Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Januar 1921 (Berlin, Postkarte)


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3.I.21. Mein L.! Soeben habe ich (um 11 Uhr) nun auch die 52 Seiten über das Verstehen nach manchen Umbauten vollendet. Es ist wie eine gegen den Schluß mächtig anschwellende Symphonie. Ganz dämonisch kommt es mir vor, wie ich da ganz von selbst in die beiden Schlußkapitel der "Grundlagen der Geschichtswissenschaft" einmünde, die ich lange unterschätzt habe. Ich habe damals alles ganz richtig geahnt. Aber nun steht es da, auch noch in wenigen großen, andeutenden
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| Zügen, aber in völligem inneren Zusammenhang. Einseitigkeiten des Ausgangspunktes verschwinden und ganz neue Perspektiven in eine wirkliche Philosophie des Geistes tun sich auf, vor denen mir beinahe selbst schwindelt und die, obwohl sie unendlich schwer sind, meinem Kolleg über Geschichtsphilosophie eine neue, positive Richtung geben, sodaß ich über fast alle Nöte der Problemverwirrung hinaus bin. - Das über die Biographik soll nur ganz kurz werden, und das Schlußkapitel schreibe ich vielleicht erst mit dem Vorwort zusammen. Es heißt ja jetzt auch wieder Abschied nehmen. - Die beiden Bogen kamen heut. Ich danke herzlich. Du hast sehr viel gefunden u. beachtet. 2 Druckfehler aber habe ich doch noch gefunden. Etsch. Meine beiden Briefe sind hoffentlich angekommen. Gestern bei Stumpf war es ganz nett. Hinterher bei Riehls. Heut Studienrat Schröder vorm., nachm. Frl. Friedberg. Aber eine dumme hysterische Affäre ist im Gange, über die mal brieflich. Viel innige Grüße. Dein Eduard.
[re. Rand] Frl. Guttmann eben gekommen.