Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1./2. September 1920 (Berlin)


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Berlin. 1. September 1920
Mein geliebter Einziger,
wie innig fühle ich die Wehmut mit, die Dich erfüllt. Wundt ist gestorben! Erst wollte es mich kränken, daß dies gerade an unserm 31. sein mußte; aber hat das Gedenken an Deinen ehrwürdigen Freund nicht immer [über der zeile] in unsre Sommertage hineingeklungen u. ist es ihm nicht eigentlich zu gönnen, daß er nun zur Ruhe heimgegangen ist? Drum soll es mir nicht einen Mißton, sondern einen Einklang bedeuten, daß dieses hervorragenden Mannes Leben gerade an unserem Tage sich vollendete.
Für uns hier hat der Tag nichts "Neues" gebracht. Aber mir brachte er Deinen lieben, lieben Brief u. die beseligende Aussicht, Dich noch einmal in Heidelberg zu sehen. Das ist so wundervoll, daß ich nur in Angst bin, es könnte etwas dazwischen kommen.
Bei uns bist Du immer hoch willkommen, u. Schwierig
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|keiten gibt es nicht. Daß ich nicht länger als bis Mitte September hierbleiben will, ersiehst Du ja aus meinem letzten Brief. Es geht nicht an. Umso viel mehr aber noch zieht es mich nach Haus, wenn Dein Besuch in Aussicht steht. - Ob nun das Zimmer vermietet ist oder nicht - wir werden es schon erübrigen. Ich gebe mir ja die größte Mühe, die Sache in Gang zu bringen. Dein Vater fühlt, daß ein unerbittlicher Wille da ist, u. erklärt sich ganz bereit. Allerdings, wie ich gestern vorschlug: Das Zimmer einzurichten u. dann den Mieter zu suchen, lehnte er rundweg ab. Er will erst den Mieter haben! sonst wäre vielleicht alles umsonst. Ich habe ihm aber erklärt, vermietet würde es unbedingt. Er spricht jetzt vom Annoncieren, aber das wäre doch kaum ratsam, da es nicht geeignet ist, die Leute zu beurteilen, die sich da melden. Wie hoch dachtest Du Dir die Miete? Ich meine, Du sagtest 120 M.? Er findet 150 nötig u. alles andere extra.- Das "Fräulein" hat neulich die Wirtin getroffen u. diese
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| sagte ihr, sobald der Regen aufhöre, werde der Dachdecker kommen, er sei bestellt. Glaube es, wer kann! - Ich habe übernommen, Dir das zu schreiben, aber Du wirst es wohl noch einmal hören.

Ich schreibe jetzt (Am 2. frühmorgens) weiter, denn ehe die Kinder aufstehen, ist immer am ersten ein wenig Ruhe. - Als ich gestern mit Schwager Paul, Lietzes beiden Kindern u. Lilichen im Tiergarten war, kam Susanne Conrad wieder. Sie wollte aber scheinbar nichts Bestimmtes. Vielleicht sich nach meinem Befinden erkundigen, da ich neulich krank war. Nun muß ich ihr Bescheid geben wegen Sonnabend, - alles vorbehaltlich unsres "Jüngsten". - An Frau Rohn denke ich viel. Aber ich konnte u. konnte nicht schreiben. Wenn man so nirgend eine "eigene Statt" hat, immer mit seinen Sachen nur irgend ein freies Fleckchen suchen muß, dann ist es so schwer, einen besinnlichen Brief zustande zu bringen. Und nachts im Bett kann man wieder nicht schreiben.
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| Dora Thümmel hat mir eine nette Karte geschrieben. Aber aufsuchen, wie sie meint, kann ich sie nicht, dazu langt die Zeit nicht. Ich war weder in Pankow, noch auf dem Marienfriedhof, ginge gern noch einmal nach Zehlendorf, habe Elsbeth Gunzert seit 2 Wochen nicht mehr gesehen u. besuche alle 2 Tage zwischen 6 u 7 Uhr abends meine geliebte Kranke. Sie hat allerlei kleine Dinge von Dir jetzt gelesen, die ich ihr brachte u. ist von umso größerem Verständnis, als sie selbst mit soviel Liebe Lehrerin war. Eine Erzieherin "von Beruf", schade, sie hat keine Kinder.
Doch ich muß jetzt Inge anziehen. Hoffentlich habe ich nichts zu erwähnen vergessen. -
Nun laß dir noch einmal danken, mein Lieb, für Deinen schönen Brief. Du warst natürlich pünktlich u. ich wieder nicht. Aber das ist nur äußerlich. Fühle trotzdem, wie ich immer immer Dein gedenke in heißer Liebe.
Deine Käthe.