Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 20. Dezember 1920 (Heidelberg)


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Heidelberg. 20. Dez. 1920
Mein geliebtes Herz,
nun ist doch das Fest so unversehens schnell heran gekommen u. dies wird schon der Weihnachtsbrief. Wie viel Liebe u. Innigkeit möchte ich ihm mitgeben, daß es um Dich leuchte u. Dir das Herz froh u. hell sei! Im Packet ,das während meiner Abwesenheit zur Post gegeben wurde, ist das übliche Tannenkränzchen mit den 3 Lichtern, die werden schon für mich reden u. mit ihrem Schimmer den dürftigen Inhalt des Kästchens verschönen. Zu dem gewohnten Kalender kommt hier noch die kleine Drahtklammer zum Befestigen. Das weiße Papier sollst Du nehmen, wenn Du das Vorwort schreibst, denn das wird ein schöner, feierlicher Augenblick sein, da muß auch das Papier würdig sein. Die Handschuh habe ich Dir gestrickt, sie sollen sich weich u. warm u. zärtlich um Deine lieben Hände legen u. beim Anziehen sollst Du immer an mich denken. -
Allerlei alter Besitz kommt auch mit zurück; das Messer fand ich in recht desolatem Zustand u. ich dachte, es freute Dich gewiß, es wieder zu gebrauchen. Das Lesezeichen lag in dem Buch für Dora Thümmel u. ich konnte es damals nicht mehr
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| in Deine Wohnung zurück bringen. Na - u.s.w. Das Übrige soll Dir gut schmecken. - Siegellack wird noch nachgeliefert.
Deine lieben Zeilen nach Frankfurt erfreuten mich innig. Ob ich in der Korrektur wieder so viel Fehler übersehen habe? Seitdem kamen nur der 4. u. 5. Bogen in der 1. Korrektur, die ich vor der Hand liegen lasse.
Wie Du das Fest zu verleben gedenkst, werde ich zum 24. erfahren. Wir werden vermutlich zu 3en bleiben, denn die Verwandtschaft von Aenne (Lotte Winter u. Elisabeth Vetter) haben mehr ab-, als zugesagt. Auf alle Fälle ist der Joseph fort, das ist auch eine Freude.
In Frankfurt war es in jeder Beziehung gelungen. Mit Walther ging ich in die Staedelsche Galerie, in das Rathaus, den Dom, zum guten Mittagessen u. famosen Kakao (jeder 2 Tassen [über der Zeile] à 1,40!) u. nachdem wir noch in den weihnachtlich belebten Straßen gebummelt hatten, reiste er zurück u. ich ging zu Weises. Walther macht einen gesunderen, ruhigeren, zufriedenen Eindruck, sein Leben ist bequemer als früher, aber er entbehrt es doch sehr, daß er noch immer keine eigne Häuslichkeit auftun kann, da er nur vorübergehend in Gelnhausen angestellt ist. So lebt er, wie Nieschling, noch immer aus dem Koffer. -
Bei Weises bin ich immer gern, aber ich
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| empfinde ungern die stille Kritik u. Opposition des Wezelchens gegen diese einfachen Menschen. Warum nicht die Menschen aus ihrer Umwelt verstehen u. das Gute in ihnen gelten lassen!
Meine Cousine ist recht einsam, nun alle Kinder flügge geworden sind u. der Mann hat immer etwas Neigung zum Nörgeln. Aber ernstere Sorgen liegen im Augenblick nicht vor. Die Familie Schmitz in Breslau ist gesund u. zufrieden, der Physiologe hat viel Hörer u. schreibt ein Buch. Georg hat jetzt auch Freude u. Erfolg mit seinen Vorlesungen, nimmt es, wie das zu seiner Natur paßt, sehr ernst damit, obgleich er früher keine Neigung dafür hatte. Adolf machte in diesen Tagen das Assessorexamen u. wird dann bei der Regierung angestellt.
