Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Oktober 1921 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 1. Oktober 1921.
Mein innig Geliebtes!
Also wirklich, ich bin nun hier, empfangen von Deinem Brief, begleitet von Deinen noch immer ganz munteren Röschen. Meine Karte aus der Bahn und der Brief vom Tage vorher haben Dir die äußeren Schicksale berichtet. Ich habe nur hinzuzufügen, daß in Nürnberg alles bereist war, daß ich in München sofort Anschluß hatte und daß Felizitas mich an der Bahn empfing.
Jena war nicht der Ort, sich einsam zu fühlen. Aber ohne Dich zu sein, ist für mich Einsamkeit. Mir ist, als ob die gemeinsamen Wochen der Normalzustand wären, und das andre nur kommissarisch, oder Verreistsein. Mit Worten danken kann ich Dir ja nicht für all die Mühen und Anstrengungen und Opfer,
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| die es besonders diesmal gab. Aber nimm an, daß alles, was mir "draußen" gelingt, Dir dargebracht sei als ein verwandelter Dank. Und so lebe ich doch jede Stunde und jede Minute mit Dir.
Dein Bericht vom 28. läßt mich an den vielerlei Eindrücken teilnehmen, die Du inzwischen hattest. Mir war, um es noch einmal zusammenzufassen, Jena eine physische Qual. Erst am 3. Tage fühlte ich mich normaler, und sobald ich in der Bahn saß, wurde ich erstaunlich munter; das nahm v. München an zu. Jedoch muß ich wiederholen, daß es bei Bauchs sehr nett war und daß besonders sie und der kl. Gerhard mir wahrhaft lieb geworden sind. Der innere Erfolg für m. Standpunkt (für die Lebensformen) ist, glaube ich, ganz gewaltig. Müller Freienfels ist auch ein erfreuliches Symptom. Er hat selbst ein Buch über Psych. der Individualität geschrieben, mit
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| den Mitteln der alten Psychologie. Um so hübscher seine Anerkennung. Gesehen habe ich ihn nur einmal vor 11 Jahren. Über Kerschensteiners Widmung freue ich mich ungeheuer, besonders auch, weil es ein sehr schönes Buch sein wird.
Hier ist es auch wieder gleich heimisch. Ich kam bei strahlender Sonne, aber kühlem Wetter an. Heut ist es gleichfalls wunderbar, aber heiß u. verdächtig. Diese Krakelzeilen schreibe ich auf dem Balkon. (Mit dem rechten Arm hast Du recht; da haben die .... Thermalbäder etwas entwickelt; hoffentlich geht es so vorüber; links ist ganz in Ordnung.) Alle Angehörigen und Zugewandten des Hauses Witting sind dick geworden; nur Anderl enorm gewachsen. Felizitas wenig in die Länge. Breite ansehnlich, Gesicht nicht eben hübscher geworden. Aber das Wesen so unverändert und rein kindlich, als ob keine 13 Monate dazwischen lägen. Ich wohne diesmal im 1. Stock, vom Beschauer aus ganz links. Das Zimmer ist
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| groß, an 2 Seiten Fenster, alle dick zu verhängen, ein elektrischer Ofen, nun, wie es eben für Herrn mit Zipperlein paßt. Der Ort ist relativ still. Fast keine Anzeichen von Herbst am Laub. Vielleicht bin ich heut in 14 Tagen auf der alten Höhe. Denn das, wie mich ein Vortrag angreift, ist nun wirklich pathologisch. Aber ich glaube, dieser war nicht umsonst für die, auf die es ankommt.
Ich habe eine Aufforderung, in Düsseldorf einmal zu reden, für 2500 M! Trotzdem schwanke ich. Zu traurig, dies physische Versagen.
Halte doch jetzt nach Möglichkeit etwas Ruhe. Der Winter wird schwer. Du darfst ihn nicht mit einem Minus anfangen. Nimm dich auch in acht, daß Du nicht wieder in den Chausseegraben fällst. Ich beunruhige mich so sehr.
Bald mehr. Ich bin Dir nah in Liebe, mein Herz.
Dein Eduard.