Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Juli 1921 (Berlin)


[1]
|
Berlin, den 24. Juli 1921.
Mein Liebes! Dieses von Dir gestiftete Briefpapier ist so vorzüglich durchs Wasser gezogen, daß der intendierte Hauptzweck, nämlich das Schreiben zu verhindern, beinahe erreicht wird. Indessen ist dies nur einer der Gründe für mein langes Zögern mit der Antwort auf Deine lieben, heut vor 14 Tagen geschriebenen Zeilen. Es ging mir mit dem Gesamtnervenzustand unter dem Einfluß des andauernd abnormen Klimas - eben die ersten Regentropfen seit 4 Wochen - recht wenig gut, und die Arbeit hat sich eher gesteigert als verringert. (Es genügt zu erwähnen, daß ich von Kleinigkeiten abgesehen, seit Deiner Abreise bis 1.VIII 710 Folioseiten zu lesen habe.) Die fehlenden 8 Tage werde ich aber noch bewältigen. Im Augenblick liegt noch so viel vor, daß ich mich auf den geschäftlichen Teil beschränken will und Du wirst mir deshalb nicht zürnen.
Deine Bemühungen, meine Heiligsprechung zu bereiten, haben mich, ehrlich gesagt, nicht ganz locken zu können. Die Ferien im "Krankenhaus", und dazu in stark katholischer Umgebung, wären mir nun einmal nicht sympathisch. Du weißt ja, daß ich wunderlich und undankbar bin. Aber ich stehe seit Wochen mit dem Hôtel Post in Korrespondenz. Sie wollen mir zum 8. August ein Einzelzimmer nach Süden (wie gewünscht) allerdings Mansarde, für 36-40 M freihalten. Ich habe jetzt nur noch wiederholt um Auskunft gebeten, ob das Zimmer zum Schreiben hell u. groß genug ist. Fällt die Antwort positiv aus, so ist alles perfekt. Andernfalls beginnt das Suchen von neuem, und dann wird wohl der Heiligenberg nicht mehr in Frage kommen. Die Sache mit Nieschling ist natürlich nichts geworden. Stattdessen war der liebe Vater Riehl naiv genug, meinen ratlosen – Fakultätskollegen - den Heiligenberg warm zu empfehlen!
Wichtiger aber ist ein anderer Punkt. Am 9. Oktober finden hier die Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt, die das OVG aufgelöst hat. Es handelt sich um einen schweren Kampf des Bürgertums gegen eine besonders üble Sippschaft. Ich halte es für Pflicht jedes einzelnen, der übhpt seine Zeit einigermaßen einteilen kann, dann hier zu sein. Das würde aber heißen, daß ich Anfang September noch
[2]
| nicht zurückkehre, sondern - und dahin geht meine Frage, ob das möglich ist, gleich vom Heiligenberg oder sonsther - nach Heidelberg käme. Ich müßte dann dort allerdings die beiden Vorträge machen, und würde spätestens am 26.9. nach Jena fahren, von dort nach Cöln u. Düsseldorf, und ca am 5.X. hierher zurück. Ganz fest steht alles noch nicht, teils wegen Wahltermin (?), teils weil ein Wohnungswechsel hier, wenn nämlich auf das gestern gedruckte Inserat gutes Angebot käme, doch wohl ratsam wäre.
