Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. April 1921 (Berlin)


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Berlin, den 19. April 1921.
Mein Geliebtes!
Schon viel früher wollte ich Dir schreiben. Aber die paradiesische Zeit ist nun einmal vorbei, - vorbei für die unmittelbare Gegenwart, nicht aber für meine Seele, die in dieser Welt ihre Heimat hat. Das Fortgehen ist mir unsäglich schwer geworden, mehr als je. Du hast mit Deiner Liebe und Deinem reichen Herzen so viel warmen Glanz in diese Tage gebracht, daß ich wunschlos glücklich war. Und wer könnte eine solche Zeit leicht abbrechen? Es mußte sein; aber ich nehme eine Seligkeit mit, die über jeden Dank, über jedes Aussprechen erhaben ist. Wozu soll ich auch sagen, was Du selber fühlst, was wir miteinander und ineinander fühlen?
Deine Mühen für mich gehen noch immer fort. Ich erhielt schon gestern früh Deine lieben Zeilen; ein Morgengruß, wie Du ihn mir sonst selbst brachtest. Aber hoffentlich hast Du nun keine zu frühen Morgenstunden, sondern holst alles an Ruhe und Behagen nach, was ich anspruchsvoller Gast Dir beeinträchtigt habe.
Am Anhalter Bahnhof erwartete mich Susanne; zu Hause Frl. Guttmann und Frl. Bahr. Es ging alles sehr glatt. An Briefschaften etc. fand ich wenig vor, mit Ausnahme von 2 Sachen, von denen die 2. merkwürdig ist. Das eine ein Blumenstrauß von Adelheid und Heyse (kurz gesagt von Adelheyse.) Das andre 2 inzwischen völlig vertrocknete weiße Rosen; dazu ein Packet: auf Pergament mit Goldmalerei in antiker Zierschrift das 17. Kapitel des Ev. Johannes.
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| Sehr schön, aber vorne nichts und hinten nichts. Einziger Hinweis: der Vers vom "Sohn des Verderbens" war gesperrt geschrieben. Bescheiden, wie ich bin, bezog ich den auf mich, also die weißen Rosen und den Sohn des Verderbens. 2 Damen, rundlich, klein und nicht ganz jung, sollen es vor Ostern abgegeben haben. - Ich kam mit meinem Raten nicht weiter als bis zu - Adelheid Hofmann. Also 2 Adelheiden?? - Inzwischen aber ist eine neue Hypothese aufgetaucht.
Als ich am Sonntag aufstand, gab mir der liebe Gott die Distanz recht deutlich zu spüren: Ungeheizt, 9° drin. Draußen 7°. Imitierter Kaffee, trocken Brot, Marmelade. Ich ließ um 10 heizen, erzielte einen ungeheuren Rauch = und gar keinen Wärmeeffekt. Im Überzieher wanderte ich umher. Um 12 Studienrat Schröder, ein lieber Mensch. Um 2 Mittagessen am Nollendorfplatz mäßig und noch teurer. Nachm. arbeitete ich etwas am Vortrag. Dann mit Susanne ½ Stunde im Tiergarten; um 7 mit schönen Blumen für 24 M zu Riehls. Brautpaar lieb, Lore leichtfertig Mutter Sofie relativ gut im stande - aber Vater Riehl sichtlich schwer deprimiert durch Steuer- und Vermögenssorgen. Und das macht auch mir schweren Kummer.
Montag früh Vorbereitung, erwartete um ½ 12 m. Vater. Vorher holte ich Geld von der Bank u. Fressalien. Inzwischen war er da u. erklärte, warten könne er nicht. Um 5 bei Rechtsanwalt Krüger, der mir den Stand des Prozesses schilderte.
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| Es liegen doch recht greifbare Verfehlungen der Frau mit Frl. Dr. P. vor. "An Hand" dieser Eindrücke ist mir nachts im Bett aufgegangen, daß die beiden Damen damit zusammenhängen könnten u. daß Felix Krüger der Sohn des Verderbens ist, nicht ich, was mir lieb wäre, obwohl dann die weißen Rosen eben auch nicht auf mich gehen. Infames Weibervolk.
Um 6 in der Bauakademie. Auditorium 50 Mann. Anfangs mit allen Zeichen der Gleichgiltigkeit, späterhin anscheinend lebhaft interessiert. Hinterdrein ein paar angeregte Worte mit dem ehemaligen preuß. Finanzminister Südekum (MSP.) [über der Zeile] der hinter mir zu <Wortteil unleserlich>gieren hatte, der äußerlich ganz wie eine alte Excellenz erscheint. Abends wollte ich Dir schreiben, mußte aber erst den Anschlag fürs schwarze Brett fertig machen, u. dann tat ich einen Blick in den 1. Brief, den ich hier erhielt: Einkommensteuerveranlagung. Ich biß mich fest - eine verfluchte Geschichte, wer soll denn das beantworten können? Ich habe an der Feststellung nur des wichtigsten Rohmaterials schon bis ½ 12 (beinahe 3 Stunden gesessen) bin noch lange nicht fertig. Es ist unerhört, der Bevölkerung so in die Taschen zu gucken u. ihr einen solchen Umstand zuzumuten. Kannst Du ohne Mühe näher feststellen, wie viel Zinsen die Heidelberger Sparkasse mir im Kalenderjahr 1920 gebracht hat? Sonst nehme ich eine runde Zahl an.
Heute früh überwältigende Post: Sofort Gutachten über Jugendwohlfahrtsgesetz, Jugendrichter will persönlich kommen, Möckel möchte Lebensform in Gestalt eines Romans besprechen, zu dem ich ihm Material liefern soll. Biermann kommt um 6. Eben habe
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| ich m. Vortrag schnell gemacht, um ½ 1 muß ich aufs Gericht. Dann um 4 reden. Ich schreibe diese Zahlen beflügelt von der Donaueschinger Zigarre. Alle rühmen mein Aussehen. Ich selbst bin ein wenig verkügelgent.
Deine Schlüssel habe ich nicht mitgenommen, wohl aber die Briefe, die ich in einer stillen Stunde lesen möchte und dann ehrlich zurückgeben werde. Darf ich? An den Vorstand kann ich erst morgen schreiben, ebenso an den Doktor. Ich habe keine Ansichtskarten. Hier sind ganze Straßenzüge schwarz weiß rot mit Flor geflaggt.
Auch diesmal wieder war der Hohle Kästenbaum für uns im Mittelpunkt für unsre Welt, kein schöner Name, zumal für einen Baum, der nicht existiert. [über der Zeile] Aber Dort und am Felsenberg ist unsre Gegend - auf der Höhe. Das liebe Tal aber gehört dazu - wie Du nicht nur für meine Seele, sondern auch für mein irdisches Teil die gleiche Sorge hegst. Ist es symbolisch, daß es jetzt so kalt geworden ist - 6 Grad, bei Sonne u. weißen Wolken?
Schon heut danke ich für das zu erwartende Packet. Soll ich von den im Preisverzeichnis angestrichenen Sachen etwas besorgen? Gern schriebe ich noch mehr - gern spräche ich immerfort mit Dir. Aber die Zeit drängt, und ich sehe schon die ganze wüste Kampagne vor mir. Ich hoffe sie zu meistern, mit dir, wie immer, mein Lieb und mein Alles!
Innigst Dein
Eduard.