Johanna Wezel war operiert, als ich kam u. obgleich die Sache an u. für sich garnicht arg oder schmerzhaft war, hatte es doch ihre Nerven ziemlich mitgenommen. Doch fand ich sie bei der Abreise schon entschieden wohler u. am Sonnabend ist sie nach Haus gereist. Die Augen stehen tadellos gerade, aber ganz sicher ist der Erfolg nicht, weil auch die Nervenbahnen nicht richtig funktionieren u. deshalb der Erfolg zweifelhaft ist. Es muß sich erst zeigen, ob sich nun der Organismus richtig anpaßt. - Von der Schule u. der Fröbelei
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| wird sie Dir wohl selbst berichten. Im ganzen erschien sie mir ruhiger. Aber Anna Weise hat von dritter Seite gehört, daß J. W. sich von dieser Dr. Sachs sehr ausbeuten läßt. Sie bekommt nicht einmal genügend Zeit für ihre Vorbereitung der Stunden.
Sage mal, mein Lieb, wie ist doch das genaue Datum der Vorträge im März? Ich habe es mir dummer Weise nicht gleich notiert. Ich frage auch deswegen, weil ich heute einen merkwürdigen Vorschlag bekam. Ein Fräulein Mathy (Bildhauerin) hatte die Anfrage, ob sie einem Major Guthmann in seinem Büro helfen wolle, der einen Vertrieb von Lotterieloosen hat. Sie kann das nicht übernehmen u. dachte nun an mich. Es soll nur 3 Tage in der Woche sein u. ich denke mal mit dem Herrn zu unterhandeln. Was meinst Du, es wäre doch sehr gut zu verdienen u. in der Klinik ist nicht oft zu tun, auch halten das meine Augen nicht täglich aus. Jedenfalls aber möchte ich mir die Zeit für Dich freihalten u. auch nach Frankfurt kommen, wozu ich schon eingeladen bin. Und wann ist Stuttgart?
Denke Dir, daß ich möglicherweise von den 1500 M Steuer frei komme? Es ist Bestimmung, daß Erbschaftszuwachs
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| steuerfrei bleiben soll, u. der Nießbrauch ist doch durch Erbschaft an mich gekommen. Nachdem ich an gegebener Stelle 3x reklamiert hatte u. abgewiesen war, erfuhr ich durch Walter, daß meine Beschwerde zu Recht bestehe u. der Steuerkommissär ließ mich eine schriftliche Eingabe machen u. zurückdatieren, denn die Frist zum Einspruch war schon abgelaufen. Nun wird es hoffentlich glatt gehen. Es ist doch keine Kleinigkeit, 1500 M zu Unrecht abgenommen zu kriegen. -
Noch ein angenehmes Erlebnis war die Gründung des pädagogischen Vereins, der Aenne u. ich beiwohnten, u. dem wir gleich als Mitglieder beitraten. Dein Freund Heinrich Maier hielt die Eröffnungsrede, Prof. Ehrmann von der Töchterschule entwickelte Absichten u. Tendenz der Vereinigung. Heinrich Maier sprach gut, aber ich vermißte Deinen Schwung u. Deine Wärme. Er fing mit dem alleinseligmachenden Herbart an, erwähnte auch Rein als übrig gebliebene Säule. Kersch. u. Dich zitierte er u. erwähnte Euch mehrmals, Dich am häufigsten. Ob Du Dir nach den Stichwörtern ein Bild von dem Geist des Vortrags machen kannst?
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| Die Affäre Arnold Ruge nimmt kein Ende. Man betrachtet ihn allgemein als geistig annormal u. verweigert deshalb, auf seine Ungehörigkeiten zu erwidern.
