Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. April 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. April 1920.
Mein geliebter Freund.
Am Sonntag früh möchte ich Dich lieb begrüßen u. Dir sagen, wie ich so ganz mit meinen Gedanken bei Dir bin! Die traurigen Eindrücke bei Deinem Einzug in Berlin lassen mich garnicht zur Ruhe kommen. Es genügt nicht, die Sache bei Seite zu schieben, sie muß so geregelt werden, daß Du dabei gedeihen kannst. Schreibe mir doch, ob Du meine Auffassung darin teilst? Ich denke mir, daß jetzt im Augenblick alle Deine Aufmerksamkeit auf den Beginn des Semesters gerichtet sein muß, aber wenn Du damit im Gange bist, dann sorge dafür, daß Vorfälle wie die letzten unmöglich werden. Denn darum handelt es sich, Du mußt die Lage so gestalten, daß eine Wiederholung ausgeschlossen ist. Sieh es doch als eine psychische Unmöglichkeit ein, bei Deinem Vater ein Verständnis für seine Handlungsweise zu wecken. Da sitzt eine absolute Unfähigkeit, die ich als ein geistiges Manko auffassen möchte, verstärkt durch den Egoismus des Alters. Da vermag weder gütliches Zureden, noch heftige Vorwürfe eine Änderung hervorzubringen. Selbst wenn er den Willen hätte, er könnte es nicht. Darum muß ihm die Verfügung über die Einzelheiten des täglichen Lebens abgenommen werden. - Ist das nicht die einzige Möglichkeit? Aber ich weiß, Du braust im Augenblick auf, u. dann wirfst Du alles von Dir u. läßt es
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| gehen, wie es geht. Du bohrst Dich in das Leid hinein, u. nach außen gibst Du nach, um wieder Frieden zu haben. Wer energisch fordert, erreicht alles von Dir. Aber ich glaube nicht, daß ein Segen dabei wäre, wenn Du wieder nachgibst. Vielleicht würde der Vater vorsichtiger sein im Vertuschen, ändern würde er nichts.
Es macht mir große Sorge, daß Du Dich von neuem bestimmen lassen könntest. Und dazu häuft nun heute Frl. Kiehm ein neues Bedenken. Den „Birkenjoseph“, den sie als tyrannischen Egoisten schildert u. von dem sie fürchtet, daß er sich doch mit Erfolg an Dich herandrängen würde. Du wolltest doch nichts mit ihm zu tun haben. Er gefällt Dir nicht. Suche Dir doch die Leute, die Dir gefallen! Es eilt doch wohl nicht so mit der Besetzung der Hilfsstellen? Ich bin in einer wahren Angst, daß Du da etwas tun könntest, was Dich reut. Laß Deine Gutmütigkeit nicht zur Schwäche werden.
Und ebenso im Hause. Lege diese übertriebene Scheu, Deine Wünsche zu äußern ab. Du bist Dir schuldig, Deine Arbeitsfähigkeit zu erhalten u. Dein tägliches Leben gesundheits
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|gemäß zu gestalten. Könnte ich doch nur dabei helfen! Kann es Dir nützen, wenn ich nach Berlin käme, wäre es Dir eine Hülfe, um über diese Zeit leichter fort zu kommen?
Wenn Du irgend welche wirtschaftlichen Anliegen hast, gehe doch zu Mutter Lili in der Kurfürstenstr. 84 III. - Dort wirst Du bestimmt freundschaftliches Interesse u. guten Rat finden. Und wenn Du das nicht brauchst, dann geh u. sieh Dir die beiden kleinen süßen Mädels an u. bringe ihnen einen Gruß von Tante Käthe. Lilichen versteht das sicher schon. Ob sie das Glong-Glong-Glöckchen noch hat?
Paul Ruge wohnt Bayreuther 43. - Ich hatte ihm gestern eine geschäftliche Abrechnung zu schicken. - Überhaupt habe ich in diesen letzten drei Tagen auf Mord u. Brand geschrieben, um endlich einmal von meinen monatealten Briefschulden loszukommen. Ich wollte doch das geringere Porto noch ausnützen, das hat mir einen kräftigen Ruck gegeben. Nun bin ich durch bis auf 5. - Ich habe mal nachgezählt, es sind so zwischen 50 u. 60 Adressen, die im Laufe des Jahres alle mal an die Reihe kommen. Aber ich will die nichtssagenden Formalitäten abschaffen u. mich künftig auf die wirklichen Mitteilungen beschränken. Darin täte man allerdings gern oft mehr. - Auf der Post erfuhr ich nun heute, daß die Verfügung noch nicht da sei u. daß die Erhöhung vermutlich erst am 5. oder 6. eintreten
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| werde. Dies würde Dir jedenfalls auch von Wichtigkeit sein bei Deiner großen Korrespondenz. Aber frage lieber selbst nach. Die Post ist in der Landgrafenstraße, glaube ich. -
Seit Du fort bist, habe ich nicht mehr geheizt. Das kommt meinem Kohlenvorrat u. meinen Händen sehr zu gute. Aber ich wollte gern meine letzte Kohle in den Ofen stecken, wenn Du wieder kämst. Und Du in Deinem Nordzimmer läßt Dir doch hoffentlich Feuer machen? Es ist doch noch recht frisch.
Jeden Abend gehe ich zwischen 7 u. ½ 8 auf die Brücke u. sehe ins Tal u. sehe nach dem Abendhimmel. Seit 2 Tagen sind die Windgitter fort, das war ganz eigen, wie frei u. durchsichtig da die Welt wieder war. Das klare Wasser, die schönen Berglinien, das muntre Leben in den Booten, die schönen, blühenden Kastanien – u. darüber der klare Mond. Ach, hat mein Traum nicht recht, ist es nicht zum Weinen?! Aber nein, ich will das nicht. Ich will mit Dir tapfer sein u. das Schicksal bezwingen. Ich will kein Unrecht, wenn ich verlange, daß Du Deine vornehme Güte nicht mißbrauchen läßt. Es handelt sich nicht nur um Dich u. um Dein armes Herz, mit dem ich leide, es handelt sich um die Freiheit Deiner Schaffenskraft. Bei allem was Du tust, denke mein! Du mußt lernen, daß nicht Dein Zorn einen andern Willen, sondern nur Dein Wille die Verhältnisse regeln kann.
In Treue u. Innigkeit grüße ich Dich.
Gute Nacht, mein liebes Herz.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Aenne wollte morgen "Samschtag" wiederkommen. Es werden aber wohl keine Züge gehen, denn Baden "feiert".
[li. Rand S. 3] Wie ists im Hause? Und das Essen? - Schreibe wegen der Bettwäsche, wenn möglich bald.