Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. November 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Nov. 1920.
Mein lieber Goldener,
jetzt habe ich Dir schon wieder für eine ganze Reihe von Zusendungen zu danken u. ich freue mich der einsamen Stunden am Sonntag nachmittag, während Aenne als Ballmutter das Quack zu einem Thee mit Tanz bei den Ruperten führt. Also: Dank für die Geldsendung, deren Überschuß ich gern für irgend einen erwünschten Luxus, wie Mehl, Fett, Schokolade, Zucker verwenden werde, denn zu Weihnachten kann man das gut gebrauchen. Deine lieben Briefe vom 29. u. 4. berichten von Deinem tatenreichen Leben so anschaulich u. eingehend, daß ich sehr glücklich darüber war, – u. bin. Wie lieb von Dir, bei all der vielen Beschäftigung noch 2x in die Kurfürstenstr. zu gehen. Es freut mich natürlich immer, wenn Du Dich mit den Meinen ein wenig annimmst, denn sonst warst Du immer ein bissel verstockt in dieser Richtung. Der Bericht über die Lütten ist famos. Ich verstehe Deine Eindrücke ausgezeichnet. Lili ist lieb u. verständig, aber im täglichen Leben von einer Quängelichkeit, die einen sehr reizen kann. Inge hat mir beim ersten Wiedersehen genau denselben kümmerlichen
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| Eindruck gemacht, ich dachte immer: wie armer Leute Kind. Aber sie ist im ständigen Verkehr viel anziehender wie das weichliche Lilichen,. Wie das mit dem Köpfchen der Hilde sein mag, ist mir unklar. Sie hatte damals nichts Abnormes u. einen Wasserkopf pflegen doch wohl die Kinder gleich mitzubringen? Direkt habe ich seit der Taufe noch nichts gehört, was mich natürlich "entrüstet". - Aber sonst bekam ich allerlei Briefe, die mich freuten; vom Baurat Labes, von Susanne, Anna Weise, Wezelchen, Onkel Hermann, Eugenie u.s.w. - Wenn man nur nicht immer antworten müßte! - Sage mal, wo ist der Studienrat Schröder zu Haus? Onkel hat seinen Rudi bei einem dieses Namens in Pension gegeben, damit der Junge mehr mit Gleichaltrigen zusammen sei. Ich finde das zugleich merkwürdig u. rührend. Der Umgang mit Gleichaltrigen ist doch nicht unbedingt fördernd u. Verkehr könnte man ihm doch auch im Elternhaus verschaffen. Wohl aber glaube ich, daß es gut war, den Jungen von der nörgelnden Mutter zu entfernen, da
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| er im täglichen Verkehr mit ihr "hartmäulig" u. unhöflich wurde. Aber der Vater hat nun mit dem Kind seine ganze Freude aus dem Haus gegeben. - Ich bin nur froh, daß sie jetzt endlich mal wieder ein ordentliches Mädchen haben u. der arme Mann ein wenig mehr Behagen u. weniger Plage haben wird.
Du warst bei Benary, wie immer ohne greifbaren Erfolg. Aber beruhigend ist es mir doch, daß er nichts Positives fand u. die Erfolglosigkeit der hiesigen Kur ist mir sehr begreiflich, da sie nicht regelrecht angewendet wurde. Das geliebte Rösel sagte neulich zu Aenne, sie habe bei der Angabe der Behandlung vergessen!, mir die Hauptsache zu sagen, das seien die Einläufe. - Du wirst begreifen, daß ich recht verstimmt u. bekümmert bin, denn hier hättest Du alles so gut u. ohne Schwierigkeiten haben können, u. jetzt ist nichts geholfen, sondern nur "mobilisiert". - Daß Du Wurst kaufst, ist aber gerade kein geeigneter Ersatz für Schinken, denn mir wurde für diesen Fall ausdrücklich geraten, Wurst zu vermeiden. - Die Fleischkonserven, von denen Du damals eine Probe gabst, waren tadellos u. Du kannst sie ruhig für
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| einen Notfall weiter aufheben.* [Kopf] * (Es ist ja auch eine Büchse Corned beef dabei, die ich Dir mitbrachte u. die noch ziemlich neu ist)> - Hast Du wohl in der vorigen Woche, Sonntag oder Montag ein "Päckchen" bekommen mit dem geliebten Apfelkuchen? Ich hoffe, Du hast es mir nicht ausdrücklich erwähnt, daß es nicht etwa verloren ist. Morgen, Montag, schicke ich eine Semmel, u. die wird gewiß ein paarmal zum Kaffee ausreichen. Wenn das Getränk zu schwach ist, dann nimmst Du jedenfalls zu wenig u. das Wasser muß richtig kochen, wenn Du den Kaffee hineintust, dann noch einmal aufkochen u. 5 Minuten ohne Flamme stehen bleiben. Nicht mehr Wasser nehmen, als Du brauchst. -