In der Familie Knaps ist auch wieder allerlei Problematik. Elisabeth Vetter hat schwere Differenzen mit ihrem Mann u. sehnt sich nach Freiheit. - Bei Meyers, wo Hellmut, Gertrud Winter u. Erich die Kinder sind, spielt sich eine Lear-Tragödie ab. Der Mann der jüngsten Tochter nimmt mit Hülfe der Schwiegermutter dem kranken Vater das Vermögen ab, soeben ist das Haus verkauft u. der arme Carlo Meyer mußte bei der Frau seines Sohnes Erich Unterkommen suchen, während sein Mobiliar zu dem sauberen Schwiegersohn gebracht wurde. Da sollen die Eltern nun mit dem jungen Paar hausen. Das geht bestimmt nicht gut. - Und Käthe Wulff, die Tänzerin, tanzt eben nach der Melodie der freien Liebe in Italien. - Wie spießbürgerlich u. einfach ist doch dagegen meine ganze Verwandtschaft. Von Onkel höre ich öfter, wir haben immer noch geschäftlich zu verhandeln. Walther fand ihn bei seinem letzten Besuch bedeutend wohler, das freute mich sehr. Hoffentlich behalten sie jetzt auch mal das Mädchen etwas länger, daß der Haushalt behaglicher ist.
Meine 4 Pfähle sind mir doch immer sehr gemütlich, selbst nach dem eleganten Haus Weise, u. obgleich bei meiner Rückkehr im Wohnzimmer minus 1° u. im Schlafzimmer plus 2° waren. Von meinen Sachen waren während meiner Abwesenheit wieder verschiedene nach unten gewandert - es ist geradezu komisch. - Jetzt heize ich wieder dauernd das Schlafzimmer, das auch zum Wohnen recht behaglich ist, sich leichter erwärmt u. die Gaslampe hat. Vielfach bin ich ja auch unten u. dann geht der kleine eiserne Ofen leicht aus.
Mit dem Buch von Carlyle sind wir nun bald zu Ende. Es ist erschütternd u. ganz besonders durch die Parallelen mit heut. Es fällt mir bei den lebensvollen Schilderungen immer ein, wie Du vom Historiker auch künstlerischen Sinn forderst. Überhaupt - wobei dächte ich nicht an die Lebensformen. Im Anfang bei der Entwicklung der staatlichen Verhältnisse stellt C. die geistigen Bildungen: Wirtschaft, das Soziale, den Staat auch deutlich nebeneinander. –
Du willst in den Weihnachtsferien schreiben. Hast Du denn nun zu Haus ein warmes Zimmer dazu? Hier hat die arge Kälte schon wieder nachgelassen, aber gestern war eine Abendbeleuchtung mit Raureif auf den Wäldern - geradezu magisch.
Wirst Du auch mit Deinem Vater an Weihnachten zusammensein? Ist Susanne Conrad nach Haus gereist?
Ich möchte für ein Stündchen bei Dir sein können, wenn "unsre" Lichter brennen, u. möchte Dir sagen, was mich so glücklich macht: das Gefühl Deiner starken, freudigen Sicherheit. Indem ich den Aufsatz vom Jahre 1913 für Dich abschrieb, begreife ich garnicht mehr, daß ich damals vor allem das Ringen mit den Schranken, das sehnsuchtsvolle Suchen heraushörte, während doch all die kraftvolle Gewißheit von heute schon darin steckt. Ich weiß den Tag, wo mir zum erstenmal dieses "Ruhen im Selbst" aus Deinen Worten entgegen klang u. wie stark es bei Deinem letzten Hiersein aus Deinem Wesen leuchtete. Das ist mein Weihnachtslicht, Du mein vielgeliebter Freund. Es ist seltsam, wie die absolute Unsicherheit ringsumher mich innerlich nur umso ruhiger macht, wie ich das Unverlierbare, Ewige, das mir das Schicksal in Dir schenkte, nur umso tiefer empfinde.
In Liebe u. Treue
Deine Käthe.

[li. Rand] Grüße Deinen Vater, Riehls, Susanne u. wen immer sonst. - Dein liebes Päckchen ist <Fuß> schon da.