Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. November 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 22. Nov. 1920.
Mein liebster Freund,
ich weiß garnicht mehr, wann ich Dir zuletzt schrieb, eine solche Ewigkeit ist seitdem vergangen. Ich hatte nicht Ruhe, auch nur einen einzigen Brief inzwischen zu schreiben, denn ich habe mich mit einem wahren Furror ans Nähen begeben, um endlich mein Winterkleid instandzusetzen, da ich es für die Kälte notwendig brauchte. Und Du weißt, es geht alles etwas langsam bei mir. Aber gestern, zum Sonntag prangte ich zum ersten mal, in dem dunkelgrauen Gewand, das ich aus einem von meiner lieben Tante Thes für mich herstellte. Bei der geringen Heizung, die man sich nur angedeihen läßt, ist ein warmes Kleid unbedingt nötig. Und heute nun sollte endlich einmal wieder die Zeit den menschlichen Beziehungen gewidmet sein, Briefe u. Besuche sind in Fülle zu erledigen - da kam Wäsche dazwischen, u. dann habe ich zum ersten mal die Korrektur gelesen. Ganz andächtig nahm ich die Blätter zur Hand, die nun Dein Werk in die Welt tragen sollen. Sorgsam u. vorsichtig habe ich gelesen, aber ich habe keinen Fehler
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| gefunden; ob nichts darin war, oder ob Du mehr entdeckt hast u. mich dann zankst?! Nur einige unscharfe Buchstaben habe ich angestrichen u. empfand wieder, daß der Druck meinen ästhetischen Forderungen nicht entsprechen will, denn ich bin für Dich sehr anspruchsvoll u. eitel; aber durchschnittlich ists doch klar u. sauber. Der Inhalt aber hat mich aufs tiefste gefesselt. Und Du, mein Lieb, bist Du nun selbst damit zufrieden - findest Du es "reif", wie Du wünschest? Mich berührt es wie lichte Höhenluft, durch die man weit hinaus das Land übersieht, so klar u. jedem Verständnis begreiflich rollst Du die schwierigen erkenntnistheoretischen Zusammenhänge vor dem Geiste auf. Es scheint mir so überzeugend, daß ich mir garnicht denken kann, wie es Leute gibt, die es nicht einsehen, u. ich finde es wundervoll, wie Du Deinen Standpunkt nach allen Seiten sicherst u. in Beziehung setzt. Sie ist herrlich, diese Welt der Wahrheit, in der Du lebst, u. die über alle Wirklichkeit hinaus ihr Recht u. ihre Dauer behauptet, mag die Welt noch so chaotisch erscheinen. Das waren einmal wieder üble
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| Tage während des Streiks. Wie habe ich Deiner gedacht u. der erhöhten Anstrengung durch die versagende Elektrische. Und, wie ists denn mit der Beleuchtung? Willst Du Dir für vorkommende Fälle nicht eine Petroleumlampe im Haus besorgen?, d. h. Petroleum, denn eine Lampe könnte ich Dir schicken. –
Der Streik ist ergebnislos verlaufen u. scheinbar mehren sich die Zeichen der Gesundung. Trotzdem kann ich es nicht glauben, daß bei dem unbeschreiblichen u. hoffnungslosen finanziellen u. moralischen Elend eine Katastrophe zu vermeiden ist. Ich glaube, vorher wird es nicht besser. Oder sollte es überhaupt nicht besser werden?
Hier in der Stadt ist größter Mangel an Kartoffeln. Viele Familien sind von ihren Lieferanten einfach im Stich gelassen worden, da die Bauern die Kartoffeln in die Pfalz verschoben haben. Die Autos holen alles fort zu Wucherpreisen, wozu sollen die Leute es erst in die Stadt fahren? Der Centner Kartoffeln kostet 25 M, der Fährlohn pro Zentner 10 M - ist das ein Verhältnis? In Karlsruhe sind alle Preise bedeutend
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| niedriger als hier. In Heidelberg ist eine wahre Verschwörung zu Preissteigerungen. Wohin man hört, hat man den Eindruck, daß jeder auf Kosten des andern mit fieberhafter Eile reich werden möchte, u. dabei hat niemand ein Gefühl der Sicherheit. Die Gehälter, die der Staat zahlen sollte, blieben diesmal beunruhigend lange aus u. niemand weiß, wieviel u: für wie lange das Gehalt sein mag. - Joseph war heute mal wieder in Karlsruhe, um zu intriguieren. Er hat aber seine Gönner alle nicht getroffen. Dafür fuhr er im Zuge bei 2° minus, "I dank recht scheen"!
Abends lesen wir jetzt die Französische Revolution von Carlyle. Er hat einen schwerfälligen Stil, in den man sich erst einarbeiten muß, aber dann ist seine Darstellung von geradezu dramatischer Kraft u. Anschaulichkeit. Mag das Buch in Einzelheiten Fehler haben, als Ganzes scheint es mir klassisch zu sein. Aber wie unheimlich ist die Schilderung all der Symptome, die dem großen Zusammenbruch vorangingen. Es liest
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| sich wie eine Schilderung des Geistes unsrer Tage. War das "alte Regime" bei uns denn auch so verrottet? Ich kann es nicht glauben. Aber heute ist all der krasse Eigennutz, die Pflichtvergessenheit u. der zügellose Freiheitsdrang entfesselt. Heute ist die Regierung so hülflos, die öffentliche Ordnung so untergraben, daß es nur sehr geringen Anstoßes bedürfen wird, um sie zu stürzen. Joseph will wissen, daß S. M. Ebert im Februar sein Amt niederzulegen denkt. Ob das wahr ist? Und wer sollte dann kommen??
