Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./17. Oktober 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 16. Oktober 1920.
Mein geliebter Freund.
Die Sonne scheint auf Deinen Arbeitsplatz u. Du bist nicht mehr da! Ich habe gestern den ganzen Tag geräumt - Du würdest staunen, wie schön es jetzt bei Aaron geworden ist! Schade, daß ich dazu nicht vor Deiner Ankunft Zeit hatte, denn so konnte ich nur alles in der Kammer zur Seite schieben. Aber den Schreibeplatz ließ ich noch immer unberührt, obgleich er nun verwaist ist; es wird wohl irgend einer äußeren Veranlassung bedürfen, um ihn wieder zu entfernen. - Wann wird denn wohl endlich Eva aus der Kurfürstenstraße die Sachen gebracht haben? Ich bedauere sehr, daß Du sie noch nicht vorfandest, aber in einem Haushalt mit drei kleinen Kindern u. nur einem Dienstmädchen ist nicht immer Zeit übrig. Hoffentlich war mein Brief mit der Bestellung nicht verloren.
Ob der Comenius Dir ein guter Semesteranfang war? Und wie gings beim Rektoratswechsel? Ich sehe die feierliche Scene im Geist - hoffentlich war die Rede dies mal besser.
Ich werde heute mit den beiden Damen unten "unsern" Weg gehen - müssen. Es ist mir nicht lieb, aber was hilfts. Ich werde dann doppelt die Öde spüren, die
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| Du zurückgelassen hast. So war es schon 1903, so ist es noch heute. Wenn ich allein bin, fühle ich das weniger, denn dann können meine Gedanken Dich herbei holen u. sich mit Dir bereden. - Immerfort grüble ich - ganz besonders über die herrliche Art, wie in dem neuen Aufbau der Typen u. Werte die Einheitlichkeit des Lebens zum Ausdruck kommt. Wie über den persönlichen Trieben die gesellschaftlichen Forderungen stehen u. wie über allem das menschlich-Göttliche emporwächst, nicht das Produkt der Majorität u. nicht mit dem Maße des momentanen Erfolgs gemessen, sondern aus der teleologischen Struktur des Geistes selber geboren zu ewigem Leben. In jedem Einzelnen kann dieser überpersönliche Vorgang sich vollziehen u. aus dem Gefühl heraus, daß damit nicht mein Wille sondern ein höherer Wille sich geschieht, spricht die Religion von göttlicher Gnadenwirkung. Alles Leben strebt zur Ewigkeit, zur Vollendung, zur Form - aber mag es vorübergehend in der Erscheinung ruhen, das Ziel bleibt immer unerreicht u. ewig ist nur die Forderung des Geistes. Nicht ein Gesetz von außen, nicht ein Jenseits brauchen wir, alles ist in uns, u. Sittlichkeit ist kein Lebensgebiet, sondern höchste Lebenskraft.
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Aber was soll das alles Dir! Es soll Dir nur sagen, daß ich unausgesetzt von der Nachwirkung dessen erfüllt bin, was Du mir von Deinem Werke mitteiltest. Wie vieles ist mir daran schon lange in Dir bekannt, aber ich fühle, wie alles ein ganz andres Leben für Dich gewonnen hat, seit es in klaren, organischen Zusammenhang rückte. -
Du wirst doch mit dem Druck sogleich beginnen lassen? Ich denke, wer weiß, was sonst in diesem Winter für Hindernisse kommen könnten. Willst Du mich nicht eine zweite oder dritte Korrektur mitlesen lassen? Sofern es sich nur um gemeine Druckfehler handelt, kann ich das doch wohl.
- Wann kommt Deine Wirtin zurück? Ich denke mir, Du bist wohl recht gut versorgt, da Du jetzt nur allein bist. Aber wie soll es mit der Heizung werden? Ich bin sehr besorgt, daß es da rechte Schwierigkeiten gibt.

Am Sonntag. Gestern mittags kam Dein lieber Brief, mein Herz, u. von ihm begleitet war es auf unserm Wege sehr schön. Freilich die Sonne war ziemlich verschleiert, wie jetzt meist, aber Tal u. Wald u. Fluß waren voll Farben u. Licht wie sonst. Aber denke Dir, der stille, grasbewachsene Weg war merkwürdig belebt, junge Mädchen, Wanderer, Liebespärchen - alles war
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| vertreten. An der Felsenhütte las ich dem Quack ein paar von Hölderlins Heimatgedichten, so zur allmäligen Einführung. Sie schien interessiert u. ich erzählte ein wenig von Hölderlins Leben. So warst Du auch da, mein Goldener mit Deinem Wunsch – u. ich werde Dich immer wieder zu Rate ziehen bei weiterer Beschäftigung mit dem jungen Mädel. Von den Meistersingern kam sie sehr begeistert heim; aber die Musikstudien am Klavier scheinen noch ziemlich in den Anfängen zu stecken.
- Heute ist Erich Meyer da, der Neffe von Aenne, dessen Vater an der Badischen Anilin-Fabrik war, u. der jetzt selbst dort als Chemiker angestellt ist. Er erzählte von den kritischen Verhältnissen an der Fabrik, da die Filiale Oppau, die den Ammoniak macht, völlig still liegt. 79 Arbeiter streikten, die den wichtigsten Betrieb zu versehen hatten u. infolgedessen blieb alles stehen. Da hat die Direktion beschlossen, sämmtliche 8000 Arbeiter zu entlassen, die sich mit den Streikenden solidarisch erklärten u. nun ist Kriegszustand. Die Fabrik wird mit schwarzen Franzosen gegen unsere eignen Leute geschützt u. die Direktion ist geflohen, verhandelt nur durch Vermittlung. So ist die Welt. <li. Rand> Wir aber haben ja einen Frieden errungen, u. der soll mit Dir sein auch in dem <li. Rand S. 3> Druck u. der Kleinlichkeit des Alltags. Ich fühle es ja aus Deinem lieben Brief, <li. Rand S. 2> daß meine Liebe Macht hat, Dir zu helfen - immer. Ich grüße Dich innig u. <li. Rand S. 1> lebe mit Dir u. für Dich auch in der Ferne. Deine Käthe.