Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. Januar 1921 (Berlin)


[1]
|
Berlin, den 20. Januar 1921.
Mein Geliebtes!
Dein Ischiaszustand läßt mich mit Sorge an Dich denken. Es ist mir neu, daß dabei auch Fieber auftreten kann, und das Ganze sieht wieder etwas nach einer Vergiftung aus. Hast Du vorher etwa eine Halsentzündung gehabt? Die scheint doch bei Dir immer infektiös auf das ganze System zu wirken. Joh. Wezel schreibt soeben, daß sie Dich noch recht angegriffen fand. Ich mache mir Vorwürfe, daß Du dabei immer so viel Korrekturen für mich zu lesen hast, neben der sonstigen Arbeit.
Die schiefen Buchstaben brauchen Dich dabei aber nicht zu ärgern. Man merkt sie an, aber die Druckerei richtet ohnehin das Ganze genau vor dem Druck, und K. ist eine ausgezeichnete Druckerei.
Ich gehe zum Bericht über meine "Erlebnisse" über. Am Tage der Beerdigung von Erdmann glaube ich Dir zuletzt geschrieben zu haben. Tags darauf war ich in einem Gewimmel sozialer Frauen bei Alice Salomon, wo ich auch den Minister Heine kennen lernte und wo über "Otto Braun" debattiert wurde. Das Ethos dieses jungen Menschen
[2]
| nötigt Andacht ab; seine Psychologie ist mir furchtbar, durchaus unjugendlich, und darüber geriet ich mit "Frau Ministerialrat" Weber aneinander. Am Donnerstag lange Fakultätssitzung. Am Freitag "Deutschtum im Ausland" mit ergreifendem Bericht über das abgetretene polnische Gebiet. Sonnabend um 4 Geheimsitzung mit Stumpf u. Troeltsch bei Riehl über die Nachfolgefragen, die uns sehr stark nach Heidelberg führten. Um ½ 6 in der Universität, Kantgesellschaft. Der 1. sprach über 1 Stunde sehr mäßig, und ich hatte gar keinen Gedanken u. keine Stimmung. Aber seltsam, wie ich nur vorn stand, hatte ich die Leute, es war eine fühlbare Sympathie, ich machte viele Scherze und hatte lebhafteste Heiterkeit. Sachlich ist fast nichts herausgekommen. Sonntag schwänzte ich die Reichsfeier des V D St wegen zu vieler Arbeit. Um 2 in Dahlem bei Geheimrat v. Schnitzler, wo es von Excellenzen u. Geheimräten des Auswärtigen Amtes wimmelte, von den Gräfinnen zu schweigen. Der Wein war sehr gut u. die Wirte sehr liebenswürdig. Montag 9-10 Kolleg, dann ärgerte mich der unausstehliche Wallner durch s. Kritik an den [über der Zeile] <unleserliches abgekürztes Wort> Übungen, mit denen ich zufrieden bin; 12-1 Proseminar, das gut ging. 4-½ 5 Vorbereitung auf Abendvortrag, 5-6 ½ Staatsexamen, um 8 im Knauerschen Verein. Dort u. a. Käthe Ihlefeldt, Erna Ewert (Frau) [unter der Zeile] mit Mann, Helene Schulze (Frau mit Mann) u. viele andere. Ich hatte nichts anderes zum Erzählen
[3]
| als die etwas umfrisierten Lebensformen u. war überrascht über die Spannung, mit der man über 1 Stunde folgte. Auch hier starker Kontakt. Dienstag fiel die Vorlesung aus. Um 11 schwamm ich zur Universitätsfeier, ging in Hintzes Talar, dessen Barett mir über die Ohren sank, und freute mich an der ungeheuren Fülle, gehobenen Stimmung u. guten Rede v. Hoetzsch, der ganz deutlich auf ein Kaisertum preußischer Basis hinauskam. Nachm. Vorbereitung. Mittwoch trug ich 2 Stunden lang sehr schwere Dinge vor; aber es ging so, und hoffentlich halte ich die 300 weiter wie bisher. ½ 5-½ 8 bei Georg Bock mit Pfannkuchen und Flötenspiel. Nun ist ein wenig mehr freie Zeit, gut für die Korrekturen.
Wenn der religiöse Typus auch gedruckt ist, dann hätte ich gern Dein Zusammenhängendes Urteil über die neue Fassung der eigentlichen Lebensformen. Anscheinend hast Du keine Bogen mehr behalten. Ich würde Dir dann die betreffenden schicken.
In dem Nachruf für Ernst Schwalbe finde ich die ersten Worte sehr schön. Das übrige bezieht sich nur auf Wissenschaft und geht auf den Menschen nach meinem Gefühl allzu wenig ein. Es liegt darin wohl eine keusche Zurückhaltung. Aber dieser Tod hätte ein tiefer dringendes Wort verdient. Ich sende das Blatt an Karl Ruge weiter, den ich Montag in der
[4]
| Bahn traf. Auch mit Harnack hatte ich wieder eine angenehme Begegnung. Er erzählte betrübt, daß er auch "gehen" müßte.
Ad Frl. Reuther: Sie verlangt das Heft über Fleitgen zurück; in der Eile lasse ich ihre "Gedichte" darin liegen, merke das eben erst in dem Absagebrief, den ich erhalte. Meine "Korrespondenz", bestehend aus 3 kleinen Seiten und 1¼ Seiten erhalte ich auch zurück. Und so scheint hier der böse Zufall doch ganz gut gewirkt zu haben. O jeh!
Grünen Bleistift? lag der etwa dabei - dann habe ich ihn nicht gefunden. Du meinst wohl den, den ich hatte?
Meinem Vater ging es am Sonnabend (wo er jetzt immer ½ Stunde kommt) recht gut. Bei Riehls geht es nicht besonders: sie wird sehr schwach, und er ganz zusehends alt, geistig besonders.
Ich freue mich, daß Joh. Wezel bei Dir war. Nelly Pelargus hat Riehls die Geburt des Sohns mitgeteilt, mir nicht. Ich habe natürlich auch nicht gratuliert.
Ganz ohne Anliegen geht es nicht: Bitte teile mir den Stand der Sparkasse am 30. Juni 1919 mit. Und wenn das nicht mehr möglich ist, so den Stand bei Überweisung nach Heidelberg. Ich muß bis 31.I. noch einmal die Steuererklärung machen, mit der ich mich schon in den Kapptagen gequält habe.
Tante Vally ist verreist. Ob sie die Wohnung behält? Wir kriegen doch hier eine wahnsinnige Wohnungsluxussteuer, Herrn Paulsen (Hamburg), mit dem ich 2mal Krach hatte (er war es, der mich nach H. berief) als Stadtschulrat und wahrscheinlich den 1 Marktarif Straßenbahn. - Werde bald wieder gesund und <li. Rand> sei innig gegrüßt! Weißt Du etwas für den Vorstand zum 2.II.? Stets Dein Eduard.