Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Januar 1921 (Berlin)


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31.I.21.
Mein Liebes!
Ich bin gar kein Drängelberger und respektiere die aus besonderen Verhältnissen folgenden Schreibpausen schon um meiner eignen Sündenvergebung willen. Aber diesmal liegt doch die Sache so, daß es Dir nicht gut ging, und daß ich seit dem 15.I. nicht mehr weiß, ob es Dir besser geht. Du hast zwar alle Korrekturen rührend fleißig erledigt und mir auch einen Kuchen geschickt, der ganz so aussah wie von Dir selbst gebacken; nur der in einem Druckbogen angekündigte Brief ist bis heut Abend nicht gekommen.
Nun sieht es auch politisch sehr düster aus. Es scheint mir richtig, sich auf alle Fälle zu rüsten. Laß jedenfalls nicht alles Geld in Heidelberg u. beobachte die Entwicklung der Verhältnisse genau, um im richtigen Zeitpunkt der Bank Weisungen zu geben. Die Sparkassenbeträge würde ich kündigen; man braucht ja dann keinen Gebrauch davon zu machen. Eine Besatzung, die um Geldforderungen willen
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| erfolgt, könnte leicht mit Beschlagnahme des Privatvermögens verbunden sein. Im übrigen muß man ja hoffen, daß uns doch noch ein Rettungsweg zwischen der Scylla der Entente und der Charybdis des östlichen Bolschewismus bleibt. Wenn wir nur im Innern einig wären!
Der 15. Bogen ist ausgeblieben. Ich habe den 3. Teil druckfertig. Aber für den vierten fehlt nicht nur die Zeit, sondern auch die Geduld. Es könnte sein, daß jetzt ein paar ermunternde Zeitungsaufsätze wichtiger werden. Natürlich bin ich bei unausgesetzter Arbeit und gutem Befinden doch schon recht semestermüde. Die Universitätsarbeit geht gut weiter. Letzten Sonnabend war ich in Pichelswerder mit Susanne, die allen Ernstes schon die 3 Tage berechnet, die sie zu Ostern bei Dir sein möchte. Auch ich habe schon nach Hôtels in Köln gefragt - und nun??
Viel kann ich leider heut nicht schreiben. Ich "muß" in ein Konzert u. habe noch viel vorzubereiten. Ich schreibe nur gerade heut, um eine Nachricht von Dir zu erbitten. Am 2.II. feiert Ihr gewiß bei großem Damenkaffee. - Hier ist fortgesetzt Frühling. Bei Euch wohl auch. Sei innig gegrüßt und vor allem: sei gesund!
Dein Eduard.

[Fuß] Eines wird Dich freuen: Mein früherer Schüler Louvaris in Saloniki <re. Rand> hat 1917 die "Lebensformen" ins Griechische übersetzt u. mir jetzt mitgebracht. Ich kann sie lesen, fast <Kopf> altgriechisch. Außerdem hat er mir, dem "berühmten Philosophen" einen Kommentar zum Kolosserbrief gewidmet.