Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Mai 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Mai 1920.
Mein lieber Freund,
Nun ist also wohl alles soweit in Ordnung, wie es eben geht. Du schreibst mir mit Stolz, daß Du alles allein fertig gebracht hast u. Du hast gewiß recht, darauf stolz zu sein. Aber mir kannst Du damit doch keine Freude machen; mir wäre es lieber, Du hättest nichts getan, als Anordnen. –
Also am Mittwoch, wenn die Vorlesung beginnt, ist [über der Zeile] sind genau 15 Jahre seit Deiner Promotion! Ich kann es garnicht fassen, daß es schon solch lange Zeit ist trotz allem, was dazwischen liegt. Du beginnst also mit der systematischen Vorlesung, ach, wie gern erlebte ich diese erste mit, die doch gewiß bedeutungsvoll sein wird! - Auch* [li. Rand] * D. h. nur das Übrige, nicht die Vorlesung!! alles übrige würde ich so gern meiner Kritik u. Hülfe unterziehen, denn nach dem Bericht habe ich garkein rechtes Vertrauen in die Art, wie Deine äußere Lage geregelt ist. Nach dem allgemeinen Urteil bist Du geradezu hülfslos schüchtern in allen solchen Dingen u. es ist mir schrecklich, zu denken, daß gleichgültige Menschen das zu Deinem Schaden ausnützen. - Ich kann mich garnicht besinnen, wieviel Du Frl. Guttmann für Kaffee u. Abendbrot zu bezahlen hast? Wenn sie nur dafür liefert, was es auf Marken gibt, dann würde das jedenfalls völlig ungenügend sein. Hoffentlich läßt Du Dir Eier besorgen. Hier kosten sie 1,90 -
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| dort sollen sie billiger sein. Da laß Dir bitte, jeden Morgen gleich zum Frühstück, eins kochen. Ich mache es Dir zur Pflicht, darin nicht so töricht zaghaft zu sein! Andre fordern ganz andre Hülfeleistungen. - Wie wir es mit dem Kaffee machen sollen, ist mir noch nicht klar. Auf Spiritus kannst Du das Wasser nicht zum Kochen bringen, Du müßtest es Dir schon heiß geben lassen. Dann aber wäre es einfacher, man sorgte gleich für den fertigen Kaffee im Haus - so wie es Frau Götze tat. - Du kannst von mir selbstverständlich alles an Gerät haben, was Du brauchst. Ich besitze eine kleine Wiener Maschine, aber das ist ein sehr umständlicher u. kostspieliger Betrieb. Am besten, wenn es beim Selbstkochen bleiben soll, ist ein Spirituskocher u. ein Casserölchen. Das kann für Kaffee u. Thee gleichermaßen dienen. Gibt es denn dort kein Flaschenbier? Frage doch mal in all diesen Sachen bei Mutti an; sie kann gewiß raten u. helfen. Halte gute Nachbarschaft mit den Meinen, liebes Herz, sie werden sich freuen. –
Seit heute Mittag ist nun Aenne zurück. Sie sieht viel wohler aus u. fühlt sich ausgeruht. Um ½ 12 traf sie ein, um 3 Uhr mußte sie bereits in eine Sitzung. Mit meinem Aussehen war sie nicht zufrieden. Ich habe halt Sorgen u. da
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| kann man nicht gedeihen.
Rösel Wendling-Hecht wohnt jetzt hier in der Rohrbacherstraße 18 u. ich wollte sie gerade begrüßen, sie hat aber die Grippe, - u. der arme Sohn von Frau Gunzert ist in den letzten Stadien seiner hoffnungslosen Krankheit. Frau Ruge ist operiert, aber sehr schwach. - Überall ist Krankheit! - Daß Albrecht nicht zu uns kam, tut mir in einer Hinsicht leid. Es ist ein lieber Junge.
Unser Joseph nudelt sich weiter mit Genuß. Aenne hat die Pension gesteigert, was er sehr einsichtig u. bereitwillig aufnahm. Er zahlt jetzt 340 M, Gas, Heizung, Brot extra. Sonst ist alles einbegriffen, außer der Bedienung. - An Hanna Virchow habe ich gestern gleich sehr eindringlich geschrieben. Ob es das Richtige wäre? Sie kann aber vielleicht die Andre nicht loswerden u. schreibt, es geht nicht! - Sollte es aber eine günstige Aussicht eröffnen u. Dir wünschenswert erscheinen, dann je eher, je lieber. Rücksichten brauchst Du da nicht eben wieder zu nehmen, das ist Geschäft. Jedenfalls scheint mir die Art, wie es Deine Wirtin treibt, unbedingt nur Geschäft zu sein.
Und mit dem Vater ist es also wirklich, wie ich fürchtete? Nach heftigem Anprall scheinbare Nachgiebigkeit u. dann alles beim Alten? Wo die Sachen bleiben sollten? Nun, wenn
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| Du ernstlich wolltest, fändest Du wohl für Dich eine Wohnung, in die Du einen Teil mitnähmst, u. das Übrige d. h. die Einrichtung für ein Zimmer behielte Dein Vater, damit er doch seine gewohnten Sachen um sich hätte. Dafür ließe sich schon Rat schaffen, aber schwieriger wäre sicher das geeignete Unterkommen für ihn zu finden. -
Schönstens Dank für die interessanten Marken. Ich schicke sie nächstens mit, eben hatte ich gerade ein Packet fortgebracht. Und an Dich schickte ich an 28. ein Wertpacket mit Büchern, Wäsche u. "Gutseln". Gestern ein "Päckchen" mit dem geliebten Apfel=bettelmann. Hoffentlich kommt es an. - Am Sonntag war ich bei Frau Fürbringer, sie ist so vereinsamt die Arme! Und Frau Ewald hält Haus ohne Mädchen u. ist so herzleidend. Ich fürchte, es geht wie mit unsrem Tanting. Das tun die Kräfte einfach nicht mehr. - Schupp u. Heidels sind ein paar alte Damen in behaglichen Verhältnissen mit allerlei interessanten Beziehungen. -
Ich erwarte noch Nachricht über die Bettwäsche, schicke dann eventuell das Kochgeschirr. –
Morgen aber bin ich mit liebevollem Gedanken dabei, wenn Du von neuem in der Heimat den Segen Deiner Wirksamkeit ausbreitest. –
Wann hast Du denn wohl die Ekligkeit gezeigt, <Kopf> deren Du Dich rühmst? Ich habe nichts davon gemerkt u. ich war doch auch dabei. Nein, laß unsern Frieden <Kopf S. 3:> in Dir nachklingen als stille Quelle innerer Freudigkeit! Treu u. innig Deine Käthe.