Dein Geld ist sicher angekommen. Um ½ 10 Uhr kam der Postbote* [li. Rand] *Wenn Du einmal wieder etwas hierher schicken willst, laß es doch überweisen an mein Conto bei der Rheinischen Creditbank, das soll viel billiger sein., um ½ 12 war es auf Dein Sparbuch eingezahlt. Ist das nicht prompte Bedienung? Meine Steuer soll zur Hälfte binnen 3 Monaten bezahlt werden, Bescheid vom 28. Okt! Ich habe also Zeit bis Ende Januar, da warte ich doch wohl noch? Für die Kriegsanleihe ists freilich gleich, wann ich sie abliefere, denn da müssen doch die Zinsen vom 1. Okt 19 ab vergütet werden. Es ist mir ein Vermögenszuwachs von 14000 M als steuerpflichtig berechnet worden, u. da ich die Sache
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| doch nicht nachrechnen kann, muß ich sie schon glauben. Wie viel lieber würde man all diese Lasten tragen, wenn damit dem Staate wirklich aufgeholfen wäre. Aber es soll außer den übermäßigen Ausgaben noch ein so enormes Defizit ohne Nachweis vorhanden sein, daß es zum Entsetzen ist.
Für Deine liebe Karte u. die Drucksache noch vielen Dank. Aenne meint, der Rezension spüre man an, daß Du nicht entzückt seist, u. da hat sie ja nicht unrecht. Aenne macht mir in den letzten Tagen Sorge. Sie klagte über Schwindel u. Kopfweh, u. war geradezu erschreckend geistesabwesend. Sie konnte sich auf nichts besinnen u. machte die sonderbarsten Verwechslungen. - Was meinst Du dazu, soll ich die Stiefel, die Du hiergelassen hast für 38 M noch einmal besohlen lassen? Sie waren Dir doch recht bequem u. ich meine, das wären sie am Ende noch wert.
Heute war hier dies, u. da ist die Entziehung der venia legendi des Arnold Ruge verkündet worden "wegen grober Ungehörigkeiten gegen Kollegen u. Vor
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|gesetzte.“ - Er hat inzwischen einen Protest drucken lassen, in dem er Studenten u. Kollegen zu seinem Schutze gegen die Vergewaltigung der jüdischen Hetzer gegen ihn aufruft, womöglich zu offener Gewalt! Auch pekuniäre Unterstützung wünscht er zu genießen, - es ist unglaublich, wie ein Mann in seiner Stellung sich so viel vergeben kann, betteln - anstatt zu arbeiten. Er ist nur zu entschuldigen, wenn man ihn für geistig annomal hält. - Gegen Heinrich Maier äußert er sich in den gröbsten Ausdrücken, weil der ihm die Assistentenstellung am Philosophischen Seminar entzog. Als ob das nicht selbstverständlich war.
Daß Du nicht herkommen würdest, wenn H. Maier nach Leipzig ginge, wundert mich nicht. Ich habe es immer nur als einen freundlichen Ferientraum betrachtet, daß Du mit dieser Möglichkeit in Gedanken spieltest. Ich verstehe vollkommen, daß Du jetzt nicht von Berlin fortkannst, wenn alles so bleibt, wie es angefangen hat. - Daß Dir die Scheler-Vorträge auch als geistvoller "Nebel" erschienen, ist mir lieb. Ich dachte, es läge wohl nur an der mangel
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|haften Wiedergabe, daß ich garnicht dahinterkam, was er eigentlich wollte.
Wie schade, daß Litt nicht in Berlin ist! An ihm könntest Du gewiß einen kongenialen Gefährten haben, wenn nicht die Ähnlichkeit etwa zu groß u. deshalb unergiebig wäre. Ich habe die kleine Schrift von ihm über Allgemeinbildung noch hier, um ihn mal kennen zu lernen. Ich schicke sie gelegentlich mit.
Das Quack hat Deinen Beethoven mit großer Freude gelesen. - Wenn ich von "Erleben" sprach, das zum Verstehen nötig ist, so meine ich damit selbstverständlich das innere Erleben, u. nicht, daß man in Wirklichkeit alle Situationen äußerlich durchlaufen müsse. Aber es gehört innere Entfaltung u. Reife dazu, die errungen sein will, u. der Grad dieser Gereiftheit überrascht mich, oft bei dem jungen Mädchen. –
Grüße von Deinen Freunden, wen ich kenne, besonders Susanne Conrad, der ich bald einmal schreiben will. Hat Nieschling bei meiner Semmel nicht erklärt, warum er mir nie auf die Zeilen geantwortet hat, die ich ihm von der Kurfürstenstr. aus schrieb?
Doch für heute genug. Möchte es Dir gutgehen, u. möchtest Du meine liebenden Gedanken <Kopf:> an Dich fühlen. Immer in Treue Deine <li.Rand> Käthe.
[li. Rand S. 1] Wie lange brauchen die Briefe jetzt? Deine gehen meist recht rasch.