Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13. August 1920 (Berlin)


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Berlin 13. August 1920.
Mein einziger, liebster Freund.
Du wirst denken, ich hätte längst schreiben können, aber es ging wirklich nicht. Und so habe ich nun schon Deine liebe Karte u. soeben den lieben, lieben Brief, ohne daß ich ein Lebenszeichen gegeben hätte. Wir froh war ich, Dich endlich "in den Ferien" zu wissen, zu hören, daß Du auch die letzte Strapaze noch gut überstanden hattest. Aber als eine Erholung kann ich es doch kaum betrachten, wenn Du in Partenkirchen auf Wohnungssuche gehen mußt! Das ist mir recht leid. Da ist doch ein Spaziergang immer noch weniger erschöpfend. - Mit tiefer Anteilnahme bin ich bei Deinen Arbeitsgedanken. In mir ist eine so große Freude, daß Dir dies Werk nun reift u. daß gesicherte Arbeitswochen vor Dir liegen. Da darf nun kein Welthader, keine persönliche Rücksicht zum Hindernis werden, denn was da wird, das ist von höherer Bedeutung. Mag tausendmal ein Spezialforscher in Einzelheiten technisch überlegen sein - Du umfaßt die ganze Fülle der geistigen Welt, Du sieht ihren Bau u. ihre Ordnung, "wie Himmelskräfte auf u. nieder steigen" - Dein Werk ist Leben. Und es wird leben, wenn man von den Spezialforschungen längst zur Tagesordnung übergegangen ist. Ich bin so glücklich, daß diese Zeit des Schaffens Dir geschenkt ist u. wenn ich auch nicht sichtbar bei Dir sein kann, so bin ich es doch mit meinem ganzen Herzen. Und ich weiß, daß Du nicht zagen u. zweifeln darfst, sondern vertrauend hingegeben [über der Zeile] sein - dem Gott, der durch Dich redet. O - diese Welt ist doch
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| noch unendlich reich! –
Du Lieber, wie schön war es doch, daß ich noch hier mit Dir zusammensein konnte, u. wie gern hab ich noch allerlei Kleinigkeiten für Dich nach Deiner Abreise erledigt! Was schriebst Du nur an jenem Abend noch im Zuge? Ich hatte gehofft, es sei für mich!! - Die Tage waren sehr ausgefüllt; zunächst klappte ich ein wenig zusammen, aber seit es weniger schwül ist, geht es mir wieder recht gut. - Ich war bei Hanna Virchow, die sehr bedauert, daß ihre Vermittlung nichts fruchtete. Was die persönliche Fürsorge betrifft, so scheint es mir in der Tat dort ganz aussichtsreich. Aber die Lage wäre doch weniger günstig u. - es war eben zu spät. - Bei Frau Riehl war ich etwa 1 Stunde; mir schien, es war ganz ersprießlich. Von dort ging ich noch zu Gunzerts, wo ich zum Abendessen blieb. Wärs Du hier, könnte ich Dir von allem erzählen, schriftlich ists so umständlich. Jedenfalls war es recht gemütlich. - Nieschling telephonierte während ich fort war, nun kann ich ihn nicht wieder erreichen! Wie ist denn [über der zeile] eilt seine Adresse? [über der Zeile] Von Susanne Conrad hörte ich nichts. - Bei Scholz war ich am 7. August; sehr eingehende u. herzliche Unterredung. Von Dir richtete ich aus, was Du mir aufgetragen hattest u. er war sehr verständnisvoll dafür. Bei Deiner Rede im Herrenhaus war er auf der Empore u. Deine Position im Lehrerkampfe fühlte er aufs wärmste mit. Er ist, wie wir, der Meinung, daß es am besten ist, sich jetzt noch möglichst zurück zu halten, es wäre doch noch keine Aussicht, durchzudringen. - Paul-Gerhard geht nach Bremerhafen als Kapellmeister. Als ich einige Minuten im Nebenzimmer warten
