Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8./10. Juli 1920 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 8. Juli 1920.
Mein liebster Freund.
Also von Freitag abend bis Sonntag früh kann jetzt ein Brief nicht mehr nach Berlin kommen! Wie lange werde ich denn da für das Unternehmen brauchen? Denn reisen werde ich nun doch wohl u. es scheint von allen Seiten dahin zu drängen, daß ich schon Ende Juli fortgehe. Einzig der Tuberkulose Verein macht mir Schmerzen, denn da ist am 29. Sitzung. Aber ich habe mich ja von Anfang an nicht fest verpflichtet u. es muß dann eben jemand anders aushelfen. - Wie mag es mit der Wärme in Berlin sein? Du hast sonst ja nicht gerade darunter gelitten. Aber jetzt, nach den erschöpfenden Sitzungen, in denen Du dich so intensiv einsetztest, wirst Du gewiß ziemlich mitgenommen sein. Ob der Föhn auch bis zu euch dringt? Hier hat er in der ersten Juliwoche den üblichen Gewitterdruck erzeugt, von dem wir vorher in diesem Jahre völlig frei waren. Das Zeichnen in der Klinik füllt täglich die Vormittage aus, meist komme ich erst gerade zum Essen zurück. Heute war ich mit dem Porträtieren der Spirochäten schon etwas früher fertig, da komme ich endlich einmal wieder an den Schreibtisch. Es ist der erste freie Nachmittag seit langer Zeit; d. h. ich brauche ihn sehr nötig für "Schuhmacherarbeit". Aber vorher
[2]
| - wollte ich Dir schreiben, u. da hatte ich die Überraschung, daß mein ganzer Holzstoß eingestürzt war u. ich ihn auf dem glühend heißen Boden wieder schichten mußte. Der reine Scheiterhaufen! Dann kam Frl. Dr. Herbig, die ich sehr gern habe, regnete bei uns ein u. der Nachmittag war vorbei. So schreibe ich heut, am Freitag, nach der Fürsorgesprechstunde. – Also, es ist mir ja noch immer etwas unwahrscheinlich, aber ich habe doch den stillen Plan zwischen dem 20. u. 24. Juli hier fortzugehen, d. h. eigentlich genauer: nicht nach dem 24. in Berlin einzutreffen. Ich sehne mich sehr danach, denn ich kann mir gut denken, daß es Dir garnicht besonders geht nach den aufregenden Tagen der Konferenz. Den Bericht habe ich aber nicht nur "flüchtig gelesen", sondern oft u. immer wieder, denn ich war natürlich sehr mit meinem Interesse dabei. Trotzdem verstehe ich vieles nicht u. bedaure, daß ich nicht wie in Berka Deine erläuternden Randbemerkungen dabei haben kann. Wie seltsam schnell die Zeit sich wandelt: Damals warst Du zu fortschrittlich u. jetzt - - reaktionär!!
Was denn nun eigentlich beschlossen wurde, ist mir garnicht klar. Ist die Abstimmung über das Universitätsstudium vom Mittwoch als Beschluß gültig? Die Form der Ablehnung u. Zulassung wird
[3]
| mir garnicht ganz deutlich. Abgelehnt ist die päd. Hochschule, aber zugelassen ist sie in Verbindung mit bestehenden Hochschulen. Zugelassen sind überhaupt nur "Versuche".! - Die feineren Unterschiede in den Standpunkten werden mir nach den kurzen Andeutungen nicht so klar, aber was Du als Ergebnis zusammenfaßt, das leuchtet mir sehr ein: Die Seminare sind abgeschafft, aber ein neuer fester Bildungsgang ist nicht gegeben, man hat nur den Volksschullehrern die Universität freigegeben. Minister Hummel weiß, daß die Regierung nichts Positives tun wird, sie erfüllt nur allen Schreiern ihre Forderungen ohne Rücksicht auf Sinn u. Folgen. Das heißt dann: "Den Leuten Lust am Staate machen", wie er s. Z. in dem Artikel meinte. - Sehr schmerzlich berührte mich der ungünstige Einfluß, den das Vorgehen der Katholiken auf Deine Sache genommen hat. Mit dem richtigen Gefühl für das Zukunftsreiche des Gedankens haben sie natürlich gleich wieder Hand darauf legen wollen. Aber in diesem Kreise waren sie doch nicht mächtig genug, u. die Sozis gingen nicht mit ihnen. Dr. Schwarz aus Greifswald ist ja wohl eine - pädagogische Leuchte der Schwarzen.
