Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Oktober 1921 (Partenkirchen)


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Partenkirchen, den 16. Oktober 21.
Sonntag. 3 Uhr.
Mein teures Lieb!
Mein großer Brief wird Dir die Mehrzahl Deiner Fragen längst beantwortet haben, so daß die beil. Karte, mit der Du Dir Mühe gemacht hast, jedenfalls überholt ist. Ich schreibe heut wieder aus verschiedenen aktuellen Gründen. Mehrere Tage ist es mir recht gut gegangen. Die Beweglichkeit war überraschend schnell wieder da. Es war auch immer Sonne, bis auf gestern. Auch heut, aber sehr abschiedsmäßig. Nur scheint, als ob der Nachschub käme, der so um den 20. herum fällig ist. Nachts sind schon wieder etwas Schmerzen u. Bewegungshinderung. Auch links ist es nicht ganz geheuer. Deshalb schreibe ich schon heut. Meine Stimmung ist nicht gut; und da fehlt mir eben das beste Heilmittel, das nur in Heidelberg zu haben ist. Ich bin voll Sorgen (politischer und privater) Am "Ich" habe ich angefangen zu schreiben. Aber es kommt schlecht heraus, u. übhpt bin ich nicht in Produktionsstimmung, trotz der herrlichen Landschaft, glänzenden Essens, großer Ruhe etc.
Ehe ich es vergesse: Bardenheuer ist doch Halbinvalide.
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| Kommt für den Zweck nicht in Betracht. Mein Arzt, Dr. Gazert, hat einen Assistenten. Allenfalls könnte die betr. es mit einer direkten Anfrage bei <Name erst in lateinischer Schrift> Dr. Borggreve (Borggreve), leitendem Arzt vom "Sonnenheil" in Part. versuchen. (früher Bardenheuer, wo D. Th. war.) - Übrigens: hier enorme Bautätigkeit, Geschäft, Unternehmungslust.
Die Vorlesung sage ich morgen ab, auch wenn keine Antwort vom Ministerium kommt. Ich kann es einfach nicht. Kann auch vor frühestens 24.X nicht reisen. Briefe m. Vaters u. Zusammentreffen mit Frl. Guttmann haben folgenden Entschluß in mir reifen lassen: Es geht nicht mit der Wohnung am Kurf., ist ungesund, und G ist mir nun mal nur bei voller Kraft erträglich. Andrerseits fühle ich so dunkel, daß die Schelck sich nicht mehr lange wird halten lassen. Es muß jetzt eine Einrichtung getroffen werden, die zwar nicht billiger sein wird, aber mir ein eignes Heim gibt u. die finanzielle Kontrolle in die Hand bringt. Ich will versuchen, auf dem Wege des Tausches gegen Pestalozzistr (wo nun Frl. Jacoby um
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| Zuschuß bettelt = 100 M) eine 5 Zimmerwohnung zu bekommen. Kostet sie selbst 3500 M (ohne Heizung), so spare ich an der Wohnung immer noch 2500 M, die für anderes frei wird. Als Wirtschaftsführerin kommt entweder die Mutter der hiesigen Schwester in Frage, die einfach u. tüchtig sein soll, oder Frau Steidl, die laut Brief mit viel einfacherer Dame [über der Zeile] in Berlin! wegen so was in Verhandlung steht. Oder es findet sich schließlich auch ein dritter. Beim Umzug muß in der Pestalozzistr. einiges verkauft werden; das erleichtert die Kosten. Zeit habe ich, wenn ich nicht lese. Und helfen werden mir Adelheid, Susanne, und ev., wenn es ans Einrichten geht, wie 1911 Du. Ich halte dies nicht für unüberwindlich. Die Bedenken von wegen Harmonie des Zusammenlebens müssen schweigen. Es muß einmal finanzielle Ordnung werden. Wenn m. Vater abgerufen wird, kommt diese Veränderung doch. Ich halte das chambre garnie leben nicht mehr aus, und diese Begründung muß genügen. Natürlich muß die Lage der Zimmer so sein, daß völlige Trennung möglich, und viel Zusammensein kommt bei m. Lebensweise doch nicht
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| heraus. Dies das Projekt. Gelingt der Tausch nicht, so ist natürlich zunächst nichts zu wollen. Dann bleibt als zweites: Wechsel für mich (nur halbe Lösung) u. junges Ehepaar in die Pestalozzistr, das Pflege m. Vaters übernehmen muß. So wie es ist, ist es unerschwinglich. Ich muß fast alle 3 Wochen 1000 M schicken u. bin noch immer in Sorge.
Dies also der Hauptpunkt. Ich freue mich, daß bei Dir wieder Ruhe u. Ordnung eingekehrt ist. Hofflich zeichnest Du in der Hautklinik nicht nach dem Original. Hier ereignet sich trotz großer Post wenig Beachtenswertes. Es ist still, aber nicht produktive Stille, wie ich sie sonst hatte: es geht mit mir zurück u. ist mit mir nicht viel los.
Eins noch zu oben: Deine Liebe und Opferwilligkeit ließ Dich früher planen, mir durch Leitung der (gemeinsamen) Wirtschaft m. Vaters u. meiner selbst zu helfen. Ich weiß, was ich dadurch hätte. Aber ich weiß ebenso genau, was ich dadurch verlöre. Ich möchte nicht, daß sich die heilige schöne Sonntagswelt in Heidelberg (früher Cassel) für mich schließt. Ich brauche Dich für Innigeres u. Höheres als Kochen. Deshalb bitte ich Dich, vorgreifend, diesem Gedanken nicht näherzutreten, was nicht ausschließt, daß ich in jeder Notlage nach Dir rufen werde u. gewiß bin, daß Du hörst. Viel Herzliches an den Vorstand, vor allem aber an Dich selbst, mein Lieb Dein Eduard.
[re. Rand] Korrespondenz mit Krieck - überschätzt.
[Kopf] Am Donnerstag marschierte ich in Morgensonne um ½ 9 auf den <2 Wörter unleserlich>, war um 10 dort u. saß eine Stunde im <li. Rand> Anblick m. Offenbarungsberges, wobei ich den Plan des "Ich" entwarf. Dies die einzige Unternehmung.
[Kopf S. 1] Hast Du von Joh. Wezel direkt gehört? Ich immer wieder. Auch von Düsseldorf.