Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juni 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3.Juni 1920.
Mein lieber Freund.
Heute vor einem Jahr traf ich das Tantchen, als ich ihr im Krankenhaus meine Glückwünsche bringen wollte, unvermutet im Bett nach dem ersten ganz schweren Herzanfall. Wie lieb ist es mir, daß Du die ganze Umgebung dort kennst, daß Du überall im Geiste mit mir weilst u. mit mir trauerst. Trotz all des vielen nahen Lebens hattest Du Zeit u. Sinn zu stillem Gedenken - wie danke ich Dir. Ich kann es Dir nicht beschreiben, welch ein Trost Dein Kommen damals für mich war, u. welch eine beglückende Sicherheit mir auch heute das Bewußtsein Deiner treuen Nähe gibt.
Deine lieben Briefe haben mich innig erfreut, denn sie reden vom Gedeihen Deiner Tätigkeit. Aber im Hintergrund bleibt doch die Sorge, weil Du so über große Müdigkeit klagst, die ja durch Jahreszeit u. Überanstrengung erklärlich, aber doch recht quälend ist. Statt einiger ruhiger Festtage hattest Du die Dresdener Rede – u. so geht es weiter u. weiter. Werden diese Reden nicht gedruckt? Das über die Dresdener scheint mir ein ganz guter Bericht, aber ich nähme gern noch eingehender Anteil. - Wir haben es
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| hier inzwischen sehr gut gehabt. Am Pfingstsonnabend kam Johanna Wezel, sehr frisch u. vergnügt, entschieden bedeutend kräftiger als im Winter u. zu Ostern. Leider konnte sie nur bis Mittwoch bleiben, so mußten wir die Tage möglichst ausnützen. Einmal gingen wir allein aufs Schloß, am 1. Pfingsttag morgens mit Aenne u. Frau Ewald in den Wald zu den Rhododendren, die ja sicher früher eine Forstkultur waren, aber jetzt ganz verwildert sind. Wezelchen hat auch noch eine Riesenstrauß mitgenommen. - Auf dem Rückweg im Wald trennten wir uns von den beiden alten Damen u. lasen Deinen Aufsatz in Vivos voco. – Am ersten [über der Streichung] zweiten Feiertag machten wir eine "Tagestour". D. h. wir blieben den ganzen Tag im Freien, obgleich der Weg für einen Nachmittag ausgereicht hätte: elektrisch bis Schierbach, über die Brücke u. drüben die schöne Straße bergauf zum Münchel, der Paßhöhe zwischen Ziegelhausen u. Schönau u. dann einen herrlichen Weg immer auf halber Höhe des Berges mit allen Windungen talab nach Neckarsteinach. Bald ist es frei u. weit, bald im dichten Walde, dazu Sonne u. kühle Luft u. die Üppigkeit dieses reichen Frühlings - es war ein prachtvolles Wandern. Dazwischen wurde
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| gelagert, gegessen, geplaudert, gelesen, geträumt - Stimmung u. Zusammenklang froh u. harmonisch. Und haben unsre Gedanken Dich nicht gegrüßt?
Hölderlins Gedichte hatte ich mitgenommen, da suchten wir uns, was auf Neckar u. Heimat sich bezieht. -
Am Dienstag beschäftigten wir uns getrennt, ich machte endlich das Packet fertig, u. erst abends gingen wir gemeinsam aus, bei Mondschein an den Neckar, wo es abends immer so reizvoll ist. Mittwoch früh um ½ 6 brachte ich das Wezelchen wieder zur Bahn. Es tat mir leid, daß wir sie nicht länger behalten konnten. Aber Fräulein Sachs hatte sie zu ihrer Vertretung für die Bürogeschäfte bestimmt.
