Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Mai 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Mai 1920.
Mein lieber Freund.
Hoffentlich erreichen Dich diese Zeilen noch, ehe Du Dich ins Sachsenland begiebst, denn sie sollen Dir doch meine innigen Pfingstgrüße bringen. Möchte doch bei der "Ausgießung des Geistes" für Dich eine rechte Portion gesunder Widerstandskraft abfallen, damit Du wieder freier u. zuversichtlicher ins Leben sehen u. wirken kannst. Es ist ja wirklich nur vorläufig, u. zum Winter müssen Deine Lebensbedingungen gründlich geordnet werden, sodaß Dir wohl darin werden kann. Jetzt hast Du doch wenigstens ein Unterkommen u. kannst Erfahrungen sammeln, die der definitiven Einrichtung zu gute kommen. Ob es zum Winter etwas mit Hanna Virchow werden kann, ist fraglich. Augenblicklich hat sie an zwei Personen vermietet u. kann nichts übernehmen. Die Lage ist nach meinem Plan von Berlin aber rein nach Westen.
Frl. Kiehm war da? Sie schrieb mir, freundlich wie immer; weil sie meinte, es wäre doch von Wert, wie sich die Sache für einen Dritten ansieht. Aber sie kann ja doch nichts mitteilen, als was ich auch von Dir weiß. - - Ich werde Dir zunächst meinen Badethermometer schicken, um ihm vors Fenster zu hängen, später kann
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| man ja mal einen Ersatz besorgen. –
Das große Packet habe ich nun doch noch nicht fortgeschickt, denn das kommt sonst gerade an, wenn Du weg bist u. es soll doch ziemlich hoch versichert werden. Auf den Centimeter genau passen die Kopfkissenbezüge nicht, aber es wird wohl gehen. Ich schicke zwei, weil sie nicht mehr ganz neu sind u. falls mal eins gestopft werden muß, ist dann doch noch eins da.
Das Kaffeekochen wird schon gehen. Du drehst eben einfach den Hahn ab, wenn jemand kommen sollte. Gekauft habe ich dazu nichts, als den Kaffee selbst, alles andre ist von mir. Gebrauchsanweisung folgt im Packet.
Es muß eben besonders nervenfeindliches Wetter sein. Wenigstens ist mir auch ziemlich matt, obgleich ich keine Anstrengung habe, Aenne klagt sehr über Müdigkeit u. Rösel Wendling-Hecht ist völlig lebensüberdrüssig. Sie hatte die Grippe u. ist nun ganz kraftlos. –
Geschieht denn irgend etwas für Deine Stärkung? Bekommst Du Butter u. Eier? Laß Dir kaufen, was möglich ist, um Dich zu kräftigen. Die Gesundheit ist das sicherste Kapital. - Hast Du irgend welche besonderen Nachrichten gehabt, die Dich so herabgestimmt haben, oder ist es nur der allgemeine Eindruck? Ich bin der Politik etwas fern gerückt, seit wir keine richtige Zeitung mehr haben. Das Heidel
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|berger Blättchen ist stramm demokratisch, aber sehr dürftig in den Mitteilungen. –
Wenn doch die Reise mit ihren Eindrücken Dich etwas erfrischen möchte! Die Welt ist gleich erträglicher, sowie man selbst sich freier fühlt. Deiner Andeutung nach hast du doch gute Aussichten für die Befolgung Deiner Vorschläge in den Unterrichtsreformen. Ich wünsche Dir recht viele freundliche Eindrücke, die Dir das Gefühl Deiner Wirkung geben, das ist das beste Heilmittel! - Wie steht es mit den Studenten? Hast Du schon für einige ein Interesse gefaßt?
Hier ist die Welt dieselbe geblieben seit Du fort bist. Am Tage wird gearbeitet u. abends, wenn gutes Wetter ist, fortgegangen, bei schlechtem gelesen. Wir gehen fast täglich auf die Neckarbrücke u. dann am Ufer oder an der Bergstraße. Im Mönchhofgarten spielen da bis 9 Uhr die Kinder mit dem jungen Lehrer, Reigentänze u. dergleichen. Es war ungemein stimmungsvoll das frische junge Leben unter den Bäumen, u. dann sangen sie noch sanft verklingend das Brahmssche: Guten Abend - gute Nacht – u. liefen fröhlich auseinander. - Auch einen ganz märchenhaften stillen Garten, mit verschwiegenen Bänken u. blühenden Büschen haben wir entdeckt, einen früheren Friedhof, der nun den Lebenden geöffnet ist. - Und augenblicklich sind in unsern Zimmern große
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| Sträuße Rhododendronblüten, die wir im Walde nahe beim Bierhelderhof holten. Dort ist eine ganze Wildnis so voller blühender Sträucher, daß man garnicht merkt, wenn davon gepflückt wird.
Am Sonnabend erwarten wir das Wezelchen. Am Sonntag ist in Stettin Taufe. Muttchen ist dazu hingefahren u. am 7. Juni wird die Familie dann nach Stolp übersiedeln. Demnach haben sie jetzt eine Wohnung, was ich nie erfahren konnte. Denn eine Antwort auf Fragen bekommt man nie u. nirgend. Dazu muß man schon eine Karte mitschicken, aber dann wirds auch sehr schön u. ausführlich besorgt! Aber ob das wohl für einen Brief gilt?!
Himmelfahrt waren Aenne u. ich bei zwei Bekannten, die sozial u. politisch sehr tätig sind. Man will mich durchaus auch dafür gewinnen, aber ich kann mich garnicht entschließen. Was meinst Du dazu?
Damit der Brief das Porto wert wird, lege ich Dir 5 Kärtchen Brotmarken bei. Leider kann ich ja einen Pfingstkuchen nicht schicken, da Du vermutlich fort bist. Fr. Weinkauf hat mir Weißmehl gebracht. Ihr Finger ist noch immer in chirurgischer Behandlung. So bin ich dauernd meine eigne Putzfrau, Schneiderin, Flickerin, Wäscherin etc.
Heute nur noch tausend innige Grüße! Denke mein u. bleibe mir gesund.
Deine Käthe.