Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. April 1921 (Berlin)


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Berlin, den 24. April 1921.
Mein Geliebtes!
Ein "beschäftigungsloser" Sonntag Nachmittag gibt mir Gelegenheit, so recht über den Rückgang meines Menschen nachzudenken. Heut vor 14 Tagen landeten wir wohl atemlos im Kümmelbacher. Es ist seit meiner Rückkehr eine merkwürdige Lethargie in mir, als ob ich eigentlich noch garnicht hier wäre. Ganz gegen meine Gewohnheit verträume ich Minuten und Stunden, ohne doch etwas schönes zu träumen. Diese erste Woche hatte nichts Aufmunterndes in sich. Die 2 Vorträge vor den 40-50 Leuten verliefen ziemlich reizlos für beide Teile; Mittwoch hörte ich von Frau Biermann ¾ Stunden Greifswaldionen, ohne daß ich von mir auch nur 1 Satz hätte sagen können. Donnerstag erhielt ich in der Philologensitzung von der schulpolitischen Situation einen recht ungünstigen Eindruck. "Es geht wieder los". Freitag Nachm. ging ich mit Susanne den "Lebensformenweg" über Ravensteiner Mühle an den Müggelsee. Aber die Natur sprach nicht zu mir, und zeitweise war mir, als hätte ich überhaupt niemanden neben mir. Nach der Heimkehr raffte ich mich zu 6 Seiten über "Die Jugendbewegung und - Goethe" auf, die Du später lesen wirst. Gestern früh kam endlich das lange erwartete Packet, dessen Schicksal mich schon beunruhigt hatte. Zu meiner Orientierung würde es mich interessieren, ob es einge
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|schrieben oder als Wertpacket ging. Ich danke für Deine Mühen, für den eßbaren Teil und - für den symbolischen Tempel.
Ja, merkwürdig, in meiner Untätigkeit las ist oft stundenland in den prächtig gebundenen "Lebensformen", als ob es das Buch eines anderen wäre. In I,6 ist der Gedanke nicht klar herausgekommen, überhaupt ist vieles nicht scharf genug. Es ist ein seltsames Buch, das ich immer wieder mit einer Symphonie vergleichen muß (doch nicht mit einem Tempel), weil es einen mächtigen Strom wiederkehrender Grundmotive darstellt. Aber ich glaube – von seinen logischen und künstlerischen Mängeln ganz abgesehen - daß es schwer verstanden werden wird, weil dahinter ein Umfang der Besinnung und eine historische Anschauung, eine Vertiefung in Erlebtes liegt, die heut niemand mehr zu reproduzieren fähig sein wird. Mit diesem Buch, mein Liebes, will in der Tat gelebt sein; das Lesen tut es nicht. Ich denke schon daran, ob ich nicht einige Strukturanalysen als Beispiele irgendwo folgen lassen sollte. Übrigens ist es merkwürdig, daß Spengler in einem Aufsatz in den Preuß. Jahrbüchern, den ich in s. Auftrage erhielt und der jungenhaft schlecht und frech ist, doch darin mit mir übereinstimmt: man muß sich das Gefühl für geistige Physiognomik, für morphologische Verhältnisse stärken. Das ist dasselbe, was ich Struktur nenne, (mit Dilthey), nur daß ich mir einbilde,
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| die Strukturelemente (gleichsam die Organe des Organischen am Geiste) entdeckt zu haben, die Dilthey ahnte und die Spengler nur gelegentlich trifft. Weder Riehl noch Heinrich Scholz noch Werner Jaeger werden das Buch verstehen. Wer wird es eigentlich in seiner Absicht verstehen? unter den 32, die es von mir bekommen, außer Dir höchstens Kerschensteiner und vielleicht Litt.
Aber weiter in der Wochenchronik: Gestern früh goß es in Strömen. Mit Nieschling traf ich schon um 5 am Bhf. Zo zusammen. Er hatte eine glückliche Gabe, mir allerhand Ungünstiges über mich zu berichten, das er gehört hatte, z. B. daß man über den Spenglervortrag enttäuscht gewesen sei, weil man gehofft hatte - - Spengler selbst halte ihn. Der ist nun mal der Große unsrer Zeit. U. s. f. Potsdam, von einer kühlen Frühlingsschönheit, stand noch ganz unter den Nachwirkungen der Bestattungsfeier. Die Folge war dann, daß ich im Saal, nachdem ich Nieschling in s. Wohnung mit den Ungemütlichkeiten m. Lampenfiebers lästig gefallen war, etwa 40-50 Leute vorfand. Ich glaube trotzdem gut und wirkungsvoll gesprochen zu haben. Daran schloß sich - bei schlechter Leitung - eine lange und gehaltlose Diskussion bis 11 Uhr. Ich erreichte im Laufschritt meinen Zug 11.22 und kam um ½ 2 glücklich ins Bett. Obwohl ich lange genug schlief, bin ich heut doch wie im Dämmerzustande.
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Um 11 kam Riehl, um mich "auszuladen" für heut. Er war vergrämt, wie immer, und es tut mir weh, daß ich ihm nicht aufhelfen kann. Wenn er doch wenigstens den pour le mérite bekäme!
Morgen habe ich zuerst starken Dienst: denke Dir, daß ich noch keinen Fuß ins Seminar gesetzt hab, seit ich hier bin. Abends beginnt das Zentralinstitut; aber ich bin absolut lustlos dafür! Habe noch keinen Blick hineingetan. Dienstag ist mal wieder Termin im Mieteinigungsamt, was auch nicht gut für die Stimmung ist. Donnerstag beginnt das eigentliche Semester, um bald wieder aufzuhören. Am 21. Mai ist Prenzlau. Dann aber werde ich in Sondervorträgen sehr zurückhaltend sein.
Becker ist Minister, aber malgré lui, wie ich fühle; und er wird sozialdemokratischer regieren, als wenn die Sozialdemokraten selbst das Ministerium hätten. Immerhin lese ich eben, das Marcks nach Berlin gerufen ist, der vor 1 Jahr für Bonn (als veralteter Typ) abgelehnt wurde. So sind die Besetzungen auch nur eine Frage der zufälligen Parteikonstellation - für Marcks diesmal zum Glück.
Verzeih diesen "flötigen" Brief, mit dem ich doch wenigstens unsre Gespräche fortsetzen wollte. Ich werde mir von morgen an wohl einen Ruck geben. Sonst kommt ein faules Semester heraus.
Wasche nicht zu viel, sondern genieße den Frühling im Gedenken an mich, wie ich umgekehrt mit allem Fühlen bei Dir bin. Dein Eduard.
[Kopf] Besten Dank für Klages, der anscheinend sucht, was ich habe.