Ja, ja - das ist nicht so einfach! Bücher schreiben, das geht besser!! Also jetzt wird gedruckt - wie mich das freut! Aber wirklich mit diesen kleinen gedrängten Buchstaben? Es hat so etwas von augenfälliger Sparsamkeit, was mir nicht so recht gefallen will. Doch ist das wohl ein notwendiges Übel der Zeit. - Daß Du das erste Kapitel so wenig befriedigend fandest, überraschte mich. Es war das erste, was ich überhaupt hörte u. es fiel mir auf durch den schlichten, klaren überzeugenden Ton. Wirst Du auch nicht zu viel verbessern? Ich merke oft an andern, wie sie Deine Rede "schwer" finden u. wenn
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| ich auch genau weiß, daß es kein Vorzug ist, zu gemeinverständlich zu sein, so empfinde ich es doch als einen Fortschritt zur Reife in Dir, daß Du immer mehr auch das Tiefe u. Schwere so einfach u. durchsichtig darstellen kannst. - Wie mich das immer freut, wenn mir irgendwo Spuren Deiner Wirkung entgegen kommen. Gestern war Elisabeth Vetter aus Hedelfingen da, die Vorsitzende vom Schwäbischen Frauenbund ist. Sie sagte, daß sie keine Beratung hätten, wo ihr nicht der Name Spranger genannt würde u. das wecke ihr immer geteilte Gefühle. Denn so sehr sie sachlich zustimmen müsse, so schwierig wäre es, die Anforderungen pekuniär durchzusetzen. So sei z.B. durch die Erhöhung der Kindergärtnerinnen-Ausbildung auf 2 Jahre in ihrer Schule ein fühlbarer Ausfall, da der Nachwuchs aus den Kreisen der Kleinrentner dazu nicht mehr die Mittel habe.
Wenn nun schon so kleine u. notwendige Reformen an den Mitteln scheitern, wie soll es da mit dem Lehrerstudium gehen?! Es ist zu blödsinnig. Daß Du zu der Versammlung gehen würdest, habe mich durchaus erwartet. Denn wenn Du auch viel dabei
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| auszustehen hast, Du kannst nicht fahnenflüchtig werden u. schließlich bleibst Du doch im Recht. Die Taktlosigkeit der Volksschullehrer ist so selbstverständlich, daß Du nicht über jeden einzelnen Fall Dich aufregen solltest. Götz u. Muthesius werden Dich inzwischen beruhigt haben, daß sie stolz sind auf diese Widmung, u. ebenso hat sicher Strümpell in alter Freundschaft geschrieben, Du mein ängstliches Gemüt, das immer Gespenster fürchtet.
- Daß Susanne Conrad Dir so treu geholfen hat, ist hübsch u. wird ihr eine große Freude gewesen sein. Aber wie kamst Du nur an diese polnische Jüdin Lubowski? Das ist ja verblüffend. Also nun sind es wirklich 2 Seminare geworden. Hast Du die Plätze so anordnen können, wie Du es vorhattest? 70 sind doch enorm viel.
Von der Geschichtsphilosophie schreibt Susanne ganz begeistert u. ich hatte ja schon aus Deinem Bericht gefühlt, wie glücklich Du im Schaffen bist. Ich weiß, ein wenig von dieser gottbegnadeten Kraft der Wirkung ist auch der Nachklang der "Heidelberger Verborgenheit". Das andre aber wächst Dir aus der Berührung des heimatlichen
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| Bodens. Denn es ist ja doch Dein Berlin. Sehr froh bin ich über das freundliche Einvernehmen mit dem Vater u. ganz heimlich schmeichle ich mir, es könne doch vielleicht etwas mit auf Rechnung meiner offenherzigen Aussprache gegen ihn zu setzen sein. Das wäre sehr schön!
Zum Spazierengehen kommt es jetzt garnicht mehr. Desto bessere Fortschritte macht die häusliche Arbeit. Und Erholung habe ich ja während Deiner Anwesenheit so viel gehabt, daß alle Leute mich wegen meines guten Aussehens bereden. (Der hohe Nistler ist übrigens über Handschuhsheim.)
