Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Mai 1920.
Mein lieber Freund.
Solch Brief ist jetzt eine Kostbarkeit, da muß man sich wohl überlegen, ob man auch so viel weiß, daß es lohnt!! Bei mir ist das nun zwar nicht der Fall, aber ich muß wenigstens einiges fragen. Zunächst danke ich Dir für den natürlich mit Spannung erwarteten Bericht über den Semesteranfang. Dir soll es das Schicksal aber mal recht machen! In Leipzig warst Du immer unzufrieden mit dem Massenbetrieb u. wünschtest Dir eine engere aber intensivere Wirksamkeit. Nun ist das Auditorium kleiner, jetzt ists wieder nicht recht! Na, wenn der Gemüsekram nur floriert, dann wird er Dir schon Freude machen. - Aber im Ernst, kann es nicht vielleicht gerade ein günstiger Faktor sein, was Du als Mangel erwähnst, die vielen Lehrer im Amt? Sind es nicht vermutlich gerade die strebsamen, die Du da in die Hand bekommst? Wenn sie vielleicht intellektuell nicht ganz auf der Höhe sind, so können sie doch dem Geiste offen sein, den Du pflegen willst. Dem Geist des: Verstehens. - Ich lese den schönen kleinen Aufsatz immer wieder u. finde, daß er geradezu zwingend die Ergänzung durch die Lebensformen fordert. Wann werden sie neu erscheinen!? Wie eine Verheißung sehe ich die Zeit vor mir, die Dich wieder der eigenen Arbeit zurückgeben wird. Auch darauf bezieht sich mir die Stelle von dem Beruf, der der inneren Freiheit oft schmerzliche Schranken setzt. Und herrlich ist das Wort vom Sichselbstverstehen, das einen Teil dieser Freiheit zurückgibt, dem Bewußtsein, das "dem Reich der dumpfen, naturhaften Notwendigkeiten entrückt - - " Mußt Du das Manuskript bald zurückhaben? - Am Sonnabend war ich mit Aenne auf dem Speyrerhof u. auf dem Rückweg haben wir auf einer schönen Bank an Deinem Weg von 1903 den Aufsatz zusammen gelesen. Ich
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| hatte einen sehr wichtigen Grund, auf den Speyrer zu gehen. Als ich nämlich am Mittwoch um die Stunde, da Dein erstes Colleg zu Ende war, auf dem Fundbüro nachfragte - ganz schüchtern u. ohne jede Hoffnung auf Erfolg - erfuhr ich, daß unser Buch auf der Sprunghöhe gefunden war von einem Dr. Schrade, Rohrbacherstr. 21 u. daß die Wirtstochter vom Speyrer es abgegeben hatte. Da habe ich dem jungen Mädchen eine Tafel Chokolade für 8,25 M erstanden u. wir haben da oben für 4 M zu zweit Kaffee getrunken: 1 Portion mit Milch u. je ein Stück Obstkuchen. - Was sagst Du nun? Mein Glaube an Menschen u. Welt ist ein gutes Stück gewachsen - Joseph fand, daß allmälig alles verrückt würde. –
Den Kaffee wirst Du Dir gewiß im Hause machen können, wenn Du jetzt einen Gasschlauch hast. Da schicke ich Dir einen Brenner, den Du an den Schlauch anschließen kannst u. da wird das Wasser bald warm werden. Spiritus ist nicht zu beschaffen, gibts nur auf Marken u. rasend teuer. Petroleumkocher stinkt. Aber mit Gas, das geht. - Brauchst Du da nun auch eine Kanne, eine Tasse? Topf zum Kochen, Brett unter den Kocher, Kaffeemischung schicke ich. Was sonst noch? Wasser gibts wohl da? Ich würde das Packet gerne Ende der Woche absenden u. da mußt Du mir dann schon noch einmal Antwort geben. Also erstens wieviel Utensilien für den Kaffee u. zweitens wieviel Teile für das Bett? Kopfkissen u. Bezug ist doch nicht alles. Bettuch ist ja selbstverständlich. Aber hier gibt es doch 2 Kissen, Decke u. Plümeaux. Sollen es wirklich nur 3 Teile sein: Laken, Kopfkissen, Bezug? - Ich habe sehr geschuftet in
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| diesen Tagen, erst 3 Kragen für Dich genäht. Das ist eine recht tiftelige Arbeit. Und dann habe ich mich auf meine sehr hülfsbedürftige Garderobe gestürzt. Alles neu, macht der Mai! Damit spare ich viel, wie Du weißt.
Wie froh bin ich, daß Du mir Deine häusliche Versorgung in garzu schwarzen Farben gemalt hattest. Es scheint sich ja nun alles leidlich zu regeln. Und die Reichsschulkonferenz soll wirklich vom 11.-19. Juni sein? Da sind doch garkeine Ferien. - Hermann schrieb aus Stolp recht befriedigt, als heimliche Sehnsucht bleibt aber doch die Pädagogik-Professur im Hintergrund. Sage mal, Du dachtest doch daran, Wust heran zu ziehen. Meinst Du wohl, daß Hermann sehr viel ungeeigneter wäre?
In den Tagen der Porto-Erhöhung habe ich eine ganze Flut von Briefen bekommen. Das ist nun fürs Antworten "recht fatal".
Wie steht es eigentlich mit dem 2. Frühstück? Kannst Du dazu Brotmarken brauchen? Ich bekomme eben kein Mehl, da habe ich übrig. Auch das schöne Simonsbrot hat aufgehört, darum ist nun auch heute zum letzten Mal ein Apfelkuchen gebacken u. wird morgen früh als "Päckchen" an Dich abgehen. Eine Postkarte lege ich Dir bei, damit Du nur die Hälfte der Unkosten zu tragen hast. Nun beantworte aber auch, bitte, alles was ich wissen möchte.
Ich soll mit Aenne fortgehen, drum für heute ade. Ich denke Dein u. grüße Dich!
Deine
Käthe.

[li. Rand] Unsre Freundin“ grüßt natürlich auch.