verlangen hin u. her. Du siehst doch, daß all Deine Opfer zwecklos sind, weil sie ins Grenzenlose sich auswachsen. Du mußt
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| jetzt ein Ende machen u. mußt haltbare u. durchführbare Zustände schaffen. Daß augenblicklich durch die Bekannte von der Paula die Maschine im Gang erhalten bleibt, ist ja gut. Aber dann muß doch ein Ende gemacht werden. Was sind die 100 M für den Siegelring bei den heutigen Preisen! Und Du kannst doch nicht darben, um dort unbegrenzte Zuschüsse zu geben. Du mußt sehen, daß Du den Vater irgendwo, sei es in einer Familie oder einem Stift, für eine feste Summe, (Dein Maßstab ist da ja nicht niedrig) einmietest. So darf es nicht weitergehen. Ich bitte Dich, bleibe darin fest u. klar, u. laß Dich nicht von weicher Versöhnungsstimmung betören. Sei nicht bitter u. zornig, denn Dein Vater kann ja nicht anders, er war ja immer so; aber sei in Deinen Maßnahmen konsequent. Es muß so geregelt werden, daß er würdig, aber in entsprechenden Verhältnissen untergebracht ist. Ein selbständiges Wirtschaften ist bei der heutigen Lage der Dinge unmöglich, das hat sich nun definitiv erwiesen. Denn Du kannst einfach mehr nicht geben. Und keinesfalls darfst Du aus Geldrücksichten an ein gemeinsames Wirtschaften denken. Das wäre für Deine Zukunft unverantwortlich.
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Ich kann mir so gut denken, wo Du wohnst. - Also richtig Postamt 62, beinah hätte ich es auf den ersten Brief geschrieben. Er wird gerade an Deinem Einzugstage gekommen sein. Ach, was gäbe ich darum, wenn ich meine Liebe wie eine Schutzwehr gegen solche Quälereien um Dich breiten könnte! Es ist doch kein Unrecht, wenn Du Dein Leben auf durchführbare Existenzbedingungen stellst. Du darfst Dich, um höherer Pflichten willen nicht in diesen finanziellen u. seelischen Conflikten zermürben.
Die Bettwäsche gebe ich Dir gern. Ich bitte nur um Angabe der erforderlichen Stücke, da doch die Einrichtung überall verschieden ist. Kissen habe ich in verschiedenen Maßen, also schreibe die Centimeter. Da Du jetzt die von Frau Riehl hast, eilt es wohl nicht so sehr. - Ich sitze u. flicke einstweilen an der hiergebliebenen Wäsche. Sobald es irgend geht, mache ich Dir 1-2 Nachthemden. Wenn Du sie nur nicht wieder in der Wäsche einbüßt! Ich habe noch Stoff für mich gekauft u. brauche augenblicklich noch keinen Ersatz. Da teilen wir den Stoff u. das wird für Dich wohl 2, für mich 3 Stück geben. Wenn ich später mal nichts habe, dann gibst Du mir ab, nicht wahr?
Hat Dr. Wust das Eintreffen des Tagebuchs gemeldet? Den Brief für F. Kolde ließ ich
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| auch einschreiben. Wenn Du mal wieder Marken hast von Wust aus Trier mit Aufdruck Sarre bitte, gib sie mir. Ich bin für Deinen Patenjungen ganz sammelwütig. –
Arnold Ruge ist in Berlin im Deutschvölkischen Arbeitsring. Ob er lesen wird, weiß man noch nicht. Morgen geht seine Frau nach Karlsruhe. Sie u. ihre Mutter spielen immer wieder darauf an, daß ich Arnold haushalten soll, aber auf dem Ohr bin ich taub. Es sind in der Tat sehr trübe Verhältnisse. Wie soll die arme junge Frau sich erholen, wenn sie nach der Operation schon bald wieder in die Wirtschaft müßte. Das geht ja garnicht, besonders da das Mädchen zum 1. Mai kündigte. Da muß Arnold eben auf seine Junggesellengewohnheiten zurück greifen. – Meine Waschfrau, d. h. ihre Tochter brachte am Montag das vermißte Bettuch. Wo es war, ist nicht festzustellen. Nun ist also nur noch das Tuch weg, das wir gemeinsam ausgesetzt haben. Das war das Opfer an die Götter für eine Zeit so reinen Glückes, das man dafür wohl schon ein Opfer bringen kann.
Ich grüße Dich innig, wie jeden Abend, mein Liebling. Schlafe wohl in Deinem kleinen Stübchen u. tue Deinen fürsorglichen Damen gehörig Deine Wünsche kund.
In treuer Liebe u. Sorge Deine Käthe.