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| mußte, übte er mit jemand zweistimmig am Klavier: pa - haha-ha - haha-ha - hochen - es war mehr ergreifend, als schön! - Vater Scholz war aber umso lieber, wirklich ganz zärtlich. - Auch bei Else Ziehlke war ich u. fand sie wohler als je zuvor. Die Notwendigkeit, den Haushalt ohne Mädchen in Ordnung zu halten, tut ihr offenbar gut. Auch dort fand ich viel treue, alte Freundschaft. Und ich hörte von so mancher alten Beziehung, Mitschülerinnen, Lehrern u. Bekannten; viele sind gestorben, andere traten aufs neue in den Gesichtskreis. Und von wieviel unglücklichen Ehen hört man! Da kann man ja garnicht froh genug sein, daß man nicht auch solch Mißgeschick hatte. Von meinem Jugendschwarm hörte ich auch wieder, er war als Gärtner in Mexico, ist jetzt in Potsdam. - Bei dem Ehepaar Labes war ich wieder, ließ mir von ihm Malereien zeigen, mit denen er seine einsamen Tage zubringt, während die arme kranke Frau ruht. Später sah ich sie noch einige Minuten, sie lächelte als wir von den alten Tagen sprachen u. er war froh darüber, denn das hätte sie seit Monaten nicht mehr getan. Ich denke, es wird ihr nicht schaden, wenn ich noch öfter mal hingehe. Es wird ihr doch eher liebe Gedanken wachrufen u. ihre Leiden für kurze Zeit weniger fühlbar sein lassen. - In Deiner Wohnung war aufgeräumt; "Fräulein" hatte die Betten geklopft, u. beaufsichtigte genau, daß ich nichts unerlaubt mitnähme. Wir unterhalten uns immer sehr freundlich. - Die Kleider liegen jetzt in dem Militärkoffer von Kurt, u. damit kannst
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| Du sie Dir dann wohl auch wieder abholen. Die Wäsche kommt in zwei Cartons. Ebenso ist der Frack in einem Carton für sich. Aufhängen können wir leider in der Tat garnichts, das muß ich zugestehn, dazu ist nicht der geringste Platz. - Der Schirm ist geflickt u. soll nun noch eine neue Zwinge bekommen. - Nach Steglitz u. zu Deinem Vater bin ich noch nicht gekommen, aber es wird auch geschehen. Ich habe gewaschen u. geplättet, habe Kinder gehütet u. bin mit Paul, Günther u. Elisabeth spazieren gegangen. Das Lortzing-Denkmal, Wagner u.s.w. mußte ich bewundern, alle schönen Buchen u. hübschen Durchblicke sehen u. hatte das befriedigende Gefühl, den Dreien damit eine Freude zu machen. Aber mein Entzücken bleibt doch die kleine Inge. Ich glaube, ihr energisches Temperament ist mir recht verwandt. Reizend ist es, wenn das Persönchen jetzt ganz selbständig mit den bloßen Füßchen durch die Zimmer patscht. "Tappe-Tappe" - ist ihr erstes u. ihr letztes Wort. Sonst endigen eigentlich alle Worte auf "i", Mütti, Backi (Keks) Hoffi, nacki (wenn sie abends ohne Hemdchen in ihrem Gitterbett lärmen darf) Nur Lili, die wirklich mit i endigt, nennt sie Lallall. Sie hält am liebsten beide Händchen auf den Rücken beim Gehen, daß nur ja niemand sie anfaßt u. ihre Selbständigkeit beeinträchtigt. "Nei" heißt es immer gleich sehr kräftig mit lebhaftem Kopfschütteln. Aber wenn etwas sein muß, tröstet sie sich nach kurzem Geschrei sehr rasch, während Lili endlos mauzen kann. So - das ist ein rechter Kleinkinderbrief. Und Du mein geliebtes großes Kind weißt auch von werdendem Leben u. meine Liebe wacht bei Dir.
<Kopf S. 1>
Bleibe nur gesund u. schaffensfroh u. laß Dich lieben von Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Grüße Deine Freunde dort. Wie Dich die Meinen grüßen.