Meine Erlebnisse in der Zwischenzeit kann ich nicht alle erzählen. Ich war mit den sog. Getreuen draußen; sie gaben sich alle Mühe, ohne daß es ihnen gelang, meiner Seele so nahe zu kommen, daß ich mich an frühere glückliche Schulausflüge entfernt erinnert gefühlt hätte. Eine große Qual bedeuten zeitweise die Durchreisenden. Prof. Louvaris, am nächsten Tag 6 Biermanns, Tags vorher Frl. Paul <Wort unleserlich> u.s.f. Bei Frau Paulsen war es schön, mit Dietrich Schäfer allein, der nach Dir fragte u. übhpt ein lieber Kerl ist. Weniger angenehm bei Harnacks. Die Vorlesungen sind noch gut besucht, nicht so die Übungen, die jedoch am letzten Sonntag [über der Zeile] Freitag zu sehr interessanten Auseinandersetzungen mit der Jugendbewegung führten (verzeih, ein hundsmiserables Papier.) Es war der Vortrag, von dem die beiden hinter Dir sprachen. Die kleinere Dame hat es exzellent gemacht; der Herr Spree, mein lieber Freund, wurde von mir an s. menschlichen Wurzeln gepackt.
Heute bin ich ernstlich verstimmt durch die anstrengende u. maßlos langweilige Lektüre der plötzlich fertiggestellten Habilitationsarbeit v. Hans Heyse. Sie handelt angeblich von Philosophie des Geistes, von der er keine Ahnung hat. Ich glaube nicht, daß sie so durchzubringen ist. Troeltsch würde widersprechen, und ich selbst werde sie nicht annehmen können, ohne die Freundschaft wider die Pflicht über Wissenschaft zu stellen. Das zu sagen steht mir heut Nachm. bevor. Übrigens ist s. Schwester eben hier.
Daß ich mit den Deinigen in der Kurfürstenstr. in gar kein Verhältnis komme, ist auch mir schmerzlich. Aber wenn 2 nicht zusammen kommen, braucht
[3]
| es nicht immer meine Schuld zu sein. Ich habe immer den Eindruck des absolut Unpersönlichen, Fremden, mit ganz andern Dingen Beschäftigten. Nicht bei ihm, er ist mir ganz zugänglich. Aber mit Deiner Schwester, für die ich doch seit 1904 ein faible hatte, komme ich nicht weiter, und mi der alten Dame nun schon garnicht. Aus diesem Grunde kann ich auch nicht gut mit m. Sachen dort einrücken, obwohl ich ratlos bin, wohin damit.
Die letzten Begegnungen mit m. Vater waren nicht erfreulich. Er quält mich mit s. Wohnungsegoismus, ohne daran zu denken, daß ich in dieser Sache doch genügend Opfer bringe. An s. Geburtstag war ein ungeheurer <2 Wörter unleserlich> dort. Auch Ludwig, mit dem ich gestern ein paar gute Stunden hatte. Morgen soll ich zu den Potsdamern. Sie haben sich ein Monitum zugezogen, weil sie das Proseminar in corpore schwänzen. Wenn ich morgen hinfahre, werde ich ihnen noch einmal sagen, daß ich gar keinen Anlaß habe, Studenten durch Zeitwidmung auszuzeichnen, die sich in ihren Leistungen nicht auszeichnen.
Zur Hauptsache komme ich - äußerlich - zuletzt. Dein hartnäckiger Husten mißfällt mir. Der Staub in H. wird dafür auch nicht gut sein. Wie steht es jetzt damit? Ist der Dachdecker auch ein zuverlässiger Mensch? Und wann kommt der Vorstand zurück?
Trotz alles Trubels fühle ich mich hier jetzt recht einsam. Ich war eben verwöhnt. Die kleine Lore, die mir im letzten Jahr eigentlich lieb geworden ist, geht nach Degerloch bei Stuttgart. Bald ist alles verreist. Ich habe das Gefühl, als ob ich dieses Semester nichts Vernünftiges geschafft hätte. Und für die Ferien liegt leider so viel vor.
Aber ich muß abbrechen. Nimm mit diesen schnellen Zeilen vorlieb. Ich hoffe schon jetzt wieder auf ergiebigere Gespräche in dem (unheimlichen) Heidelberg. Sorge für Deine Gesundheit und sei viel tausendmal gegrüßt von Deinem Eduard.
[] Das bunte Papier liegt in dieser "vortrefflichen" Mappe.