Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Dezember 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Dezember 1920.
Mein geliebtes Herz,
mit welcher Freude zahlte ich die 40 Pf. Nachporto für Deinen letzten Brief! Er war auch wirklich 21 gr, denn zunächst zweifelte ich am Übergewicht. Nur die Nachricht, daß Du so sehr ermüdet bist, macht mir garkeine Freude. Wirst Du denn nicht irgendwie einmal einen kleinen Ruhepunkt in diese ununterbrochene Jagd von einem zum andern einfügen? – Die Korrektur vom Montag ist hoffentlich angekommen u. ich will doch hoffen, daß allmälig mein Auge im Auffinden der Fehler geübter wird. Ich dachte mir schon, daß zunächst der Sinn zuviel an dem Inhalt hängen bleiben würde. Ich mache es doch so furchtbar gern, aber es ärgert mich, wenn es ohne Nutzen bleibt. Es ist gut, wenn ich es erst am andern Morgen abzuschicken brauche, dann kann ich mit mehr Ruhe lesen.
Daß man Dich in der Lehrersitzung so ehrenvoll behandelt hat, freut mich. Denn im Stich lassen kannst Du ja die Sache doch nicht u. da ist es mir ein Trost, wenn Dir der rechte Kampf nicht auch noch mit äußeren Widerwärtigkeiten erschwert wird. – Aus dem warmen Schreiben von Schöppa kann ich bei meiner ungenauen Kenntnis der Verhältnisse nicht ganz klug werden. Einesteils betont er die Notwendigkeit des Lehrernachwuchses vom Lande, gerade aus einfachen Verhältnissen, für die dieser Beruf schon ein Aufstieg ist, andrerseits erwartet er Zuzug von den studierten Lehrern. Einesteils erklärt er die pädagogische Begabung vorwiegend als Anlage, andrerseits hoffte er von der Aneignung pädag. Werte einen
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| Aufschwung. Ich kann nicht klar darüber sehen, in welcher Richtung er eigentlich Reformansätze zu machen wünscht. – Aber mir gefällt es, daß er Dir mit so eifrigem Eingehen schrieb.
Und – o Wunder: Nieschling hat auch geschrieben! Einen sehr netten, 4 Seiten langen Brief, den ich auch beantworten will. Er bedauert lebhaft, daß so selten eine Möglichkeit des Zusammenseins mit Dir ist u. er scheint sich überhaupt etwas unbefriedigt zu fühlen. Beruf u. Verkehr sind günstig, aber seit Kriegsbeginn hat er kein eigentliches Heim mehr u. ich kann mitfühlen, wie solch Nomadenleben auf die Stimmung wirkt. –
Hier bei uns ist es stillbeschaulich wie immer. Du mußt auch nicht denken, ich litte irgend welche Entbehrungen. An die geringe Heizung hat man sich merkwürdig gewöhnt, man zieht sich auch wärmer an. – Aber zur Zahlung der verflixten Steuer werde ich Deine Hülfe s. Z. gern u. herzlich dankbar annehmen. Zunächst gebe ich mal die Kriegsanleihe an, aber nur etwa 1000 M, der Rest hat dann noch länger Zeit. Die Zahlung von Kriegsanleihe ist übrigens nur für das Reichsnotopfer* [li. Rand] * beim Reichsnotopfer habe ich zinslose Stundung bis zum Tode beantragt, die auch gewährt wird. <Fuß> Après nous – etc. noch jetzt im Dezember nötig, die Abgabe vom Vermögenszuwachs kann auch im neuen Jahr noch mit Kriegsanleihe stattfinden. – Und daß wir in der Ernährung gut versorgt sind, das weißt Du ja aus Erfahrung. Im Augenblick, da man in Schlesien schlachtet, haben wir sogar einmal wieder fette Jahre. Alle im Haus haben einen enormen Katarrh gehabt, nur ich nicht. Das ist doch ein gutes Zeichen. Am ärgsten war
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| die Sache wieder beim Quack, die ich überhaupt nicht für recht gesund halte, trotz ihrer Größe. – Was ich vom Joseph geschrieben habe, weiß ich nicht mehr recht; Du fragst, was über ihn herausgekommen sei, aber es ist nichts weiter herausgekommen. Wir waren nur in großer Sorge, daß er zu Weihnachten hierbleiben könne, da es keinen Urlaub geben sollte. Wille gibt ihm aber auf unsre Bitte unter allen Umständen eine Woche frei. Hoffentlich kommt nichts dazwischen, denn einen Weihnachtsabend mit dem Joseph wäre uns allen schrecklich.
