Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1921 (Berlin)


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Berlin, den 23. Februar 1921.
Mein Geliebtes!
Es ist sehr frühlingshaft heut, und sehr schön, dabei an Deinen Geburtstag zu denken. An dem sollst Du auch viel Sonnenschein haben, innerlich und äußerlich (gegen das Ischias). Es ist mit diesem Tag, wie Du es von Weihnachten sagtest: zusammen erlebt haben wir ihn noch nicht. Und doch ist keiner gewesen, der uns nicht innig vereint gefunden hätte. Der Wunsch, daß uns dies erhalten bleibe, steht mir voran, wenn er auch egoistisch genannt werden kann. Aber alles im Leben ist leicht geworden, wenn wir es zusammen trugen, und es wird weiter leicht sein, so Schweres wir zu erwarten haben.
Ich male mir den Kaffeetisch in "meinem" Zimmer, neben dem imaginären Schreibtisch aus und sehe davor den würdigen Vorstand, Liselotte, die liebe Seele Adele, Frl. Dr. Herbig (?) und noch manchen sonst. Freilich ist das dann ein schweres Aufwaschen, da ja Frau Weinkauf definitiv "streikt".
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Meine kleine Gabe auf Deinem Geburstagstisch ist wieder sehr ledern, hoffentlich aber brauchbar und doch nicht wiederum ein Buch (obwohl ich ein wichtiges für Dich wüßte.) Der Verschluß ist vielleicht praktischer als die Hasenohren; ich habe die üblichen 2 Knöpfe in Erinnerung daran vermieden. Eine Sorge aber ist mir, ob das Packetchen rechtzeitig ankommt. Es ist Montag Abend aufgegeben per Eilboten - mehr ließ sich nicht tun.
Ich würde Dir gerade heut nicht vorklagen, wie schlecht es mir in der vorigen Woche gegangen ist, wenn der Fall nicht so gut wie ganz überwunden wäre. Sonntag. 13.II. punkt 2 Uhr kam ein Schwächezustand, Schmerzen rechts in der Brust stellten sich ein und das Gesamtbild war genau so wie 1916 vor der Rippenfellentzündung. Ich konnte nicht zu Riehls. Fieber und Husten fehlten, aber die wandernden Schmerzen wurden um so stärker, je mehr ich (nach bekannter Art) die Aufmerksamkeit darauf senkte. Ich habe trotz allem kein Kolleg versäumt, nur die Sitzung am Donnerstag geschwänzt. Aber geschlafen habe ich, soviel ich konnte, und an das Buch bin ich natürlich auch nicht gekommen. Ich dachte, es ginge so weiter abwärts. Draußen schauderhaftes Wetter. Nach Sonntag abend, wo ich bei Nordens in Lichterfelde eingeladen war, hatte ich Schwindelzustände auf der Straße.
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| Seit Montag mit dem Sonnenschein sind die Schmerzen fort, die Lebenslust ist stärker, und ich habe Hoffnung, mit dem Semester zu Ende zu kommen.
Da kannst Du Dir nun denken, wie willkommen mir Deine schöne, nahrhafte Sendung war. Denn der Appetit blieb gut, und so brauchte ich zum Kaffee nicht auszugehen. Indessen ist es nicht ganz in meinem Sinn, daß Du die geschenkte Wurst fortgegeben hast. Denn ich glaube nicht, daß Du allzu "üppig" lebst. Ich aber bin jetzt sehr gut im Futter, und habe sogar für 30 M 2 Flaschen Wein verputzt.
Ob ich den Frankfurter Plan ausführen könnte, wurde mir nun auch zweifelhaft. Ich habe nämlich am Freitag 4.III. noch Vortrag über Spengler (200 M) 6.III. Jugendgruppe Müggelsee, 7.III. Staatsexamina, 8.III. 2 Stunden im P.- Fröbelhaus, und müßte am 10. reisen - ohne die 2 Kapitel des Schlusses geschrieben zu haben und ohne Vorbereitung. Wenn es mir gesundheitlich gut geht, möchte ich ja gern an dem Plan festhalten (weil ich doch Kiel geschwänzt habe und das allmählich zum schlechten Renommé werden könnte.) Stuttgart am 18. möchte ich jedenfalls machen. Aber wegen Frankfurt bin ich noch nicht entschlossen.
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Mein Seminarausflug nach Pichelswerder war noch ganz angenehm u. hat doch günstig gewirkt. Ich kann übhpt nicht klagen: die Phil. d. Gesch. war heut noch knüppeldick voll. In der Pädagogik bin ich beim Jahr 1990, das Seminar war belebt und nur das Proseminar hat reichlich 25% verloren.
Am Freitag vorher hatte ich eine (günstig wirkende) Aussprache mit Becker.
Im Vertrauen und bei aller Schweigsamkeit: Heinrich Maier kommt für Erdmann an 1. Stelle u. wird nach eigner Auskunft annehmen. Aber ich glaube nicht, daß die Bedingungen gegeben sind, mich nach H. zu melden. Der Meinung bist Du doch wohl auch?
Mit den Wahlen hier ist nicht viel gebessert. Die Berliner Stadtschweinerei müßte aufhören, das wäre das erste Erfordernis. Im Grunde ist es erstaunlich und beruhigend, daß wir trotz dieses Wahlrechtes in Preußen schon wieder so weit rechts gerückt sind.
Sonst wüßte ich heut nichts, weil ich sehr zurückgezogen gelebt habe. Und was ich sonst zu Deinem Geburtsfest noch zu sagen hätte, das würdest Du aus meinem Blick und meiner Stimme herausfühlen, will aber schlecht in die Feder. Es kommt ohne Worte zu Dir und findet in Deinem lieben Herzen doch das treue Echo, das den festen Ton in meinem Leben bildet. Sei innig und tausendmal <li. Rand> gegrüßt von Deinem Eduard.
[Kopf] Sonntag bei Harnack u. bei Troeltsch eingeladen, beides abgelehnt.