Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1920.
Mein geliebter Freund.
Die Sonne verscheucht eben die letzten Morgennebel, die Hähne krähen u. auf meinem Fensterbrett schmettert mit metallischer Stimme ein Fink sein Liedchen. Es ist so recht eine heilige Frühe, aus der ich Dir mein Gedenken für den 27. schicke. Denn ich habe mir den Wecker auf 5 Uhr gestellt, um Dir schreiben zu können, sonst wäre am ganzen Tag heute keine Zeit. Vielleicht wird darum auch der Brief ein wenig schläfrig ausfallen, denn ich bin noch recht müde. Meine Wünsche für Dich sind es aber jedenfalls nicht, u. das weißt Du, auch wenn mein Packet diesmal recht herzlich prosaisch ausgefallen ist. Lass es Dir trotzdem wohlgefallen u. fühle daraus meine Liebe, die Dich Tag u. Nacht umgibt. Wenn nur die Beeren in dem schwarzen Kästchen nicht mit ihrem Saft durchgedrungen sind u. das übrige angeschwärzt haben! Sie waren so frisch u. trocken, als ich sie einpackte. Sollten sie Flecke gemacht haben, so bitte ich Dich, sie in meinem Auftrag bei den Meinen in der Kurf. Str. ausschwefeln zu lassen. In der Wäsche
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| würden sie sonst gleich garzu sehr mißhandelt.
Möchte ein gutes, von Erfolg gesegnetes Jahr Dir am Sonntag beginnen, u. möchten Schwierigkeiten u. Sorgen sich leichter überwinden, als es jetzt scheint. Vor allem muß sich ja jetzt zunächst die Frage mit der Pestalozzistr. lösen. Wäre es denn dafür nützlicher, daß ich schon Ende Juli komme u. nicht viel mehr, wenn ich den September hinein bleibe? Für die Meinen jedenfalls ist es nötiger, wenn ich erst später komme, so in der 2. Hälfte des August u. Du kämst ja dann im September wieder. Es soll doch wohl zum Oktober dann einen Umzug geben? Ich habe leider keine Gelegenheit, eine geeignete Adresse ausfindig zu machen, wo es ein gutes Unterkommen für Deinen Vater gäbe. Sollte Dir aber zum Einleiten der Verhandlungen u. zum Suchen einer Wohnung mein Beistand schon im Juli erwünscht sein, so komme ich selbstverständlich gern. Man muß nur überlegen, wann es am nötigsten ist. Ich möchte, da ich nun doch einmal hier ansässig bin, nicht gern auf ganz unbegrenzte Zeit fort. Denn zu meiner Freude habe ich gestern wieder einen Auftrag für mikroskopische Zeichnungen gekommen u. bei dem Tbc-Verein habe ich mich doch auch verpflichtet. Das alles ist kein Hinderungsgrund für mein Reisen überhaupt,
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| es nötigt mich aber zum Einteilen der Zeit. Also - mein Lieb, äußere Deine Wünsche. Weil Dein Geburtstag ist, sollen sie mir einmal maßgebend sein!!
Könntest Du doch am Sonntag lieber hierher "verreisen"! Auf dem Schloß blühen die Linden. Wir gehen öfter des abends jetzt hinauf, dann ist die dämmrige Luft von Duft erfüllt u. wie lebendige Sternchen schweben die unzähligen Lichtfunken der Johanniskäferchen zwischen den Büschen. Das alte Gemäuer rechter Hand gegenüber vom Torturm war bis oben hin besetzt mit den geheimnisvollen strahlenden Punkten, u. das alles hat in seinem schweigenden Zauber etwas durchaus Märchenhaftes.
