Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Dezember 1920 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 26. Dez. 1920.
Mein liebster Freund,
unter dem weihnachtlichen Kränzchen, das an der Lampe im Schlafzimmer hängt, über dem runden Tisch, der jetzt meine dauernde Arbeitsstätte ist - schreibe ich Dir. Ob Du das Lichterkränzchen auch in Deinem Zimmer aufhängen konntest? All Deine lieben Sendungen kamen ganz pünktlich, u. jedes hat mich ganz besonders erfreut. Ich danke Dir für die so lieb ausgedachten Gaben u. ganz besonders für den Brief, den ich als schönste Feier unter dem Tannenbaum las. So warst Du mir doppelt nahe, in meinem Herzen u. in Deinen lieben Worten. Ja, ich lebe so ganz in diesem stillen, sicheren Miteinander mit Dir, daß all mein Sein davon durchleuchtet ist. Noch niemals sind wir an diesem Tag äußerlich beisammen gewesen, aber immer seit nun 17 Jahren bist Du mir das tiefste Glück der festlichen Zeit. Und jetzt rechne ich schon, wie die Tage länger werden, bis wieder die Tag- u. Nachtgleiche naht u. Du wieder zu mir kommst!
Deinen Auftrag für Aenne konnte ich nicht mehr ausführen, da ich ihn zu spät erst las. Aber ich hole es nach. Und wie wollen wir es denn mit Cäci Oesterreich halten? Soll ich da etwas kaufen oder möchtest Du es selbst? Ich tue es gern! - Daß Johanna Wezel in Glauchau-Chemnitz ist, schrieb ich wohl schon.
Bei uns war es recht hübsch u. harmonisch. Am heiligen Abend hatte ich die beiden von unten bei mir zur Chokolade, wozu ich weiße Brödchen u. Kuchen gebacken hatte. Als Überraschung baute ich ihnen vorher unter dem brennenden Kränzlein meine Gaben auf. Dann kam unten die eigentliche Bescherung unter einem reizenden Bäumchen, das Liselotte u. ich gekauft, geschmückt u. aufgestellt hatten. Es ist ganz wie ich es liebe, hübsch u. gleichmäßig gewachsen u. nichts daran als kleine, leuchtendrote Äpfel, goldene Nüsse u. vergoldete u. versilberte Kienäpfel. Ein flimmernder Stern u. 15 Lichter schmücken es über u. über, ohne daß das stille Grün der Tanne dabei verloren geht. Unser "Quack" war sehr froh u. lieb, obgleich die heimatlichen Packete noch ausgeblieben waren. Heute morgen nun kamen 5 Packete aus Schlesien, dabei so viel zu essen, daß ich es sehr beklage, Dich nicht hier zu haben, daß Du es mit genießen könntest in dieser mageren Zeit. - Am 1. Feiertag am Vormittag kamen all die Pflegekinder, die ihr Weihnachtsgeschenk holen sollten. Das war sehr hübsch all die frohen Kindergesichter. Auffallend war mir, daß keines von ihnen ein Weihnachtslied konnte oder in der Schule eine Feier gehabt hatte. Das ist wohl jetzt Prinzip in der Volksschule, alles Religiöse zu vernachlässigen. -
Mein Lieb, was war das nur mit Deinem Arm? Wo saßen die Schmerzen? Hattest Du Dich bei dem starken Frost erkältet? Hast Du Aspirin genommen? Das ist in solchen Notfällen doch immer wirksam. Du machst mir doch immer wieder Sorge! - Ist mein Einschreibebrief noch zur Zeit gekommen? Zeige nur ja niemand die Aufschrift der Abschrift vom Aufsatz - die Buchstaben sind sehr rasch u. ungelenk gemacht. Ich werde mich üben u. ein besseres Blatt nachliefern. - Der schöne Aufsatz hat mich wieder ganz gefangen genommen u. wenn Du auch darüber spottest, so ist er mir doch wieder neu u. gibt mir Anderes, als früher. – Sehr, sehr freue ich mich auch auf den Wundt. Das wird eine erhebendere Lektüre sein, als unsre Revolution. - Und heute hatte ich auch noch eine große Freude - von weihnachtlicher Weise. Geheimrat Ernst brachte uns der Nachruf, den er für Ernst Schwalbe geschrieben hat u. las ihn uns mit großer Wärme vor. Es ist eine feine, echt freundschaftliche Würdigung, ohne Übertreibung u. doch ein lichtes Bild. Er sagt, er habe die Arbeit in Ponteresina gemacht, u. ich meine wirklich, es ist ein Hauch seiner reifen u. starken Natur darin.
Du wirst heute wohl wieder bei Riehls sein. Warum war es denn zweifelhaft, ob Du am heiligen Abend zu ihnen gehen würdest?
[4]
| Ist Lore Reyer in Reinhardtsdorf? Käme sie nicht besser in eine Anstalt? Du weißt doch, wie bedrohlich es mit Rudi Schwidtal s. Z. stand, u. der hat sich merkwürdig erholt bei Dr. Ziegelroth, Sanatorium in Krummhübel, Riesengebirge.
- In meinem Packet war auch rein garnichts Gescheites. Und Du weißt doch, wie gern ich Dir das Allerschönste schenkte! –
Was ist das mit Straußberg? Ich weiß nicht, besuchst Du dort jemand oder ists ein Ausflug? Sahst Du Ludwig? - Grüße alle Freunde herzlich, u. vor allem Gruß an Deinen Vater.
Ob die Arbeit Dir gedeiht? Ich studiere den Entwurf u. freue mich auf all das Schöne, was Du in diesen "Papierkorb des Autors" hineinzaubern wirst. Heute, beim Besuch von Ernst, kam es mir recht zum Bewußtsein, wie tief ich mit Dir an einen Sinn des Lebens glaube, als er von E. Schwalbes Tod meinte: sei das nun Unsinn oder Tiefsinn, daß er im Bruderkrieg fallen mußte?
Sei mir gegrüßt, Du Liebster, u. gönne Dir ein wenig Ferienruhe. Wie schöne wäre es, wenn wir wieder die Tage so in Arbeit u. Genuß zusammen teilen könnten, wie im Herbst! Nun - ich hoffe aufs Frühjahr!
Von Herzen u. innig dankbar
Deine
Käthe.

[li. Rand S. 1] <2 Sätze unleserlich>.