Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Februar 1921 (Berlin)


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Berlin, den 10. Februar 1921.
Mein Liebes!
Diesmal war ich tagelang nicht fähig, zu schreiben, teils wegen Arbeit, teils wegen Überanstrengung, die nun mit gutem Rechte fühlbar wird. So konnte ich Dir bisher noch nicht sagen, wie sehr ich mich gefreut habe, daß es Dir wesentlich besser geht. Aber ich würde auch wünschen, daß dergleichen Fälle nicht wiederkehren. Frau Riehl hat auch solche Halsentzündungen, die Vergiftungszustände hinterlassen. Sie läßt sich den Hals pinseln. Ich bitte Dich, Deinen großen medizinischen "Anhang" dafür einmal in Bewegung zu setzen.
Im übrigen scheint bei Euch die reine Karawanserei zu sein, und man fühlt ordentlich, wie Helene Lang die ganze Gesellschaft hypnotisiert hat. Beneidenswert scheint es mir, in solchem Falle Gatte zu sein, und ich bin noch nicht einmal für das Sirenenklavierspiel zu erwärmen, nachdem ich neulich, bei dem Versuch ein Konzert zu hören, wieder nur Zeuge von Turnkünsten auf der Klaviatur wurde.
Das Poesiealbum möchte ich aus den von Dir genannten Gründen dem Ball vorziehen. Und zwar hätte ich die Sendung
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| gern bald erledigt, noch vor meinem - hoffentlich nicht verhinderten - Kommen. Den Spruch würde ich wählen, wenn er von Dir stammt. Ist er altes Stammbuchrequisit, dann lieber nicht. In beiden Fällen wäre ich etwas mehr für Rhythmik: "So wird noch spät aus diesem Buch ein froh Erinnern Dich umschweben" - oder ähnlich. - Übrigens hat sich Oesterreich doch mit seinen Phantastereien sehr geschadet, vielleicht gerade im Moment, wo sein Los sich zum Besseren wenden wollte. Wenigstens lief Diels heut mit einem Aufsatz: "Geisterhände" auf mich los und war in heller Empörung.
Über die Besatzungsfrage denke ich so, daß es "zweckmäßiger" ist, am Orte zu bleiben, wenn die Besatzung friedlich erfolgt. Findet sie unter Widerstand von unsrer Seite statt, dann opfere nicht Wichtigeres der Sorge für Aaron Wassertrum. Ich brauche in der Pestalozzistr. einen "Flüchtling", damit ich der "Wohnungsluxussteuer" entgehe, und in meinem Herzen noch viel mehr. Zunächst meinte ich nur, daß Du in Geldsachen vorausdisponieren sollst, falls Beschlagnahmen zu befürchten sind. Übrigens muß es eine Neueinrichtung sein, daß die Sparkasse keine Zinsen weiterzahlt, oder Du irrst Dich. Denn eine Kündigung ist doch keine Abhebung. Sie müßte mindestens 1½ Prozent weiterzahlen.
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Hoffentlich kann es trotz allem bei unsren Frühjahrsplänen bleiben. Und damit verbinde ich 2 Bitten: die erste, Frau Rohn aufzunehmen, wenn sie kommen sollte, und ihr nach Hanau sub Herrn Ingenieur Dr. Willy Rohn zu schreiben. Genauere Adresse habe ich nicht zur Hand. Sodann: der Susanne darfst Du die Freude nicht verderben. Sie ist nun mal ein Kind und "lebt" von diesem Gedanken. Von mir wird sie meistens sehr schlecht behandelt, obwohl sie mich füttert wie die Köchin ihren Kanonier und mir das Leben durch tausend große und kleine Dienste erleichtert. Aber eine ganz reine Freude habe ich daran, wie Du Dir denken kannst, nicht. Ich gehe auf 2 Nächte fort, gleichviel wohin, ev. sogar via Rhein nach Cöln. (Sieh doch mal nach der Dampferverbindung und den Preisen.) Unser Zusammensein soll dadurch nicht verkürzt werden; denn die Zeit hänge ich hinten an. Also schreibe ihr bitte, daß sie kommen könnte, und wenn Du ihr eine Geburtstagsfreude machen willst, zum 19.II. Hingegen schätze ich nicht 3 volle Tage à trois; sondern ich werde den ersten noch und den letzten schon wieder da sein.
Seit meinem letzten Brief habe ich mich furchtbar quälen müssen, überwiegend mit den Kollegs. Ich habe Niemeyer geschrieben, er solle im Februar nur 1 Bogen pro Woche setzen. Denn ich stehe mit der Revision noch in IV,1. und 4 und 5 sind nicht einmal geschrieben. Mancherlei "liebe" Pflichten kamen hinzu.
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Vorigen Mittwoch von 9 - ½ 3 ohne Pause Dienst. Am Donnerstag von ¾ 4 - ¾ 10 dgl. Montag von 9 - ½ 3 wieder. Berufungsverhandlungen, die im ganzen glatt gehen u. (geheim!) H. Maier an die erste Stelle bringen werden. Dienstag, wo ich mich übhpt. zu präparieren hatte, fand der lange versprochene Ausflug mit D. Thümmel statt: Nicolassee - Wannsee, herrlicher Tag, sie konnte schon 1 Stunde mit der kl. Schiene gehen. Was Ostern wird, absolut dunkel. Gestern hielt ich für die Päd. Arbeitsgemeinschaft, eine kl. Gruppe v. Sonderlingen, Vortrag über "die inneren Voraussetzungen des Lehrberufes". Ich hatte gesagt: Für weniger als 30 rede ich nicht. Nun ließen sie Plakate drucken, die 8 Tage nur in der Universität hingen. Erfolg: 400-450 Hörer strömten herzu. Die Einberufer waren unverhüllt enttäuscht. Aber die Rede scheint sehr stark gewirkt zu haben. Ich sehe, daß ich schon mein Publikum habe. Und am Sonnabend ½ 4 steigt m. Seminarausflug 9 Mann (c. gr. salis) hoch nach Pichelswerder, zu dem 82 jährigen Wirt, mit Kaffee. Ich bin zwar eigentlich zu kaput, aber ich fühle, daß dies notwendig ist. Am 4.III. spreche ich in der Gesellsch. f. Volksbildung über Spengler. Dann wird hofftl. Schluß der Saison sein.
Natürlich beteilige ich mich an der Kaffeekanne. Ist das Rad beim Vorstand? - Bitte verhindre, daß ich in Heidelberg Vortrag zu halten habe. Für September ist schon Hamm, Cassel, Düsseldorf in Aussicht.
Die geringere Last der Korrekturen wird hofftl. auch Deinem Ausruhen zu gute kommen. Ich bin ganz gesund, und immer unausgeschlafen. Und das Kolleg 1848 ff. macht viel Mühe.
Innigste Grüße u. Wünsche Dein Eduard.