Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 18. Juni 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 18. Juni 1920.
Mein einziger Freund.
Wie eine Heimarbeiterin habe ich 10 Tage hinter der Nähmaschine gesessen, sonst hättest Du längst mal wieder Nachricht gehabt. Mit sorgenden Gedanken verfolgte ich dabei Dein Ergehen auf der Reichsschulkonferenz, von der nur ein sehr ungenügender Bericht zu mir drang. Schade, daß Du mir nicht Zeitungsnachrichten schicktest, so auf gut Glück, ohne zu wissen, ob etwas darin ist kann ich ja die Berliner Zeitungen hier nicht kaufen. - Ich dachte mirs schon ohne Deine liebe Karte, daß Du zum Schreiben nicht kommen würdest, freute mich aber sehr über dies Lebenszeichen. Morgen soll ja nun die Tagung zu Ende sein, u. ich bin so sehr gespannt, was Du erlebt hast. Unwillkürlich stelle ich mir vor, daß Dein Einfluß sehr gewachsen ist, u. daß Du bei aller sachlichen Gegnerschaft von der anderen Seite doch nicht so angepöbelt wurdest, wie in Sachsen. Von hier war der Hofheinz da als Vertreter der Lehrerschaft, nach Paula Seitz ein aufgeblasener, eitler Mensch. - Wie mag sich Koch benehmen als Minister?
- Gestern war ich zum Kaffee bei Adele Henning, da saß man auf dem Balkon ganz herrlich, gegenüber die Stadt, das Schloß u. die Berge, drunten der belebte Neckar, es war so recht zum genießen. Unterhaltend war ich nicht sehr, das besorgten die Andern, hauptsächlich habe ich mich ein bißchen mit dem alten Professor angebiedert. ("Rudolfchen" sagt sie dazu!) - Es war auch noch die Frau da von dem Frankfurter Sohn, eine dicke Jüdin aus Berlin W, wie ich taxiere. Mir war der schöne geruhige Aufenthalt doppelt lieb, weil ich recht müde war von einer tüchtigen Tour, die wir schon hinter uns hatten. Früh um ½ 5 waren wir aus dem Haus über den Philosophenweg, Hirschgasse, Zollstock u. dann oberhalb des Siebenmühlentals an einen Steinbruch, um - - - - Heidelbeeren zu suchen! Wir gingen mit Frau Weinkauf u. unsrer Anna – u. gefunden haben wir nicht allzu viel, aber Weg u. Wetter waren einzig schön! Als wir eben droben über den Häusern waren, streiften die ersten Sonnenstrahlen den Geisberg wie vergoldend, u. dann leuchteten die Türme auf u. draußen die Ebene, so wie wir sie so oft sahen, klar bis in weite Fernen. Wie aufdringlich hell zeichnet sich da immer die Kirche von Ketsch ab u. es kommt mir in
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| den Sinn, wie armselig u. nüchtern das Dorf ist. Es scheint mir so recht ein Sinnbild des heutigen Deutschland: Proletariat u. Centrum, u. für uns andere ist nur draußen bei der immer gleich schönen Natur ein tröstlicher Aufenthalt zu finden. - - Wie leicht marschierte es sich in der köstlichen Morgenfrische, man war im Umsehen oben u. ich wünschte mir immer, ich ginge dort mit Dir!
Gestern habe ich auch ein Packet für Dich aufgegeben, hoffentlich kommt es rechtzeitig u. heil bei Dir an. Sollte es beschädigt sein, so untersuche es nur in Gegenwart des Postboten. Es sind 2 harte Kästchen u. 2 weiche Dinge darin. - Bei unserm Beerensuchen wanderten wir waldein bis auf die Höhe, wo man hinüber an den Neckar sieht, u. ich wäre viel lieber weiter gegangen u. hätte mein Leben genossen, anstatt der Plackerei mit den recht dürftigen Beeren! Und zum Überfluß hat Aenne sie mir noch abverlangt, weil sonst ihr Kuchen nicht groß u. dick genug würde! Ich wollte sie doch so gern einkochen. - - Um ½ 1 waren wir wieder hier, standen ohne Schlüssel vor dem Haus, das der Dr. B. abgeschlossen hatte. Und so mußte Anna mit einem Stuhl ins Fenster einsteigen. Fein - nicht wahr? - Dr. B. hat einen "Ruf" nach Berlin an die Bibliothek des Generalstabs! Er schwankt noch, ob er gehen soll. Die Fleischtöpfe Egyptens halten ihn.
