Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Januar 1921 (Berlin)


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Berlin, den 11. Januar 1921.
Mein Liebes!
Aus Deiner heutigen lieben Karte entnehme ich mit herzlichem Mitgefühl, daß Du mit Schmerzen geplagt bist. Ich will hoffen, daß es sich nicht um Ischias handelt; denn das wird leicht zu einer schlechten Gewohnheit. Bemühe Dich, ebenso schnell damit fertig zu werden, wie ich neulich. Du hast ja wohl hilfreiche Geister, die Dich mit Kampferspiritus einreiben können. Ich vermute, daß der Anfall nervös ist; denn dieses warme Wetter gibt doch keinen Anlaß zu rheumatischen Sachen, eher zu neuralgischen. Hat es übrigens irgend eine Beziehung zu den Schmerzen vom Sommer 1919?
Ich habe Dir wieder für sehr vieles zu danken. Zunächst für den schönen weißen Kuchen, der mir sehr willkommen war zu einem Solokaffee. Dabei lag das hübsche Notizbuch. Es wird nicht mehr zu den "Lebensformen" Verwendung finden, sondern zu Neuem (s. unten.)*) [re. Rand] *) höchstens also für die Psych. d. Jugendlichen - wenn Literarisches folgt. Auch für die Besorgung der Primel danke ich vielmals, und für die liebe Absicht, später, wenn es geht, an Caecilie zu denken. Ich habe Oesterreichs Buch über den Okkultismus gelesen. Mir sind da einige Haare zu Berge gestanden, die er wahrscheinlich für Pseudopodien [über dem Wort in Latein] Pseudopodien gehalten hätte. Ich bin nicht prinzipiell ungläubig; aber dieses Buch ist erstaunlich unkritisch. Vorgestern fragte mich Groos (Tübingen) ob ich ihn oder Haering für das Extraordinariat in T. empfehlen würde.
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| Da ich den andern garnicht kenne, konnte ich da um so besser loben und glaube es in einer zweckmäßigen Form getan zu haben.
Gestern war ich mit dem Reichsarchivdirektor Herre zusammen. Er hat mir viel Interessantes gesagt; doch fehlt mir zum Bericht heut leider die Zeit. Ich bin mit Heinrich Maier und Stumpf als Fachvertreter in die Gruppe Philos. Päd. Psych. der Notgemeinschaft deutscher Wiss. gewählt worden, und zwar von der Heidelberger Akademie, die hierzu den Auftrag hatte. Die erste Sitzung wird wohl in Berlin stattfinden. An sich aber ist es Statut, daß sie am Wohnort des Vorsitzenden (H. Maier) stattfinden!!
Erdmann ist plötzlich gestorben. Er wird morgen auf dem Lichterfelder Friedhof beigesetzt, wo die Asche meines Onkels ruht. (13.I.21. = 80 Jahre!!) - Das bedeutet eine Reise von 4 Stdn für morgen. Außerdem haben wir nun 22 Berufungen in 2 Monaten zu erledigen. Ich als Philosoph kann in 7 Kommissionen gewählt werden, die alle um 1 Uhr mittags tagen. Angenehme Aussicht.
Heute früh habe ich den religiösen Menschen u. Abschnitt III. cap. 1-4 = 209 Seiten nach Halle gesandt. Es fehlen noch III,5 und IV 1-3. - 4 und 5 sind noch zu schreiben, aber wohl erst nach Semesterschluß. Der Abschnitt über die Rangordnung der Werte scheint mir garnicht schlecht gelungen - für einen ersten Versuch. - Die Blätter mußten nun fort, da ich nicht an 7 Sachen zugleich arbeiten kann. Von Halle aus wird näm
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|lich wegen der Korrekturen gedrängelt. Ich habe heut Bogen 9 erledigt; aber schon kam Bogen 10. Druckmaterial haben sie für mindestens 21 Bogen. Aber mehr als 6-7 werden wohl wegen Mangels an Typen nicht gleichzeitig im Satz stehen können. [zw. die Absätze gefügt] ("nichts anderes als", mir auch schon aufgefallen, soll beachtet werden)
Es ist notwendig, daß die ganze Angelegenheit vom Tisch kommt. Ich nehme bestimmt an, daß es enden wird wie 1914: jetzt kauft kein Mensch Bücher; dann aber wird sie auch niemand mehr lesen. Hier beginnt ein starker allgemeiner Pessimismus Platz zu greifen. Arbeitslosigkeit und Not dehnen sich aus. Die für heut geplante Demonstration gegen den Vers. Frieden kam nicht zustande; ich mußte lesen, ließ aber das Proseminar doch ausfallen. Die Aktion, die als eine umfassende nationale Parole gedacht war, ist noch nicht zustandegekommen, weil die Sozialdemokraten Schwierigkeiten machen. Im Frühjahr rechnet man mit einer Verlegung der französischen Front nach dem Osten. Auch für unsre Pläne sehr angenehme Aussichten.
Ich fühle doch den Drang, mich wieder mehr den öffentlichen Angelegenheiten zu widmen, diesen Zeitpunkt - den einsetzenden Pessimismus - hatte ich von vornherein dafür in Aussicht genommen. Jetzt werden die Gemüter offener sein. Schreibt doch Schröbler, in Sachsen rechne man jetzt mit einem 9stufigen Seminar, und Tews soll für Preußen vom 7stufigen gesprochen haben.
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Die Nichte meines Nachbarn, Herrn Reuther, steckte mir immer nette Briefe in den Kasten, worin sie ihre Besorgnis für den Onkel u. sonstigen Ansichten Ausdruck gab. Ich antwortete, wie es meine Art ist, warm u. teilnehmend. Wer beschreibt mein Erstaunen, als ich einen Liebesbrief mit allerdings schon über 10 Jahre alten Gedichten bekomme und allerhand Geschwätz. Ich sah gleich (nicht nur, daß sie abnorm häßlich ist, auch im ganz Finstern), sondern auch ihr flackerndes Auge und hatte gleich anfangs Verdacht wegen Richtigkeit. Übrigens sitzt diese Hysterie auf einer guten und fein gebildeten Seele, wird also hoffentlich bei völliger Nichtreaktion meinerseits einschlafen.
Am Mittwoch war ich im Baumschulenweg u. hatte die allerliebsten und schönsten Eindrücke. Ich traf alle u. sprach mit den Erwachsenen eingehend über die Spannung. Der Mann der Klara ist - Volksschulmeister. Das erklärt mir wieder vieles. In der 1. Sprechstunde kein Mensch. Sonnabend Besuch von Imelmann aus Rostock; Nachm. bei Vater Scholz. - Heut war ich bei Thümmels. W. Böhm hat die Räume der Schule vermietet u. sie per 1.IV. auf die Straße gesetzt. Was aus Lehrerinnen u. Schülerinnen wird, weiß heut noch niemand. Ich verstehe seine Wut gegen d. Magistrat. Aber nobel ist diese Art auch.
Noch tausenderlei hätte ich zu erzählen. Aber die Woche ist schwer besetzt. (s. Beilage.) Ich wünsche Dir vor allem gute Besserung. Schreibe mir eine Karte, nicht lang, wenn Du es ohne Schmerzen kannst. Der Kindergarten muß bald erscheinen. - Wie geht es denn Hermann und (komisch!) Ruges?? (d. h. in der Kurfürstenstr. Ich grüße den Vorstand u. das Quack. Sei innig gegrüßt von Deinem Eduard.
[Kopf] Hast Du vom Major was gehört? / Der Fall Hecht ist sehr tragisch u. ergreift mich. Näheres mündlich.