Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Januar 1921 (Berlin)


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2.I.21.
Mein Liebes!
Schon wieder ein Anliegen! Zuvor aber muß ich Dir erzählen, wie ich das neue Jahr begonnen habe: am 31.XII. bis 11 gearbeitet, und am 1.I. um ½ 10 an derselben Stelle fortgefahren. Mein erster Besuch war der Geldbriefträger, der mir 30 M brachte. Davon kann man jetzt in Berlin 1 ½ mal Mittag essen. Es wird Dich befremden, daß ich gleich den ersten Tag zu dichten begonnen habe, daß meine Dichtung von Harnack dreimal mit meisterhafter Betonung vorgelesen wurde und daß ich den ersten Preis im Dichten bekommen habe (eine Tafel Cailler.) Das kam so: Zur gemeinsamen Beschäftigung der ca 14köpfigen Gesellschaft gab der jüngere Sohn Harnack auf, in 10 Minuten zu 8 der Reihe nach gegebenen Reimen ein Gedicht zu machen. Es wurde mir recht schwer. Aber ich kam bei dem Vorlesen des Urneninhaltes mit 3 anderen in die engere Wahl. Das 4. schied aus, weil es das eingeschmuggelte Originalgedicht von Uhland selbst war, und von den dreien erhielt meines den ersten Preis. Das amüsanteste dabei war der liebenswürdige Ernst und der kritische Eifer, mit dem Harnack sich dem Geschäft hingab. Und da ich nun mal gedichtet habe (wobei nicht schwer zu erraten ist, aus welcher Begeisterung heraus), so sei Dir dieses mit Uhlands Reimen fabrizierte Gedicht gewidmet.
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Übrigens im geheimen: Er fragte mich nach Kandidaten für Wundts Nachfolge im Pour le mérite. Da er Eucken (der mir eben wieder einen seiner kindisch eitlen Briefe schrieb) wichtig einschätzt, kommen wahrscheinlich Rickert und Riehl zur engeren Wahl. Ehrlich sollte man doch sagen: es ist keiner da!
Gestern war es sehr nett. Zur Buße gehe ich heut zu Stumpf, nachdem ich vormittags vergeblich zu Exc. Schmidt gejagt bin und 2 Antrittsbesuche gemacht habe. Es ist ein ewiger Kampf um das bißchen stille Arbeitszeit. Ich habe jetzt IV,3: das Verstehen, aufgeschrieben (die beiden letzten Kapitel umfassen kaum je einen halben Bogen.) Dabei bin ich nun allerdings in Tiefen geraten, die garnicht auszuschöpfen sind. Es zeigt sich zweierlei ganz automatisch: die große Fruchtbarkeit der Methode, aber auch ihre Grenze, an der nun neues kommen müßte. Und ich komme ganz dicht an Hegel heran. Dieses wichtige Kapitel über das Verstehen wird wohl noch einmal umgeschmolzen werden müssen. Es ist das ewige Problem. Aber ich bin weit über Dilthey u. Simmel hinaus.
Mein Anliegen bitte ich Dich, nicht so unliebenswürdig zu beantworten wie Biermann eine Anfrage f. d. Korrekturen beantwortet hat. Bitte mach doch wieder ein Clichée, und zwar für S. 94. Ungefähres Muster liegt bei. Die Senkrechte ganz rechts ist noch zu lang. Vielleicht können die Kreise noch kleiner werden. Jedenfalls muß vermieden werden, daß die Schrägen konvergieren. Du hast ja schon einmal so etwas sehr schön gemacht für den Volkeltaufsatz. Heut kam das Papier. (Bitte anschreiben oder v. d. Sparkasse nehmen) Herzlichen Dank! und der Bogen. Hast Du nicht die erste Korrektur von mir dazu erhalten? Ich habe sie nicht. - Neujahrskarten mäßig. Seltsame Leute scharen sich in Berlin um mich, alle so erziehungsbedürftig. -Oesterreichs neues Buch über Okkultismus endet mit einem Aufruf zu wissensch. Schenkungen, der <re. Rand> fatal anmutet, entfernt Rugesch. Dahin kommen wir eben mit unserm Elend.
<Kopf> Zu Runges bin ich nicht gekommen. Frau Paulsen läßt Dich grüßen. Trocknet etwas ein. Viel Liebes u. Dank Dein Eduard.
[li. Rand S. 1] Frl. G. verreist. Es geht mir gut, obwohl von Ruhe keine Rede ist. Nehme zu, wohl wegen des Naschens v. süßem Zeug.