Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. August 1920 (Berlin)


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Berlin. 22. August 1920.
Mein geliebter Freund,
morgen sind es 17 Jahre, daß wir uns zum erstenmal sahen, u. am 31. - da fanden wir uns! Mach Dir keine Sorge, wenn Du nicht rechtzeitig schreiben kannst; ich weiß, daß Du daran denkst u. daß wir bei einander sind. Wie glücklich bin ich über Deinen lieben Brief, der mich so recht das Fortschreiten erfolgreicher Arbeit fühlen läßt. Das schwingt so stark in mir nach u. erfüllt mich ganz. Ich möchte Dir sagen können, wie grundlegend für die neue deutsche Welt ich Dein Schaffen empfinde. Immer ist bei uns das Neue aus der Kraft des Gedankens gewachsen u. Deine Bewältigung der wirbelnden Welt wird auch der Zukunft wieder Halt u. Richtung geben. Als ich gestern das Buch für Dora Thümmel holte, trat mir darin das Ex Libris neu u. überraschend entgegen. Es war so recht der Ausdruck dessen, was ich empfinde, wie Du mit Deinem Sinnen u. Gestalten über der Welt stehst u. wie Du Dich von dem politischen Toben nicht fortreißen lassen darfst, denn einzig aus der Kraft der reinen Geistigkeit, wie sie in Dir verkörpert ist, kann uns die Wiedergeburt kommen. Die Entwicklung der äußeren Verhältnisse scheint mir durchaus unerfreulich, aber ich möchte in Dir den unbeirrbaren Willen stützen dürfen u. können, Dich nicht von Deiner großen Bestimmung ablenken zu lassen. Mag es noch so wirr in dem Hexenkessel zugehen, eine solche Blüte geistigen Schaffens, wie durch Dich, bringt ein Volk nicht im Untergehen hervor, das ist ein "Vegetations
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|punkt" künftiger Entfaltung. Und dieses heilige, zukunftsreiche Leben mußt Du um jeden Preis bewahren u. nichts darf Dich von Deinem Ziele abbringen. Denn Du kannst nichts tun, was wertvoller wäre als diese Deine grundlegende geistige Lebensgestaltung. - Es ist gut, daß das Werk in so aus abgeschlossenen Teilen besteht, so brauchst Du es doch nur immer teilweise zum Druck aus der Hand zu geben. Denn ich sorge mich, daß in diesen unsicheren Zeiten ein Transport verloren gehen könnte. Denn unsicher ists ja in der Tat jetzt überall u. wenn ich frei über mich bestimmen könnte, würde ich nach Heidelberg zurückkehren! Aber Aenne (m. Schwester) hat mich gebeten, nun doch über das Eintreffen des Kleinen hier zu bleiben, da sich Karls Urlaub verschoben hat. Da ist es natürlich selbstverständlich, daß ich ihr dies Opfer bringe. Auf die Reise nach Stolp hatte ich ja ohnehin schon verzichtet. Aber sorge Dich nicht um mich, wenn ich auch hier bleibe, es ist hier ja nicht schlimmer als anderswo u. ich habe noch immer gefunden, daß die Sorge vor der Zukunft größer war, als sich nachher rechtfertigte. –
Hier bin ich, wie Du es miterlebtest, richtige Familientante. Die beiden kleinen Mädels hängen an mir, obgleich ich die etwas weichliche Lili manchmal etwas energischer anfasse. Auch Schwager Paul erfordert öfters meine Gesellschaft zu Spaziergängen im Tiergarten u. gestern lotste er
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| mich mit nach Nikolassee zu Trendelenburgs. Es war dort ganz gemütlich, besonders gefielen mir die Frau u. die Haustochter. Am Bahnhof von Wannsee gingen wir dann noch zum Bismarckdenkmal u. sahen über die belebte Wasserfläche - wie alles hier, erinnerungsreich. - Alle paar Tage gehe ich zu meiner armen Marie Post, jetzigen Frau Baurat Labes, u. habe die Freude, daß sie mein Zurückfinden zu ihr in ihrem leidensvollen Zustand ein wenig zerstreut. Helfen kann ja niemand, aber ich erzähle ihr von meinem Leben - also von Dir, mein Lieb, u. wir reden so einige Worte über letzte Dinge in tiefgefühltem Einverständnis. Es ist mir wirklich wie eine Schicksalsfügung, daß ich gerade jetzt noch den Weg wieder zu ihr fand u. daß ich ihr ein wenig Trost sein darf. - Elsbeth Gunzert geb. Wille aus Heidelberg, in der gleichen Lage wie unsre Aenne, sehe ich auch öfter. Sie ist doch hier ziemlich allein u. anschlußbedürftig. - An Nieschling schreibe ich; u. Susanne Conrad fragte gestern an, ich werde sie mal zu mir bestellen. Denn jetzt kann ich immer weniger auf länger fortgehen, sodaß die Begegnung besser im Hause u. nicht auf einem Spaziergang stattfindet. –
Es ist jetzt kühler geworden u. regnet öfters! So fürchte ich, ists bei Euch auch nicht gerade sonnig. Und ich denke mir doch so
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| gern aus, wie Du im warmen Sonnenschein auf dem Balkon sitzt. - Ich war mit Hanna Virchow neulich in der modernen Ausstellung der Nationalgalerie – wie viel lieber bespräche ich diese Probleme mal mit Dir vor dem Objekt! Auch in den "Gesängen" habe ich manchmal geblättert u. empfinde die Stimmung des Geistes, aus dem sie gewachsen sind. Es ist ein gestaltloses Schweben in intensivem Gefühl, das für mich der Schwüle vor einem Gewitter gleich kommt. Ich kann dies Gären wohl mitempfinden, es ist aber meine Atmosphäre nicht. Es scheint mir drückend.
In Deiner Wohnung ist alles in Ordnung. Das Mädchen war jedesmal zu Haus, wenn ich kam. Aber Lili, die bei mir war, heulte die ganze Zeit unentwegt aus Angst vor der resoluten Person. - Onkel Sprangers Schokolade spielt noch immer eine große Rolle. Und das Kind mit seinem Feingefühl weiß ganz genau, daß Du besonders zu mir gehörst. Alle Augenblicke fragte sie mal: hast Du das von Onkel Spranger? - -
Es ist mir so sehr leid, daß Du um meinetwillen in Sorge wirst. Tu das nicht mehr. So kleine Leute schlüpfen überall durch. Und was auch das Leben bringe, ich bin doch reich u. habe nichts zu fordern. –
Ich grüße Dich u. bin bei Dir in inniger Liebe. Nimm auch von den Meinen viele Grüße u. - denke gern an Deine Käthe.