Am Mittwoch besuchten Aenne u. ich dann eine deutsch-nationale Wahlversammlung, wo ihr Vetter Adelbert Dühringer redete. Das ist ein sehr gemäßigter Mann, der wohl geeignet wäre zum Zusammenarbeiten mit anderen Parteien, scharf wurde er nur bei der Kritik Erzbergers. Aber er ist doch kaum der eigentliche Ausdruck des Parteigeistes u. was man hört von den Krawallen, die in Berlin von d. w. Studenten veranlaßt werden,
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| das ist recht widerwärtig. Das kann ja nur schaden u. ist einer guten Sache unwürdig. Solchen Radau sollten sie den Proletariern als Ausdruck ihrer Meinung überlassen. - Je länger, je mehr befallen mich immer wieder Zweifel, ob es ein Segen ist, wenn die Spaltung zwischen rechts u. links immer tiefer u. feindseliger wird? Muß es notwendig nur durch Katastrophen hindurch gehen? Wäre nicht ein stilles Rechtsrücken der Mittelparteien unausbleibliche Folge u. gesündere Entwicklung, wenn die Rechte sich nicht so feindselig u. aufreizend gebärdete? Aber was hilft da alles Sorgen u. Denken, die Kräfte entladen sich mit Naturgewalt. Und wir haben keinen, der sie mit starker Hand zu lenken vermöchte.
- Du glaubst nicht, wie glücklich es mich macht, wenn ich so deutlich fühle, wie Du in Deinem Kreise mit der Macht des Geistes herrschst. Dein Kampf ist nicht vergeblich, das spüre ich mit Sicherheit u. Du wirst immer mehr Helfer finden, gerade weil Du nicht Partei bist, sondern im Sinne des Ganzen lebst.
Deine Freundinnen versorgen mich alle sehr liebenswürdig mit Nachricht über
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| Dich. Außer dem Kiehmchen hat nun auch Frau Riehl geschrieben. Der Brief hat einen sehr lieben Ton, aber er macht mich etwas besorgt um sie. Erstlich war er nicht zugeklebt, dann war am Rand ein Satz angefangen u. unvollendet u. ferner ist die Schrift sehr undeutlich, entweder hastig oder abgespannt. Es überrascht mich daher nicht, daß Du von ihr weniger Gutes zu berichten hast. Was ist denn mit Lore? Ist es nur ihre willensschwache Natur oder liegt mehr vor? Da ist wohl Grund, besorgt zu sein wegen erblicher Belastung. –
Hat das Fieber bei Deinem Vater sich ohne erkennbaren Grund wieder verloren? Selbstverständlich komme ich Dir gern zu Hülfe, wenn die Veränderung einzuleiten ist. Laß michs nur, bitte, rechtzeitig wissen, denn es reist sich doch jetzt etwas umständlicher. - Woher holst Du Dir nur jetzt immer die Erkältungen? Dabei scheinen sie doch immer sehr rasch vorüber zu gehen. Vielleicht war der Luftwechsel gut dafür, u. auch der Aufenthalt bei Püschels war scheinbar behaglich. - Daß Du mehr zum schwitzen neigst als sonst, ist wohl nicht beunruhigend. Diese erhöhte Tätigkeit der Haut soll normaler sein als das Gegenteil. Aber ich glaube doch, daß sie durch große Ermüdung verstärkt wird.
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| Bei mir ist dies wenigstens jetzt auch wieder bei jeder Anstrengung viel mehr der Fall, als lange Zeit. Überhaupt ist es mit meinen Kräften garnicht weit her, ich bin immer gleich erschöpft. Auch die Schmerzen in Armen u. Fußgelenken machen sich oft störend bemerkbar. Es muß da doch eine dauernde Schädigung zurück geblieben sein.