Die Form der Zulassungen hat für mein Gefühl etwas so Unsicheres u. Unbestimmtes, daß man so recht fühlt, wie ratlos die Leute
[4]
| waren, da sie doch nicht einfach das einzig Richtige tun wollten, auf Deinen positiven Vorschlag einzugehen. Noch ist ja wohl das Ganze nur Beratung nicht Gesetz, aber was kann da weiter herauskommen! - Daß im Fortbildungsschulwesen ein fachlicher Fortschritt möglich war liegt wohl daran, weil hier nur die Einsicht der Lehrenden u. nicht die Opposition der Lernenden in Betracht kam.

10.VII. - Gestern war ich kaum am Schreiben, da kam Hete Wille; erst dachte ich, sie würde wieder gehen, aber sie blieb bis zum Abendessen! Dann gingen wir in ein Orgelkonzert. Bei der Gelegenheit sah ich auch einmal die Heiliggeistkirche in ihrem protestantischen Teil. In der dämmrigen Kirche war nur an der Orgel Licht u. durch den düsteren Raum fluteten die Töne mit doppelter Eindringlichkeit. Es war offenbar ein meisterhaftes Spiel, aber 5/4 Stunden nur Orgelmusik ist sehr anstrengend. Wir waren ganz erleichtert, als wir dann durch die herrliche Abendluft am Neckar zurückgingen. Aenne war sogar so ketzerlich, zu erklären, daß ihr das Guitarrengeklimper auf den bunt beleuchteten Booten viel besser gefiele. Es klang aber auch über dem stillen Wasser sehr stimmungsvoll.
[5]
| Heut am Sonnabend habe ich um 11 Uhr Schicht gemacht. Es strengt doch recht an, dies beständige Arbeiten nach dem Mikroskop. Aber schön wirds, u. es ist immer befriedigend, wenn man etwas "kann".
Eine wirkliche Freude ist mir auch die lebhafter werdende Beziehung zu Fr. Dr. Herbig u.Frl. Gaß. Die beiden sind ein Gegenstück zu Aenne u. mir, u. wir haben heraus gefunden, daß wir am gegenseitigen Umgang Gewinn haben können. Frl. Herbig ist die Jüngere, sehr tatkräftig u. begeisterte Demokratin, Frl. Gaß sanft u. gütig. Sie haben eine entzückende Gartenwohnung am Philosophenweg u. wir waren öfter des Abends dort. - Max Weber ist einer ihrer Apostel, u. Pfarrer Maaß hier. Es soll auch nach der Revolution hier eine Vereinigung gegründet sein im Sinne Deiner Völkerbundrede etwa. Ich weiß den genauen Titel nicht, aber die Tendenz ist eben, den Rechtsgedanken in der internationalen Politik zu fördern. Ich vertrete immer den Realpolitiker in den Diskussionen, Du kannst Dir denken, wie wirkungsvoll!
[6]
| Immer wieder fällt es mir wie mit Centnerlast auf die Seele, daß Du so viel Hunger leidest. Zum Teil ist das ganz gewiss nervös, denn wenn Du so viel Geld ausgibst, muß doch auch ein gewisser Nährwert am Essen sein. Wie soll man da nur Abhilfe schaffen?
Fragen wollte ich mich, ob ich Dir nun den kleinen Spiegeltisch mitbringen darf? Ich möchte ihn endlich los sein u. da mußt Du dich dann erklären, ob Du ihn haben magst? Ich würde mich so freuen. Ich muß jetzt noch ergründen, wen ich um diese Zeit in Cassel treffe. Danach richtet es sich, ob ich auf der Hin- oder Rückfahrt dort Station mache. Und Du teile mir einmal mit, an welchen Tagen zwischen dem 22.-24. Juli Dir mein Kommen besser paßt. Du hast ja immer so viel zu tun; aber ich freue mich, wenn Du glaubst, daß ich Dir helfen könne. Mache nur gehörig Gebrauch davon. Könnte ich nur auch machen, daß Du wohler seist. Vielleicht erkenne ich Dich garnicht, wenn Du so schrecklich elend aussiehst! Das ist ja kein Wunder; aber es muß doch auch wieder anders werden! - Hier spuken immer wieder Besatzungsgerüchte. Aber <li.Rand> ich denke nicht, daß sie mir das Reisen unmöglich machen würden. <li. Rand S. 5> Auch Joh. Wezel wird täglich erwartet, aber noch nicht erschienen. - Wann werde ich Dich wieder sehen?! Innige Grüße u. Wünsche v. D. Käthe.