Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. Oktober 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Oktober 1920
10 Uhr früh.
Mein geliebter Freund,
Soeben habe ich den Brief von Niemayer zur Post gebracht, den Anna törichterweise angenommen hatte. Nun konnte ich ihn aber doch gleich lesen, denn er war so schlecht zugeklebt, daß er mit Leichtigkeit zu öffnen war. Schade, daß er nicht 2 Tage früher kam, dann konnte man das Manuskript gleich direkt schicken. Denn Du wirst nun doch wohl auf sein Anerbieten eingehen, da weitere Auflagen dann doch nur mit Deiner Genehmigung u. nach eventueller Überarbeitung möglich sind. Daß er garnichts über den mutmaßlichen Preis u. die Ausstattung sagt, ist mir ein Mangel. Aber ich denke, er wird sich Mühe geben. - Die Selbstverständlichkeit, mit der er auf Dein Verlangen von 150 M für den Bogen eingeht, zeigt wie berechtigt dies war. - Der Abschied von dem Manuskript ist mir gestern ordentlich schwer geworden, es war mir wie ein Lebendiges, das ich fortgehen lassen mußte. Es wird von meinen treuen Wünschen geleitet, hoffentlich sicher ankommen, ebenso wie Du doch wohl jetzt in der gewohnten Umgebung wieder eingelebt bist. - Hier ist mit Dir der Sonnenschein fortgezogen. Es ist kühl, gestern regnete es u. heute sitzt der Gaisberg in dickem Nebel. Der Wetterumschlag u. die aufgespeicherte Müdigkeit haben bei mir einen kräftigen Rückschlag erzeugt u. ich war gestern so erschöpft, als hätte ich die Nachtfahrt hinter mir. Aber
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| heute schlief ich - wieder im eignen Zimmer - von ½ 9 - ½ 8 mit geringen Pausen, aber sehr lebhaften Träumen, u. bin nun wieder leidlich normal. Es ist so eigen, als ob in mir Dinge, die mir weh tun, in eine tiefere Lebensschicht hinuntergehen, die halb unter dem Bewußtsein liegt. Äußerlich kann ich gleichmütig erscheinen u. vor mir selbst gestehe ich es kaum ein, aber umso mehr verzehrt es die Spannkraft. Denn alles, was man mitteilen kann, wird davon leichter. - Mit dieser Eigenschaft der Verschlossenheit hängt es auch zusammen, daß ich gerade von Eindrücken, die mir sehr tief gehen, schweigsam werde. Jedes Wort scheint mir unzureichend, entweihend, da es doch nicht dem Gefühl genügt. Du hältst das wohl vielfach für Gleichgültigkeit, aber über Gleichgültiges kann ich beliebig reden. Das Bedeutungsvolle bleibt in mir u. bewegt mir dauernd die Seele. So war es mit Plato, so ist es jetzt: Wenn ich allein bin, klingt es in mir nach, wie es aus Deiner Seele kam, die Sprache der Töne u. der tiefe Sinn Deiner Geistesschöpfung. Ich fühle all die heilige Glut des Lebens, die hier nach Ausdruck, nach Gestaltung u. Wirkung ringt. Ich kann Dir nicht sagen, wie tief ich das Reifen Deines Werkes mitempfinde, wie es in seiner Geschlossenheit, Klarheit u. Wahrhaftigkeit auf mich wirkt. Da ist alles in menschlichen Grenzen,
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| kein Postulat höherer Einmischung u. doch der ganze überzeitliche Lebensinhalt. Am meisten liegt mir natürlich der dritte Teil am Herzen. Darin gehst Du wohl am weitesten über die ursprüngliche Fassung der Lebensformen hinaus. Die ethische Frage lösen könnte man nur mit Allwissenheit u. doch haben wir in uns einen Maßstab, der eine absolute Geltung fordert. Ich möchte ihn das Weltbewußtsein in uns nennen, denn sein Sinn ist das Bleibende. (Heißt es übrigens lebensfördernd?) - Wie Du schreibst: "Gesetze des Geistes sind niemals bloße Ablaufgesetze, sondern sie sind, da der Geist eine teleologische Struktur hat, normative Gesetze" - so ist auch das ethische Bewußtsein die höchste Form der Teleologie. Das Recht dieses Normativen in seiner unüberwindlichen Kraft herauszuholen in dieser Zeit regelloser Willkür, das ist ein hoher Sinn Deines Buches. -
Noch steht der Tisch unverändert, an dem Du schriebst, denn ich konnte mich noch nicht entschließen, wieder "Alltag" zu machen. Aber die Sonne scheint nicht mehr u. ich brauche nicht traurig zu sein, daß Du hier etwas versäumtest. Ich werde nun wieder an all die Dinge gehen, die ich in Deiner Anwesenheit liegenließ. Vor allem habe ich eine Anzahl Briefe zu schreiben u. dann muß ich ungeheuer flicken. - Ob wohl bei Deiner Rückkehr alles in Ordnung war, ob die Sachen
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| geschickt waren u. ob das Mädchen Dir was Gutes kochte? Hast Du Johanna Wezel gesehen u. hast Du nicht gehungert u. gefroren?
Möchten doch gute Eindrücke Dich empfangen haben u. Du Dich rasch in das gewohnte Leben hinein finden. Möchtest Du vor allem die Kraft des Friedens mitgenommen haben, der so warm u. beglückend unsre gemeinsamen Tage erfüllte. Du hast meinen schwarzen Federhalter mitgenommen, möchtest Du damit so erfolgreich weiterschreiben, wie Du es hier tatest, bis die Pädagogik sich wieder breit machte. Und - möchtest Du fühlen, wie ich immer bei Dir bin! - Ich habe hier ein blondes Härchen auf dem Schreibtisch u. eins im Text der Meistersinger gefunden (, den das Quack für den Freitag leihen will) ist immerhin besser als im Kaffee. Der Joseph spricht ganz unbefangen von Dir, es ist wirklich nicht zu verstehen. Er tut immer noch etwas leidend.
Schreibe mir, bitte, gleich eine Karte, wenn das Manuskript angekommen ist. -
abends. - Vor Tisch kam Deine Karte; also hatte ich recht mit Johanna Wezel! Die Rasierklingen hatte ich schon besorgt, jetzt holte ich auch die Cigarren. Der Kaufmann sagt, bei 100 Stück könne er sie für 90 <altes Pfennigzeichen> geben. Es ist Heidelberger Gewächs vom Landfried. Willst Du davon haben?
Nach gründlicher Rechnung habe ich festgestellt, daß ich glücklicherweise bei unsrer Abrechnung keinen "Schmuh" gemacht habe. Es läppert sich eben doch sehr zusammen, leider! - Aenne u. Liselotte <li. Rand> lassen grüßen. Ich vermisse Dich sehr u. lebe im Geiste mit Dir fort, denn hier <re. Rand S. 2> erscheint mir alles flach u. äußerlich. Sei in Liebe gegrüßt von Deiner Käthe.
<Briefumschlag> Muster ohne Wert.