Gestern kam zum Freudeschrecken der Eltern Wille Elsbeth Gunzert mit beiden Kindern auf unbestimmte Zeit her. Sie haben in Berlin durchaus keine Wohnung finden können. Das ist eine harte Aufgabe für die Familie, deren Leben sich, wie überall in einem geheizten Zimmer abspielen muß. - Daß aber Du immer so viel von "Mühe" redest, die Du mir machtest, das kränkt mich ordentlich. Mein Lieb, weißt Du nicht, daß das nur Freude u. Glück ist? Ich mußte mich nur entschuldigen, daß es so lang gedauert hatte. Ein andermal schreibe ich übrigens p. Adr. Frl. E. Bahr, denn
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| daß Du in die Königsstraße mußtest, finde ich schrecklich. - Ganz extra muß ich Dir nun aber mal danken für Dein liebes Anerbieten, mir die Steuersumme vorzustrecken. Ich bin aber nicht sicher, ob ich Dir den großen Gefallen dieser vorteilhaften Kapitalanlage erweisen kann, da man mit Kriegsanleihe zum Nennwert zahlen darf u. diese Papiere ja nichts so besonders Sicheres sind, daß man sie nicht gern vorteilhaft los würde. Aber ich werde Dir selbstverständlich weiter berichten. Eins nur kann ich Dir heute schon sagen, daß Dein Triumph über meine vermeintliche Dummheit zu früh war, denn nach Anfrage bei der Steuer hat alles seine Richtigkeit.
Und auch im Betreff des Quacks bist Du auf dem Holzweg, mein kluger Pädagog. Sie ist von einer merkwürdigen Empfänglichkeit. Den Empedokles haben wir zusammen gelesen u. sie war sehr erfüllt davon. Sie überrascht mich oft durch feinfühlige u. verständnisvolle Bemerkungen, sodaß ich mich frage, woher sie das wohl hat, sie kann doch unmöglich schon so viel erlebt haben. - Wir vertragen uns sehr gut, ich habe ihr eröffnet, wie wir sie nennen u. sie ruft mich: Hadelinchen. Sehr ergriffen war sie am Montag vom Deutschen Requiem. Musik hat überhaupt eine sehr starke Wirkung auf sie u. ich bedaure nur, daß Du sie da nicht mal in die Lehre
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| nehmen kannst, denn ihre Fortschritte beim Üben sind gleich Null, da sie die Stücke immer wieder von vorn bis hinten mit genau denselben Fehlern durchspielt. Ihre Gesundheit macht mich aber bedenklich. Sie hört schwer, hat die ungleichen Augen u. eine merkwürdig zittrige Hand. Sage mal, weißt Du eigentlich, was da ist: eine perverse Augenkonvergenz? Ich kann mir unter solcher Bezeichnung nichts Rechtes denken.
Das Brahmsche Requiem war wunderbar schön, trotz der abfälligen Zeitungskritik. Das ist erschütternde, erlösende, heilige Musik. Wenn wir doch einmal wieder zusammen solchen Eindruck haben könnten! Wann wirst Du im März hier sein? Da war doch irgend etwas Derartiges angezeigt. Am 19. bist Du in Stuttgart, nicht wahr? Und dann hier?? Ach, ich freue mich jetzt schon.
Das Buch von Haman über Impressionismus habe ich noch hier u. lese wiederholt darin. Aber hat er nicht Manches einbegriffen, was nach "unsrer" Terminologie einfach ästhetisch ist? -
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Liebling, kannst Du mir wohl für Frau Labes die Lebensformen noch einmal vom Verleger beschaffen? Es wäre fein. Die Ärmste liegt jetzt ganz fest. –
Daß Litt Dir ähnlich sein soll, ist seltsam. Ich habe ja auch gelegentlich mal Menschen mit einer gewissen Ähnlichkeit gesehen, so z. B. den Verworn aus Bonn. Aber es ist mir immer unangenehm, weil es mir wie eine Täuschung vorkommt. –
Augenblicklich lesen wir den Pestalozzi von Schäfer. Wir sind sehr intensiv dabei, u. alles wird mir von neuem so lebendig. Nein, was ist doch in diesem Menschen für eine seltsame Mischung von tiefer Einsicht u. Verkehrtheit.
"Unsre Freundin" erwartet durchaus keinen Brief von Dir, sondern ist mit meinen Mitteilungen durchaus befriedigt. Sie sitzt jetzt schon wieder mit mir am Tisch bei der Lampe u. ebenso das Quack. Beide grüßen Dich herzlich. Laß es Dir gut gehen, wie bisher u. denke mein. Dir viel Inniges
von Deiner Käthe.

[li. Rand] Hast Du recht verstanden, was das Kalenderchen sagt?