Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August 1920 (Berlin)


[1]
|
Berlin. 31. August 1920.
früh.
Mein liebstes Herz,
heute sind es nun also 17 Jahre seit jenem sonnigen, klaren Sommertage, an dem sich unser Schicksal verknüpfte. O, diese Jahre reichen, tiefsten Lebens! Wie bin ich voll Andacht u. Dank im Rückerinnern an alles, was die Gemeinsamkeit mit Dir mir schenkte. Und wie tief, tief glücklich bin ich in der stillen Gewißheit von der unerschütterlichen Treue unsrer Zusammengehörigkeit. Ich weiß, sie kann Dir kein Druck u. keine Fessel sein, denn sie ist ja nur die freie Auswirkung unsres tiefsten Lebenswillens: Du Deiner hohen Bestimmung, u. ich für Dich! Du weißt, ich kenne keinen äußeren Ehrgeiz - vielleicht aus einer Geringschätzung der Masse heraus - aber auf Dich bin ich so stolz, daß ich es immer nicht begreifen kann, wie gerade ich so zu Dir gehören darf. Das geheimnisvolle Leben in seiner sinnvollen Verknüpfung ist so wunderbar schön, daß kein Leid u. kein politischer Niedergang mir den Glauben daran nehmen kann. Und alles ist doch nur durch Dich. Ich habe den Saum der Ewigkeit berührt, das Leben kann nicht mehr in nichts zerrinnen.
[2]
|
Meine Gedanken suchen Dich in Deinem stillen Asyl u. ich beklage nur, daß die Sonne jetzt so ganz hinter Wolken versteckt ist, u. Du also nicht in ihrem heilkräftigen Licht auf dem Balkon arbeiten kannst. So fällt der Teil der Erholung, auf den ich am meisten rechnete, wohl fort. Hoffentlich ist es nicht nur der Arbeit, sondern auch Dir inzwischen gut ergangen, u. ich brauche mich nicht zu sorgen wenn ich nichts höre. Wie gern male ich mir aus, daß Du ganz eingesponnen bist in Dein schöpferisches Sinnen.
Hier sind wir noch immer am Warten. Vorige Woche hatten die Inge u. ich einen Kartarrh, der sich bei mir ziemlich allgemein ausbreitete u. mit Fieber verbunden war. Mein Schwager, (der so in Sorge war, ob bei meinen Bekannten nicht irgend welche Infektionsgefahr bestehen könnte, die ich ins Haus brächte), hat uns die Bazillen höchst selbst zugetragen. Er empfahl uns als Gegenmittel Jod zu nehmen, was mir recht schlecht bekam. Jetzt bin ich aber wieder genesen u. nur bei dem armen Ingespatz läuft der Schnupfen noch gehörig. –
Inzwischen war ich nun auch endlich mal bei Deinem Vater u. Du hättest gewiß Deinen Spaß an unsrer Unterredung gehabt. Ich mußte wenigstens noch lange nachher vor mich hin schmunzeln. Das Ende vom Liede war, daß ich ihm sagte: er müsse das Vermieten Dir zulieb gerne tun. Ich bin begierig, ob das nicht in seinem Brief nachklingen wird!?
[3]
|
Auch Susanne Conrad war bei mir u. das Klare u. Gerade in ihrem Wesen gefiel mir sehr gut. Allerdings traf sie bei mir gerade auf einen recht ungünstigen Moment, da sie gegen die Verabredung einen Tag früher kam u. ich ziemlich "derangiert" mit 39° Fieber auf dem Sopha lag. Aber wir haben verabredet am nächsten Sonnabend noch einmal zusammen zu kommen.
- Meine arme Kranke besuche ich alle paar Tage u. habe immer wertvolle Eindrücke bei ihr. Es ist mir wieder einmal eine merkwürdige Bestätigung für meinen sicheren Instinkt in Bezug auf den Wert der Menschen, der mich schon als Kind sofort zu dieser Frau hinzog. Jetzt stehe ich da u. kann nur tief beklagen, daß ich diese Verbindung nicht früher wiederfand, oder besser eigentlich: Daß nicht meine führerlose Jugend unter ihrem fördernden Einfluß bleiben konnte. Es hätte vieles besser werden können. Der Gatte malt den ganzen Tag nach früheren Skizzen u. ich kritisiere; bin schon ganz warm geworden für den Fortschritt in seinen Sachen.
- Mit den Kindern in den Tiergarten geht es garnicht mehr. Es ist schauderhaftes Regenwetter. Die Tanten Martins werden wenig von ihrem Aufenthalt in Friedrichroda gehabt haben; morgen kommen sie wieder. Tante Grete spekuliert stark auf meine Hülfe, aber das ist ausgeschlossen. Ich habe Stolp aufgegeben u. ich muß nach Haus, sobald ich hier abkommen kann. - Am 15. Sept. will Hermann zu irgendwelchen Sitzungen
[4]
| herkommen. Aber ich glaube nicht, daß ich ihn noch sehen werde. - An Nieschling schrieb ich erst kürzlich, da ich durch mein Mißbefinden in meinen Plänen sehr behindert war. Vielleicht komme ich doch nochmal irgendwie mit ihm zusammen. - Dagegen war ich an einen Nachmittag, wo es mir besser ging, bei Frau Paulsen, die ich aber leider nur kurz allein sprechen konnte. Erst kam der Minister Schmidt, u. dann war Frl. Kaftan!! zum Thee gebeten. Dazwischen war ich bei Schäfers, wo seine politische Verzweiflung u. sein Schmerz über die Unfähigkeit der Deutschen zu einem erschütternden Ausbruch kamen. - Frau Paulsen läßt sehr grüßen, hofft Dich auf dem Rückweg von P. in Starnberg zu sehen. Noch ist sie freilich selbst nicht da. - Von Steglitz fuhr ich wieder nach Zehlendorf, sah Johanna Schwalbe, die ihr Schicksal wunderbar trägt. Möge ihre Kraft standhalten. Sie sprach davon, daß sie einen so schönen Brief von Riehl habe, u. würde sie gern besuchen. Wann kommen Riehls denn zurück? - Es war noch so viel in all dieser Zeit, wovon ich Dir gern eingehend erzählen würde. Aber der Kram ists ja im Grund nicht wert, daß Du ihn liest. - Drum laß Dir heute nur noch sagen, wie tief ich mit meiner ganzen Seele in "unserer Welt" lebe, u. wie mein Sinnen u. Wünschen bei Dir ist. Und so aufs Neue, mein geliebter Freund!
Innig u. treu
Deine Käthe.

[Kopf S. 1] Eben 4 Uhr gibt mir Mutti D. l. Brief. Tausend Dank, mein <li. Rand S. 1> Lieb, wie freue ich mich darauf.