Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. September 1921 (Jena)


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<die Kopie ist schlecht zu lesen>
Jena, den 28. September 21
nach Tisch.
Mein innig Geliebtes!
Nicht alles, was ich nach unsrem Abschied auf dem Herzen habe und gern sagen möchte, kann ich Dir aus dieser Kongreßunruhe heraus sagen. Ein Brief kommt also nicht aus Je. Dies ist ein "Bericht", den ich auf dem Knie in meinem entzückenden Dachfenster schreibe, damit ich den rechten Arm in der Sonne halten kann.
Mir ist es gegangen wie einem Vogel, der aus dem warmen, weichen Nest gefallen ist. Der Kontrast war wohl zu groß und zu plötzlich. Aber auch das kommt hinzu, daß es mir wieder garnicht gut geht. Und hier ist doch keine Ruhe, nicht einmal um zu sehen, ob das Herzunregelmäßigkeit ist oder Fieber. Aber wie mir alles dadurch erschwert und zu einer freudlosen Anstrengung wird, kannst Du Dir denken. Bauchs sind entzückend, vor
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| allem sie, und die beiden Kinder sehr lieb und hübsch. Der älteste ist in - Tannroda (weißt Du? Pfingsten 1917?)
Am ersten Abend konnte ich um 11 ins Bett und habe relativ gut bis ½ 8 geschlafen. Dann in den schwarzen Rock. Kurz vor Beginn kamen wir ins Volkshaus. Ich konnte mich nicht mal mehr beim Vorsitzenden melden. Die Begrüßungen gingen schnell. Wilamowitz, frenetisch begrüßt, gab nur eine Art "Vermächtnis" und war um 11 fertig. Als ich gegen ½ 12 anfangen konnte, waren wohl noch gegen 750 Hörer da. Aber eine schauderhafte Akustik. Gewiß, ich war angegriffen; aber da ich alle Kraft konzentrierte, so hätte ich auch unter andern Umständen nicht lauter gesprochen. Anscheinend war hinten nichts zu verstehen. Es setzte eine Massenflucht ein, wohl 150 gingen fort. Aber (trotz dieses hemmenden Eindrucks) habe ich unter starker Aufmerksamkeit der vorderen Reihen meine, wie ich fühlte, für diesen Kreis zu
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| schweren Ausführungen vollenden können. Und daß ich es los bin, ist die Hauptsache. Darüber hinaus glaube ich sagen zu können, daß der Vortrag auf die besseren Köpfe einen starken Eindruck gemacht hat, und daß er eine Art Mittelpunkt für eine neue Bewegung dieses Kreises werden wird. Jedenfalls hat er für m. Bestrebungen (u. die Lebensformen) ein ungeheures Interesse erweckt. Die Folge war natürlich, daß ich von 1000 Seiten angekriegt wurde. Sehr viele Leipziger sind hier (auch Jungmann), sehr viele Berliner, dann, um nur einige zu nennen: Boll, Friedmann, Metzger-Hoesch (Düsseldorf), Wust (Trier) Holzhausen (zufällig), alte Promovenden und dinnen, nur Muthesius nicht. Der erste, der mir die Hand gab, war Wilamowitz. Gleich am Nachm. klangen in der Päd. Sektion die Töne fort, z. T. sehr gut. Um 7 ging ich mit Goldbeck, der auch ruhebedürftig war, solo in den Schwarzen Bären u. trank ½ Fl. Burgunder. Er macht
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| die beste Reklame für die Lebensformen. Erzählte viel vom Ministerium. Es geht dort nichts weiter. Becker schon im Abgehen, Goldbeck desgl. - Um 10 kam ich ins Bett. Heut habe ich nichts zusammenhängendes gehört, weil es in allen Hörsälen zu kalt war. Nachm. will ich Wundt, Eucken u. Weinels besuchen. Weinel schon kurz gesprochen. Abends mit Meister (Wien), Bauchs u. a. Morgen Nacht, wenn mir einigermaßen so ist, fahre ich 11.33 ab u. gleich durch nach Part., behalte mir aber vor, unterwegs ev. auszuruhen. Jena ist jetzt wunderschön, schade, daß ich davon wieder nichts haben kann.
Ich kann hier an unsre Freundin u. Herrn Doktor noch nicht schreiben - sage ihnen dies bitte. Aber natürlich denke ich immerzu an die Rohrbacherstr. Und die Seligkeit dieser - nur äußerlich behinderten 7 Wochen ist in mir so stark, daß ich den ganzen Rummel hier wie etwas Unwirkliches empfinde. Trotzdem mußte ich dir davon berichten. Für das übrige kaufst Du wohl die Wiss. Zeitung [unter der Zeile] Mittwoch früh oder die Tägl. Rundschau. Ich selbst habe natürlich davon noch nichts gesehen. Viel tausend <li. Rand> innigste Grüße und gute Erholungswünsche (ohne gegens. Massage) Dein Eduard.