Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juli 1921 (Jena/Hotel Schwarzer Bär)


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Berlin, den 11. Juli 1921.
Mein Liebes!
Daß Du völlig kaput in Heidelberg ankommen würdest, habe ich leider vorausgesehen. Es ist die notwendige Folge Deiner nach zwei und mehr Seiten hin aufopfernden Tätigkeit hier. Ich will nur hoffen und bitten, daß Du jetzt nicht gleich mit dem Großreinemachen anfängst, sondern einige Stunden am Tage Dich in der Gartenlaube aufhältst - ohne dort gerade die Marlitt zu lesen. Deine lieben Zeilen waren zwar willkommen, sind aber ein schlechter Ersatz für Dein Selbstkommen. Ich fand in meinem Schlafzimmer eine kristallene Flasche, eine leere Flasche - was soll das Ganze? Deine Schwester traf ich gestern bei Hitze im Tiergarten mit
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| beiden Damen. Lili fand es "betrübend", daß Du fort bist, "recht betrübend" - das kann man wohl sagen. Inge war wieder nicht ganz auf dem Posten. Eben habe ich Hermann gratuliert.
Am Mittwoch Abend war mir nicht extra. Die beiden Herrschaften kamen ohne die Jungens. Donnerstag kam ich stark ins Politische. Aber es wäre am besten, der Kitsch hätte bald ein Ende. Hinterzarten - Linde schreibt 45 M Heiligenberg - Post 36-40 M. Ich habe Lust, das letztere zu wählen, warte auf Nieschlings Meinung. Gestern habe ich es ihm durch Herre mitteilen lassen. Susanne war noch am Freitag Mittag - auf den Briefbogen soll einer schreiben! - am Nollendorfplatz. Auch sie schreibt sehr erschöpft - aus Insterburg.
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| Ich aber habe mich nun wirklich dem liederlichen Lebenswandel ergeben. Heut Abend z. B. gehe ich zu Harnack. Es ist sehr heiß; aber es ist auch stiller geworden. (Sonnabend war ich 1 Stde mit M. Hilgenfeld, nachm. mit Dora Thümmel im Tiergarten.) Nun sind wohl alle abgereist.
Otto Braun schreibt heute, daß er mit s. Frau in Scheidung liegt; zeitgemäß. Birkemeiers Diss. habe ich soeben erledigt. Das sind die Tagesnachrichten.
Es wäre schön gewesen, wenn Du noch bis Semesterschluß hättest hierbleiben können u. wenn wir dann nach alter Art zusammen gereist wären. Du hast mich nun mal völlig "im Betriebe" gesehen. Deine liebe Gegenwart war mir wohltuend, wenn ich auch nur wenige Stunden erübrigen konnte, und ich komme
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| mir jetzt sehr verlassen vor. Viel Schlaues werde ich nicht mehr leisten, weil ich schon zu ausgepumpt bin; aber das Semester möchte ich mit Ehren zu Ende führen. Alles um mich ist jetzt so ordentlich, nachdem Du hier warst. Und alles erzählt noch von Dir. Ich bin oft mit m. Gedanken in dem stillen Haus in der Rohrbacherstr wo ich ja im Grunde mehr zu Hause bin als hier. Für die Zukunft fürchte ich nur, daß uns der Fall der beiden Bürgermeister die Freude an unsren Waldpartien verderben wird. Unheimlich war mir schon der Weg am Heiligenberg. Aber das vergißt sich wohl.
Kannst Du vom Doktor noch Wichtiges erfahren? Am Mittwoch werde ich mich wohl entscheiden. Für heut nur diesen Gruß in Eile.
Dankbar u. treulichst
Dein Eduard.