- Und dann muß ich einmal hören, wann u. wie lange Du eigentlich nach Partenkirchen gehst? Ende August soll in der Kurfürstenstr. ein Brüderchen kommen, u. vom 1. Juli ab ist man dort ohne Mädchen. Das kann Muttchen dann natürlich nicht allein u. ich denke mir, es wird günstig sein, wenn ich Mitte August zur Hülfe hingehe. Nun möchte ich aber natürlich nicht nur dort sein, während Du fort bist, will also mein Anerbieten erst machen, wenn ich mich mit Dir verständigt habe. Also bitte, laß mich mal wissen, wie Du es Dir praktisch denkst. Es wäre dann doch vielleicht auch anschließend die Pestalozzistr.
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| zu ordnen? -
Eine berufliche Verhinderung habe ich bis jetzt nicht, nur eine ehrenamtliche Tätigkeit hat sich nun doch zunächst vertretungsweise aufgetan. Frau Geh.Rat Clauß, (Tochter von Kuno Fischer) sucht infolge ihrer schweren Erkrankung eine Nachfolgerin als Vorsitzende im Verein zur Bekämpfung der Tuberkulose. Frl. Stoltz, die ihr hilft, ist ebenfalls schwer krank u. augenblicklich in Königsfeld. Da bin ich nun (natürlich auf Vorschlag von Aenne, die mich durchaus dazu nötigen will) von Frau Clauß gebeten, ihr behülflich zu sein u. ich konnte das nicht abschlagen. Besonders ist es nötig, Dienstag u. Freitag von 3-6 in der Fürsorgesprechstunde zu helfen. Das habe ich jetzt bereits 3-4x getan. So kommt man zu einem Amt, man weiß nicht wie u. ich wollte nur, es wäre ein bezahltes!
In den Schleiermacherbriefen kommen wir infolge unsrer Sparsamkeit an Gaslicht wenig vorwärts. Wir gehen oft nach dem Abendbrot fort teils zu Menschen, teils ins Freie. - Oft ist es ganz erstaunlich, wie die Zeitstimmung der Briefe von 1808 auf die heutige Situation paßt! Immer empfinde ich das als recht fröhlich, denn es ging doch auch damals wieder aufwärts. Nachdenklich macht es mich, was Schl. einmal sagt von dem Charakter u. dem Lebensrhytmus des Einzelnen u. der Völker. Im deutschen Schicksal schiene das starke Auf u. Ab dauernde Eigenheit zu sein. - Was Du von den Brautbriefen sagtest, prägt sich schwächer auch in den Briefen an das Ehepaar v. Willich - besonders an sie - bis zur Verlobung aus. Es ist fast aus
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|schließlich eine Äußerung von Gefühlen, ein Reflektieren über Gefühle, das den Unbeteiligten ermüdet. An alle andern schreibt er gedanken- u. inhaltreicher.
- Ich plane in der Stille, mal nach Frankfurt zu fahren, etwa von Sonnabend bis Montag; aber ich weiß nicht, wie lange Weises noch in Frankfurt sind. Auch das Wezelchen hat ja Anfang Juli dann Ferien, u. die möchte ich natürlich auch dann noch treffen. Aber es wird mir wohl schließlich doch zu teuer sein. Ich brauche ein unsinniges Geld u. dabei kaufe ich so gut wie nichts für mich extra. Du bist mein einziger Luxus, Du mein lieber Liebling
Aenne grüßt herzlich. Ich will diese Zeilen noch rasch zur Post bringen, daß sie Dich doch zum Sonntag erreichen. Sie sollen Dir sagen, daß ich immer bei Dir bin, auch wenn ich nicht schreibe, sondern nähe! Du weißt doch, wie schwer das ist auf der Maschine!!
In treuer Liebe
Deine
Käthe.