Am Tage kommt dafür die Prosa zu ihrem Recht. Von Montag bis Donnerstag war die Mutter der Tänzerin Käthe Wulff auf der Durchreise hier, eine Cousine von Aenne, die uns aber leider wenig sympathisch ist. Sie kam aus der Schweiz u. brachte recht große Ansprüche von dort mit, obgleich sie es Daheim in Hamburg gar nicht sehr üppig hat. - Gestern habe ich auch zum erstenmal eine regelrechte "Sitzung" im Verein mitgemacht, wobei ich Protokoll führte. - Und am Morgen habe ich 6 Centner Holz vom Garten auf den Speicher getragen, was meine heutige Müdigkeit wohl erklärt. - Heute soll ich um 9 im patholog. Institut sein zum Zeichnen u. um 3 Uhr nachm. ist wieder Sprechstunde in der Poliklinik.
- Rösel Wendling war am Mittwoch ein paar Stunden bei mir u. wir haben uns sehr eingehend u. gut unterhalten. Sie ist noch immer von der Grippe etwas marode, aber doch nicht mehr so verzagt, wie anfangs. Das Gedicht, das ich Dir da mitschicke, das Du vermutlich kennst, das aber mir neu war, habe ich aus einem sehr hübschen Buch, das ihr gehört. Hätte ich Geld wie Heu, so würde ich es Dir geschickt haben - - Es war mir interessant, von Rösel, die selbst Wandervogel ist u. mit viel jungen Menschen verkehrt, zu hören, daß in ihren Kreisen die moderne Ethik noch nicht eingebürgert ist u. daß sie einen dicken Strich zwischen den Freideutschen u. sich machen. Das Problem der freien Sitte ist hier sehr aktuell u. man begegnet ihm auf Schritt u. Tritt. Aber wenn ein Mann wie Hölderlin ein neues Menschentum begründen möchte, dann meint er nicht, daß schrankenloser Individualismus herrschen solle, sondern ein tieferes Besinnen auf den göttlichen Ursprung menschlichen Seins. Möchte doch dies Besinnen u. vorbildliche Sein in Dir immer weiter
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| u. stärker auf die Jugend wirken, die unter Deinem Einfluß steht. Freilich, geführt wollen sie nicht sein, aber es gibt eine Wirkung der Persönlichkeit auf verwandte Naturen durch die Kraft des Verstehens, die mehr ist als lehrhafte Vorschrift. Ich bin überzeugt, daß in diesem unbewußt zwingenden Sinne Dein Wesen auch auf der Reichsschulkonferenz gewirkt hat, wenngleich die positiven Vorschläge zunächst einer gewaltsamen Zeitströmung weichen mußten. Das Neue muß doch einmal geschaffen werden u. dann wirst Du gerufen werden. - Dein großer Bericht kam gestern u. ich habe ihn gelesen, aber noch nicht so recht aufgenommen; stellenweise können es naturgemäß für mich nur Stichworte sein, die für Dich zusammenhängende Vorstellungen auslösen. Mein Haupteindruck ist der einer ungeheuren Anspannung Deiner Energie, ich fühle die Rückhaltlosigkeit u. Leidenschaft, mit der Du den Kampf führtest, den Kampf für eine gesunde Fortentwicklung. Jetzt ist nun eben doch der Stand des Volksschullehrers abgeschafft. - Niemand von den Neuerern ist sich wohl über die Consequenzen für das reale Leben so klar. Muthesius jedenfalls halte ich nicht für scharf denkend u. charakterstark, wennschon feinsinnig u. beweglich. Und Dein neuer Duzfreund? Hat er sich denn nun mal geäußert, ob er die Hungerkur in Leipzig wagen will?! - Ich freue mich übrigens, daß Du scheinbar ein angenehmes Zusammensein
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| mit ihm hattest. Hoffentlich ist die Brüderschaft der Ausdruck erneuter Annäherung, nicht nur der Nachklang früherer Zeit. –
Findest Du es sehr ungenügsam, daß ich mich trotz des ausführlichen Schreibens recht nach einem persönlichen Briefe sehne? Der letzte ist vom 29. Mai! Ich verstehe sehr wohl, daß Du nicht schreiben konntest, aber vielleicht kommt es nun einmal wieder dazu. Wie steht es denn mit den Kräften? Ist nach der großen Anstrengung kein Rückschlag gekommen?