Über Deine Fragen wegen der Partenkirchner Kinder bin ich noch zu keinem Entschluß gekommen. Nach der Schweiz ein Packet zu schicken wäre sehr schwierig. Aber vielleicht vertrösten wir Cäcilie auf ihre Rückkehr, die Ende Dezember stattfinden soll. Die Mutter schrieb mir eine Karte, daß das Kind gebessert, aber nicht geheilt sei, doch könne wahrscheinlich der Aufenthalt nicht länger bewilligt werden. So schickt man vielleicht zu Weihnachten ein hübsches Bild u. die Ankündigung einer kleinen Gabe nach Tübingen. Oder dachtest Du, ihr ein Buch zu schicken? – Der Vorschlag von etwas Eßbarem an Fräulein Rauhut scheint mir sehr gut. Das ist jetzt immer willkommen. – Wegen Benary habe ich auch Aenne gefragt u. es scheinen uns eigentlich 300 M genug. Bei Deinem Vater lag doch garnichts Besonderes vor u. kein Arzt wird seinen alten Patienten die Wucherpreise der Spezialisten berechnen. Die Consultation in der Sprechstunde ist da sicher einbegriffen.
Wie beklage ich, daß ich Deinen Vortrag über die Erziehung zum Glück nicht miterleben konnte. Machst Du ihn mir nicht irgendwie zugänglich? – Soeben kam schon wieder eine Drucksache, Du unendlich Fleißiger: Hochschule u. Staat. Habe Dank; ich freue mich sehr aufs Lesen. – Die 1. Korrektur ist diesmal nicht zu mir gekommen, Du
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| hast sie gewiß abbestellt. Aber ich werde dann am Montag die Sache zweimal lesen, denn beim erstenmal denke ich zu viel an die Bedeutung, um so mechanisch die Buchstaben zu verfolgen.
Daß es mit Deinem Vater so friedlich ist, macht mich richtig glücklich. Möchte es doch so bleiben. –
Einen großen Schmerz habe ich jetzt gerade mit Rösel Hecht-Wendling erlebt. Als ich sie vor einer Woche besuchte, traf ich sie ganz erschüttert von der Nachricht, daß ihr Vater plötzlich gestorben war. Oder eigentlich nur, daß man seinen Tod annehmen müsse. Der alte Mann, der ein sehr beliebter Volksschullehrer in Säckingen war (mit einem feinen, interessanten Kopf, wie das Bild sagt), hat schon lange Zeichen von Schwermut geäußert. Die Gegenwart lastete sehr schwer auf ihm. Da hat er sich dann die Pulsadern aufgeschnitten, aber man bemerkte es u. er wurde verbunden u. ins Krankenhaus gebracht. In der Nacht ist er dann aus dem Krankenhaus heimlich fortgegangen u. ist seitdem verschwunden. Wie fühlte ich diese bange Ungewißheit tief mit dem armen Rösel. Haben doch auch wir 4 Wochen vergeblich geharrt, ehe mein Vater aufgefunden wurde. Für das Rösel war diese große Erregung gerade jetzt sehr bedenklich, da sie unmittelbar vor ihrer Entbindung stand. Seit gestern ist nun aber wohlbehalten der Junge da u. auch dem Mütterchen geht es nach Wunsch. Das ist ein großes Glück. Ich habe das runde, niedliche Kerlchen schon gestern gesehen; möchte es seiner Mutter ähnlich sein.
Ich denke Dein mit stiller Sorge, Du maßlos tätiger Mann u. möchte Dich mal über Sonntag in die hiesige Stille entführen können. Willst Du??
Zu Weihnachten weiß ich diesmal garnichts für Dich, nur den üblichen Kalender! Kannst Du mir was raten?
<li. Rand> Innigste Grüße, mein Lieb, von Deiner Käthe. (Knaps u. Quack grüßen ebenfalls.