Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Oktober 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. Okt. 1920.
Mein geliebtes Herz.
Es ist eine unerhört lange Zeit seit meinem letzten Briefe vergangen u. eigentlich ist daran vor allem die Kälte schuld, die die Finger steif machte u. das Stillsitzen verleidete. Das unablässige Gedenken an Dich u. Deine lieben häufigen Sendungen haben es mich garnicht so empfinden lassen, daß ich so lange schwieg. Nur auf die Meldung, daß das Manuskript angekommen sei, wartete ich mit Unruhe u. war sehr erleichtert, als Du es meldetest. - Heute denke ich nun endlich das Packet abzusenden, an dem ich seit Deiner Abreise unablässig wirke. Es war mächtig viel zu stopfen, u. auch die Wäsche bekam ich erst am Montag zurück. Du warst gewiß schon ungeduldig, aber es ließ sich doch nicht eher machen. Drum verzeih, mein Lieb, u. sei geduldig. Ich hoffe, die Wäsche, die bei den Sachen aus der Kurfürstenstraße war, hat Dir über die ärgste Not hinweg geholfen. Nähere Erläuterungen praktischer Art folgen im Packet. Heute habe ich nur eine Bitte an Dich, die Dir hoffentlich nicht allzu lästig ist. Wie ich höre, soll am Sonnabend, abends ½ 7 die kleine Hilde getauft werden. Könntest Du wohl bis dahin das rote Kästchen, das ich Dir
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| mitgab, dort abgeben? Ich weiß nicht, ob Du schon dazu Zeit hattest, u. es würde ja auch nicht eilen ohne dies Ereignis. - Bei den Briefen, die ich Dir nachschickte, war auch einer von meinem Schwager, nach dessen Stempel ich entnahm, daß er auf Rügen war. Was wollte er denn von Dir? - Diese entzückenden Herbsttage! Hier färbt sich der Wald täglich leuchtender u. die Sonne strahlt unentwegt. Sahst Du den Mond gestern in seiner wunderbaren Klarheit? Das Neckartal von der Brücke war einzig schön. - Ob denn Lore Reyher jetzt in Reinhardtsdorf ist? Bei dem Wetter wurde ihr das Einleben gewiß leicht. - Unser Quack ist sehr gut zu leiden. Sie ist ein kluges Mädel mit einem sehr gesunden, selbständigen Urteil. Wir haben Dilthey’s Hölderlin mit ihr gelesen u. jetzt hat sie den Hyperion unten, möchte dazu den Dilthey noch einmal haben. Eben höre ich sie unten kräftig Klavier üben. Das ist, glaube ich, ihre schwächste Seite, aber große Liebe. - Ich bewohne nämlich jetzt das Schlafzimmer, da sich das kleine Öfchen leichter heizt. Ein paar Stück Holz u. 5-6 Briquettes am Tage genügen, um etwa 12° R. zu erzeugen. Das kommt einem schon recht gemütlich vor, nachdem man bei
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| 8-10° gefroren hat. Zweimal habe ich schon abends das Quack bei mir oben gehabt, wenn Aenne fort war, weil wir gern warm sitzen wollten. –
So - da war die Adele, die liebe Seele, über eine halbe Stunde da, u. hat mir von Kartoffeln u. Kleidern erzählt. - - Und ich wollte also fragen, wie es sich denn mit Deinem Ofen geworden ist? Du mußt doch endlich ein warmes Zimmer haben! Und der Seminarumzug, ist er geglückt? Diese Bummelei in allen Betrieben, wie Du sie mit dem Ministerium erlebt hast, ist wirklich ein Elend. Es gibt ein solches Gefühl von Unsicherheit u. Verlotterung, daß es recht bedrückend wirkt. –
Umso freudiger hat mich dagegen Deine Rede in Dresden gestimmt. Überall schimmert mir daraus Deine ganze Philosophie entgegen; wenn doch recht viele der Hörer fähig gewesen wären, die Reife u. Höhe des Standpunktes zu erfassen, der bei aller Überlegenheit doch so lebensnah ist. Er fordert viel vom Lehrer, u. eigentlich doch nur: sei ein ganzer Mensch, so weckst Du Leben.
Wirst Du denn nun der Sitzung der Lehrer beiwohnen, zu der Herr Pretzel einlud? Könntest Du ihm denn nicht schreiben,
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| daß sie dort nur Deine Gedanken über Lehrerbildung vorzulesen brauchten, mehr ließe sich über den Gegenstand nicht sagen!
Die Schrift von Haenisch nanntest Du "Rechtfertigung u. Versöhnung", u. dennoch gibt es eine geharnischte Erwiderung? Ich bin sehr gespannt. –
Du Mann der Sehnsucht, der dem Leben wieder Wert u. Inhalt geben soll, nicht in weltabgewandter Askese, sondern in tiefer Durchdringung u. Ausgestaltung des Daseins. Ich weiß, wie diese Stimme tönen wird in dem armen Deutschland, das an seiner äußeren Existenz verzweifeln möchte u. das aus inneren Werten neu erstarken muß. -
Hast Du im Manuskript die kleine Skizze zum Ofenschirm gefunden? Es ist der Auerhahnenkopf, der zu dem blauen Berg Modell gestanden hat. Der Ruf von unsern "neuen" Wegen hat in der ganzen Bekanntschaft sich verbreitet u. alle wollen dort geführt sein. Ich aber habe noch einen ganz neuen für Dich wenn Du wiederkommst: zum hohen Nistler. - Grüße mir die Susanne recht herzlich, wenn Ihr am Sonnabend geht. Ich bin ihr gut. Warum zeigte sie sich denn beim ersten Wiedersehen so unvorteilhaft? Für heute ade, mein Lieb. Bald hörst Du <li. Rand> wieder von mir, im Packet, das wohl erst morgen abgehen wird, da ich <li. Rand S. 3> nachher zur „Sitzung“ muß. - Viel, viel Liebes von Deiner Käthe.