Wenig zufrieden bin ich mit Aennes Verfassung. Sie klagt sehr über Kraftlosigkeit u. geistiges Versagen. Der Weg neulich zu Pfingsten war entschieden zu viel für sie. Aber auch sonst hat sie kein Talent, sich ruhig zu halten. - Das schöne Wetter lockt uns an den freien Tagen immer hinaus; aber wir laufen jetzt nicht so viel. Am Sonntag gingen wir früh über das Schloß den mittleren Wolfsbrunnenweg von Bank zu Bank bis an die Rombachquelle. Die ist in dem Taleinschnitt vor dem Wolfsbrunnen, vor dem Felsenmeer. In diesem Tälchen lenkten wir vom Wege ab in einen schmalen Fußpfad zwischen Farren u. hohem Gras aufwärts, als die ersten Tropfen eines Gewitterregens fielen. Und siehe da, zur rechten stand da im
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| Tannenwald ein Vogelhäuschen, wo im Winter Futter für die Tierchen gestreut wird, darunter bemoste Steine wie geschaffen zum Sitzen. Da haben wir uns dann eingenistet, kamen uns vor wie echte Wandervögel, trotz des starken Regens geborgen u. doch mitten im Grünen. Stundenlang blieben wir dort, denn wir hatten uns für den ganzen Tag eingerichtet, mit Essen, Handarbeit, Lektüre, Hängematte - höchst behaglich. Wir waren an diesem Nebenweg ganz allein, obgleich man rundum die Menschen u. Vogelstimmen hörte. Es war so schön, daß wir heute nochmals den Vormittag dort zubrachten, obgleich kein Gewitter uns unter das Dach trieb. Goethes Divan begleitete uns u. schuf uns Feiertagsstimmung, während draußen in der Welt die öden Prozessionen umherzogen. - Unserm Doktor ist die Frömmigkeit ganz schlecht bekommen, er sah recht mitgenommen aus u. heute Abend ist er auch wieder um ½ 9 schlafen gegangen. Im ganzen aber entfaltet er doch manchmal ganz passable Seiten u. ich mäßige meine natürliche Abneigung ein wenig. Er
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| arbeitet jetzt auch etwas, da er im Seminar bei Ranke koptisch lernt. Vor allem aber ist er sehr gutmütig u. immer bereit, zu helfen. –
Sehr amüsant war es, wie Frl. Wezel uns neulich von Vorlesungen über Psychologie berichtete, die sie mit ihren Schülerinnen in Frankfurt hörte. Gleich als sie erzählte, was für ein beschränkter Experimenteller es gewesen wäre, der da las, dachte ich mir: Das war Henning, (der Sohn von Adele) u. richtig! Ich glaube wohl, daß Wezelchen da sehr Partei ist, aber ich kann mir auch denken, daß der junge Dozent die Tragweite seiner Methode arg überschätzt. Gestern nun begegnete ich ihm hier auf der Straße mit seiner Mutter. Aber da konnte man nicht gleich eine prinzipielle Auseinandersetzung anfangen. Seiner Mutter habe ich schon Deine Ged. ü. Lehrerbildung u. die Schrift von K. als Folie versetzt. Aber sie wird die Schärfe der Gegensätze nicht erkennen; denn sie war sehr angetan von Deinem Buch u. hält doch natürlich sehr viel von ihrem Sohn. –
Trotz des hohen Portos bekomme ich verhältnismäßig viel Briefe. So bin <li. Rand> ich immer in Schulden. Anfangs dieser Woche habe ich drei Tage ununter<li. Rand S. 7>brochen gearbeitet, von einem farror erfaßt, u. habe endlich einmal <li. Rand S. 6> das Album eingerichtet, das Du mir vor langem für "unsre" Aufnahmen schenktest. <li. Rand S. 5> Ich habe kopiert, fixiert, geschnitten, geklebt u. nun ist es sehr schön geworden. Welch <li. Rand S. 4> eine Fülle von lieben Erinnerungen hat mich dabei bewegt. Komm nun <li. Rand S. 3> auch bald u. sieh Dirs an, wie es geworden ist!! Es ist doch erst richtig, wenns <li. Rand S. 2> Deinen "Segen" hat. - Aenne läßt Dich herzlich grüßen.
<li. Rand S. 1>
Und noch viel herzlicher grüßt Deine Käthe.

[Fuß S.1 ] Bei Deinem Bild auf der Schreibtischplatte stehen reizende wilde Rosen aus dem Wald. Das ist so < Kopf S. 1> Gebrauch, daß da immer in dem schillernden Väschen Blumen sein müssen!