- Ich schreibe jetzt nach der Sprechstunde fertig. Vormittag zeichnete ich 5 Stunden in der Klinik, wo ich früher immer für Ernst Schwalbe arbeitete.
- Hier trauert man sehr um Max Weber, der ein so sehr liebenswürdiger Mensch gewesen sein soll. Und ganz besonders beklagt man den Verlust des energischen, unerschrockenen Politikers. Wenn die Demokraten nur nicht solche Schönfärber wären. Sie sehen die Dinge immer, wie sie sein sollten aber nicht sind. - Arnold Ruge scheint wieder etwas angestellt zu haben. Man munkelte (mit Vorbehalt) von einer Unterschriftenfälschung zu politischen Zwecken. Der reizende Junge war Sonntag wieder bei uns. Wenn man das Kind doch in regelrechte Verhältnisse bringen könnte! -
Die kleine Fuchsia, die jetzt 21 cm lang ist, hat ein ganzes Krönchen von Blüten angesetzt, deren erste wohl am Sonntag aufgehen wird. Und so feiern selbst die stummen Blüten mit mir Deinen Tag, <li. Rand> ich aber grüße Dich mit innigen Segenswünschen. Treu u. liebevoll Deine Käthe.
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An das Volk!
Friedrich Hölderlin.
Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr!
Zu Eurer Väter Zeiten wärs ein anderes gewesen.
Ihr seid zu alt,
Euch ist nicht
Zu helfen, wenn ihr selber euch nicht helft.
Vernehmt die Botschaft, Männer,
Nehmt von mir
Mein Heiligtum
Ich spart es lange.
In heitren Nächten oft, wenn über mir
Die Welt sich öffnet und die heilige Luft
Mit ihren Sternen allen als ein Geist
Voll freudiger Gedanken mich umfing,
Da wurd es oft lebendiger in mir.
Mit Tagesanbruch dacht’ ich Euch das Wort,
Das ernste, langverhaltene zu sagen.
Denn immer schloß mein Herz sich wieder, hofft
Auf seine Zeit und reifen sollte mirs. -
Heut ist mein Herbsttag und es fällt die Frucht
Von selbst:
Menschen ist die große Lust
Gegeben, daß sie selber sich verjüngen;
Und aus dem reinigenden Tode, den
Sie selber sich zur rechten Zeit gewählt,
Erstehn, wie aus dem Styx Achill die Völker
Unüberwindlich...
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Oh gebt Euch der Natur eh sie Euch nimmt! -
Ihr dürstet längst nach Ungewöhnlichem,
Und wie aus krankem Körper sehnt
Der Geist sich aus dem alten Gleise.
So wagt's! Was ihr geerbt, was ihr erworben,
Was Euch der Väter Mund erzählt, gelehrt,
Gesetz und Brauch, der alten Götter Namen,
Vergeßt es kühn und hebt, wie Neugeborne
Die Augen auf zur göttlichen Natur!
Wenn dann der Geist sich an des Himmels Licht
Entzündet, süßer Lebensodem Euch
Den Busen wie zum erstenmale tränkt
Und goldner Früchte voll die Wälder rauschen
Und Quellen aus dem Fels, wenn Euch das Leben
Der Welt ergreift, ihr Friedensgeist und Euch
Wie heiliger Wiegensang die Seele stillet -
Wenn aus der Wonne schöner Dämmerung
Der Erde grün von neuem Euch erglänzt
Und Berg und Meer und Wolke Und Gestirn:
Dann reicht die Hände
Euch wieder, gebt das Wort und teilt das Gut,
Oh dann, Ihr Lieben, teilet Tat und Ruhm!
Jeder sei
Wie alle -
Wie auf schlanken Säulen ruh'
Auf richt’gen Ordnungen das neue Leben
Und Euren Bund befest’ge das Gesetz!